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Das Verlorene Land

Mit uns oder gegen uns
Begebt Euch in das Verlorene Land, das weit im Osten des Imperiums der Schwarzblüter liegt, so Ihr Euch traut. Ein tief in die Erde eingelassenes Stück Erde, verborgen unter dampfenden Dschungel, eingeschlossen vons tielen, annähernd eine halbe Meile hohen Felswänden. Ein Ort, reich an exotischen Rauschdrogen und tödlichen Giften. Sein dichtes Blätterdach wabert in der starken Hitze, und Nebelschwaden wandern durch die nasse Luft. Der Dschungel im Verlorenen Land ist ein Paradies aus saftigen Grün, voll todbringender Pracht und Nektar, der brennt wie Säure.
Wahrlich, keine schönere Hölle liegt auf dieser Erde!
Unter dem Blätterdach des Regenwalds winden sich tiefe und böse Schatten. Riesige Bäume drücken einander nieder im Kapmf um den Platz an der lebenspendenden Sonne, und das immerwährende Wachstum der Ranken zieht alles in die trübe grüne Wassertiefe. Messerscharfe Ranken, bestialische Dornen und ätzende Brühen sind die Werkzeuge des grünen Todes. Ruht Eure Leiber aus, daß sie nicht ihre letzte Ruhe finden im Verlorenen Land, spürt schon den blutigen Kuß der tausend Egel, die Einsamkeit der Eure Mannen verschlingenden Schlammlöcher.
Kommt, wenn Ihr bereit seid, doch besser: Bleibt, wo ihr seid!
Bleibt fern, begebt Euch nicht in die Hölle, denn sie ist das Reich der Kinder des Moors. Mögt Ihr auch den Klauen des Dschungels entrinnen, die Konder der Moors sind Euch über. Sie sind eins mit den Bäumen, in denen sie leben, und der Dschungel selbst kämpft an ihrer Seite. Sie zähmen die Kreaturen aus Euren Alpträumen und fliegen auf riesigen summenden Flüglern, deren aufgedunsene Körper ein Plattenpanzer schützt, und in ihren feuchten Augen glimmt der gelbe Glanz der Fäulnis. Sie, die wir verächtlich Sumpfgoblins nennen, beanspruchen dieses Reich für sich, es ist ihr Land, ihr Paradies, ihre Heimat.
Nichts haben sie zu schaffen mit dem Imperium der Schwarzblüter, doch der Kaiser ist ganz anderer Ansicht. Sie aber spotten ihm und seinen Schergen und verwehren dem Orden des Leuchtenden Stern und seinen Alchimisten unverzagt den Zutritt in ihr Reich. Doch nun ist ein neuer Pakt in der Welt, zwischen den Kindern des Moors und dem Haus der Jade, der dekadenten Elfenstadt am Rand der grünen Hölle. Viele Jahre schon umgarnte die Jadefestung am Rand des Abgrunds die Goblins des Dschungels, denn nur im Verlorenen Land liegt ihr Traum, die Macht des prächtig gülden Lotus, verborgen. Niemand hat ihm je seine Geheimnisse abgezwungen, und die Elfen versuchen es seit Jahrhunderten ohne Unterlaß. Doch allein die Kinder des Moors wissen, wo der Gelbe Lotus wuchert - nur sie kennen das Geheimnis seines Anbaus. Ihre Allianz hat den Sumpfgoblins nunmehr den Mut eingehaucht, sich endlich gegen den Blutthron der Schwarzblüter zu erheben.
Nisar muß schnell handeln, denn die Flammen der Revolution fressen sich mit beängstiger Geschwindigkeit durch sein Reich. Schon erheben die ersten Goblinfürsten in Terakan ihre Stimme gegen seine Macht, doch Nisar wird Terakan niemals aufgeben. Es wird ein Exempel stattfinden. Das Imperium muß stark bleiben - vereint.
Mit Nisar Worten:
"Das Verlorene Land marschiert entweder mit uns oder gegen uns."


Kaiser

Im Jahre 323

Nisar Blutband schritt hinüber zu den fein gemeißelten Steinpalisaden, durch die er von seienm Hof aus den Blick auf seinen Palast richten konnte. Sein Blick wanderte durch das Gitterwerk aus Stein, doch er sah nicht die Gärten, die Spazierpfade oder die astronomischen Instrumente des Ordens des Leuchtenden Sterns. Er sah nur Trümmer und Zerstörung. Er sah die edle Stadt Kharabad in Ruinen - vernichtet durch das Feuer der Revolution. Das Imperium der Schwarzblüter, zerstört von denen, die nicht verstanden, was es bedeutet, zu herrschen. Die Hände des Ogerkaisers ballten sich hinter seinem Rücken zu Fäusten. Aber was die Goblins nicht wußten, das würde er sie lehren. Er würde ihnen zeigen was es bedeutet, Kaiser der Schwarzblüter zu sein. Schließlich wandte er sich um zu seinem Großwesir Bokhir.
"Warum jetzt, Bokhir?"
"Weil wir verwundbar sind, mein Herr", antwortete Bokhir ohne zu zögern.
"Wie das, Bokhir?" Die Stimme des Kaisers hatte einen gefährlichen Unterton, und Bokhir wußte, daß er aufpassen mußte.
"Weil das Imperium der Schwarzblüter das größte Reich der ganzen Welt ist - und wir an vielen Fronten kämpfen. Von den Steppen des Norden bis hin zur sengenden Wüste des Lands der Zwei Flüsse schlagen wir die anderen Rassen zurück, und wir verteidigen unsere Grenzen gegen die Lakaien und die dreimal verfluchten Stygianer. Doch bei all diesen Gefahren für Euer Reich sind die Armeen hier in Kharabad geschwächt. Die Goblins haben den Zeitpunkt mit der für sie üblichen Gerissenheit gewählt, denn es kann Monate dauern, bis wir eine Armee gesammelt haben, mit der wir die Streitmacht besiegen könnten, die sich gegen uns sammelt."
"Du bist also davon überzeugt, daß die Sumpfgoblins das Verlorene Land verlassen werden ... etwas, was sie seit über tausend Jahren nicht gewagt haben?"
"Ja, mein Herr, davon bin überzeugt. Dem Goblinfürsten des Baums des Lebens ist es wie keinem vor ihm gelungen, die Stämme zu vereinen. Und sie haben mit dem Elfenhaus der Jade verbündet, das seinen Sitz am Weltenrand hat. Zusammen mit den Goblinfürsten von Terakan ist ihre Streitkraft groß genug, um uns in unserer gegenwärtigen geschwächten Lage zu überwältigen."
"Das Jadehaus der Elfen", schnaubte Nisar höhnisch. "Ein Höhle voller benebelter Drogensüchtiger - geschwächt von ihrer Sucht nach Rauschgift, das sie von unseren Untertanen erpressen."
"Unsere Untertanen?" fragte Bokhir und hob dabei eine Augenbraue. "Die Goblins aus dem Verlorenen Land gehörten dem Imperium niemals an, mein Herr. Sie gewährten uns Zutritt zu den Dschungel und zahlten uns aufgrund uralter Bande Tribut, sonst nichts."
"Sie sind Schwarzblüter, oder bist du anderer Ansicht?" Nisar bedachte seinen Ratgeber mit einem kalten Blick.
"In der Tat, mein Herr, das sind sie", erwidert Bokhir nervös. "Doch sie gehorchen dem Lied des Verlorenen Lands und nicht der Autorität des Blutthrons. Und wie die Elfen des Jadehauses sind sie durch den Konsum des Gelben Lotus stark geworden. Wir dürfen sie nicht unterschätzen, mein Herr."
"Ich verfluche dieses verdorbene Unkraut!" knurrte Nisar. "Dreht sich in dem Verlorenen Land denn alles um den Gelben Lotus?"
"Ja, mein Herr, so ist es", antwortete Bokhir zurückhaltend.
Nisar beruhigte sich, selbst ein düsteres Lächeln warf er seinem Großwesir entgegen.
"Mag sein, Bokhir, mag sein. Du bist also der Ansicht, daß dieser Aufstand eine echte Bedrohung für unsere Position darstellt?"
"Unter den gegebenen Umständen ... durchaus, mein Herr."
Nisar nickte und ließ sich auf dem Blutthron nieder.
"Wie lange wird die Delegation der Goblins brauchen, bis sie Kharabad erreicht?"
"Drei Wochen, mein Herr, höchstens vier."
"Und wie werden ihre Forderungen lauten?"
"Die Goblins von Terakan verlangen ein eigenständiges und unabhängiges Goblinimperium, doch insgeheim haben sie es auf den Blutthron abgesehen."
"Ha!" Nisar stieß ein schrilles Gelächter aus.
"Die Sumpfgoblins verlangen eine sofortige Lösung und ein Ende der Exkursionen der Alchimisten des Leuchtenden Sterns in ihr Territorium. Darüber hinaus fordern sie die Rückkehr von Sarukh'ti Nishtar."
"Ah, der Sarukh'ti Nishtar", Nisar lächelte, "der Geist des Verlorenen Landes", eines unserer wertvollsten Besitztümer." Nisar wurde einen Moment nachdenklich. "Und die Elfen", fuhr er fort, "was verlangen sie in dieser Angelegenheit?"
"Sie sind auf unserem Sturz aus, wie immer, mein Herr. Indem sie uns stürzen, wollen sie ihre Position unter den anderen Elfenhäusern stärken. Außerdem würden sie sich die Loyalität der Sumpfgoblins sichern, denn nur diese kennen das Geheimnis des Anbaus des Gelben Lotus."
"Hmm! Wir leben in interessanten Zeiten, Bokhir."
"Wie immer, mein Herr."
"Und wie lange werden wir brauchen, um eine Armee aufzustellen, mit der wir diese Rebellion niederwerfen können?"
"Mehrere Monate, mein Herr. Doch die Delegation wird in einigen Wochen hier eintreffen, und sie wird eine Antwort verlangen."
"Dann sollten wir ihnen eine Antwort geben, Bokhir." Die Augen des Kausers glühten vor Wut. Er hob die Stimme. "Herein!" befahl er.
Das Portal des Thronsaals schwang auf, und ein Diener mit einer verstärkten Eisentruhe betrat den Saal. Eine bewaffnete Wache umringt ihn, als er sich näherte und die Truhe vor dem Thron abstellte. Bokhir betrachtete die Truhe. Er wußte, was sich in ihr befand, und fragte sich, was in dem Kaiser vorging. Er war es nicht gewohnt, im unklaren gehalten zu werden. Ein Angehöriger der Wachen kniete vor dem Kaiser nieder und überreichte seinem Herrn einen reich verzierten Schlüssel. Nisar blickte Bokhir an, der den Schlüssel entgegennahm.
"Geht!" verlangte Nisar, und die Wache entfernte sich. "Öffne die Truhe, Bokhir."
Bokhir zögerte einen Moment, bevor er den Schlüssel in das Schloß steckte und die Truhe öffnete. Der Inhalt der Truhe verschlug ihm den Atem: ein riesiger Smaragd, der im Inneren leuchtete. Bokhir hob den Sarukh'ti Nishtar vom Samtpolster und legte ihn auf den Tisch, der neben dem Blutthron stand. Anschließend sah er seinen Kaiser an, wartete auf eine Erklärung.
"Prächtig, nicht wahr?" fragte Nisar.
"Wahrlich, mein Herr."
Der Smaragd hatte die Größe eines Kinderkopfes und die Form eines gewaltigen Flaschenkürbisses, ähnlich den Behausungen der Sumpfgoblins. Für die Sumpfgoblins war er ein heiliges Artefakt, und sie würden alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um ihn wieder in ihren Besitz zu bringen.
"Sag mir Bokhir, würdest du dieses Spielzeug weggeben, um das Imperium zu retten?"
"Ja, mein Herr. Ich habe keinen Sinn für solche Sachen."
Nisar lächelte seinen Ratgeber an.
"Mir geht es genauso, Bokhir. Auch ich würde es preisgeben, um das Imperium zu retten - wenn ich müßte. Es sieht ganz so aus, als müßten wir uns ein wenig Zeit erkaufen, wenn wir unsere Position halten und diesen Aufstand niederschlagen wollen, nicht wahr?"
Bokhirs Verstand raste in dem Versuch, die Gedanken seines Herrn zu ergründen. Er begann den Smaragd als ein mächtiges Werkzeug in dem Spiel zu betrachten, das ihnen bevorstand.
"In der Tat, mein Herr."
"Denkst du, dieser Stein, dieser Geist des Verlorenen Lands, kann uns die Zeit kaufen, die wir benötigen?"
Für Bolkhir ergab die Sache langsam einen Sinn.
"Der Baum des Lebens liegt tief im Herzen des Verlorenen Lands, mein Herr. Ein Botschafter würde Wochen benötigen, bis er dem Goblinfürsten den Sarukh'ti Nishtar übergeben könnte."
"Ganz meine Meinung, Bokhir. Und wen könnten wir auf eine solch beschwerliche Reise schicken? Wer hat das Vertrauen der Goblins von Terakan und die diplomatischen Fähigkeiten, um sicheres Geleit durch die gefährlichen Dschungel des Verlorenen Lands zu erhalten?"
"Ich denke, unser ergebener Reichsstatthalter Tarimek Asis eignet sich ganz hervorragend für diese Mission, mein Herr. Obwohl viele sein geringes Verlangen nach Gewalt belächeln, weil sie es als Zeichen der Schwäche betrachten."
Nisar lachte sanft.
"Asis schlitzte einmal einem Troll für eine allzu geringe Zurschaustellung des gebührenden Respekts den Bauch auf. Er nagelte die Hand des Ungehorsamen auf seinen Speisetisch und beendete sein Mahl, während die Eingeweide die Fliesen seines Palastes beschmutzten. Wüsstest du, daß ich ihn aus den Reihen der Todessucher rekrutiert habe?"
Bokhir hob noch einmal eine Augenbraue. Es schien ein Tag voller Überraschungen zu sein.
"Zweifle nicht an der Stärke von Tarimek Asis, Bokhir. Er ist ein POger und ein Schwarzblüter - er wird dem Blutthron bis zum Ende dienen, und er wird ihm gut dienen." Nisar richtete seinen Blick auf einen entfernten Punkt. "Er soll sich unverzüglich auf den Weg zu meinem Palast machen, Bokhir. Wir dürfen keine Zeit verlieren."
"Sofort, mein Herr", erwiderte Bokhir, während er sich aus dem Thronsaal entfernte.
Er lächelte, als sich das Portal hinter ihm geschlossen hatte. Sein Herr und Meister würde nicht ein einziges Reiskorn aufgeben, um sein Imperium zu retten, wenn dies auch nur den geringsten Gesichtsverlust in den Augen derer bedeuten würde, die ihn mit Gewalt zwingen wollten. Er hatte beinahe Mitleid mit den Goblins von Terakan. Die Sumpfgoblins waren eine andere Angelegenheit, denn die Dschungel des Verlorenen Lands waren ihr Reich und es wäre eine Schande, wenn sie Tarimek Asis an die gefährliche Schönheit der Dschungel verlieren würden. Ein geringes Opfer für das Wohl des Reichs, doch nichstdestoweniger eine Schande ... wenn man es nicht irgendwie vermeiden konnte.



Herbeirufung

Der riesige Ballon aus Seide strauchelte im eisigen Wind, als die Orks in dem Landeturm versuchten, ihn zu sichern. Noch zwölf Tage bist Kharabad! Asis hatte noch nie von einer so schnell Reise gehört. Die Alchimisten an Bord waren erschöpft von der Anstrengung, die es sie kostete, das Gefährt in der frostigen Kälte der Nördlichen Provinz zu halten. Und doch wollten sie sich nicht ausruhen. Als Begründung gaben sie an, sie müßten auf den persönlichen Befehl des Kaisers hin so schnell wie irgend möglich mit Tarimek Asis zurückkehren. Die gewaltigen Vögel, die das Gefährt durch die Stürme und die gefährlichen Winde zogen, wurden schnell von ihrem Fluggeschirr befreit. Während sie fraßen, wurde vorsichtig das Eis entfernt, das schwer auf ihren Flügeln lastete.
Asis las die Schriftrollen, die vor ihm ausgebreitet waren. Die erste war tatsächlich eine Ladung nach Kharabad, und sie trug das Siegel des Blutthrons. Die zweite war rätselhafter. Sie trug das Siegel des Ordens des Leuchtenden Sterns und beinhaltete eine kurze Abhandlung über die Gesellschaft der Sumpfgoblins. Asis las den Aufsatz noch einmal und überprüfte erneut, ob er der richtige Empfänger war.
"Die Sumpfgoblins sind eine wilde und kriegerische Rasse. Hunderte von Stämmen versuchen die Grenzen ihrer Reiche zu vergrößern. Die stärksten Stämme kämpfen um den Besitz der großen Bäume, die als Kalebassenstädte bekannt sind. Diese lebendigen Städte werden von den Sumpfgoblins gepflegt und versorgen sie im Gegenzug mit allem, was sie zum Leben benötigen - Nahrung, Obdach und dem allgegenwärtigen Gelben Lotus, der die Grundlage ihres Wisses darstellt und jeden Aspekt ihres Lebens beeinflußt. Die gelben Augen der Sumpfgoblins sind ein Zeichen des Gelben Lotus, der durch ihre Adern fließt. Die Kämpfe um die Vorherrschaft über die Kalebassenstädte sind brutal und kurz, doch Gerüchten zufolge werden die Bäume selbst niemals beschädigt, und sobald ein Stamm besiegt wurde, flieht er schnell aus dem Gebiet und überläßt dem Sieger die Herrschaft über die Kalebassenstadt.
Noch merkwürdiger aber ist der Brauch um den Tod des ältesten Schamanen der Gesellschaft der Sumpfgoblins. Dieser sogenannte Älteste ist der Goblinfürst, und ihm obliegt die Ehre, die älteste und mächtigste aller Kalebassenstädte zu verwalten, der Baum des Lebens genannt wird. Ein solcher Schamane kann einem beliebigen Stamm angehören und bleibt an diesem Ort, selbst wenn ein anderer Stamm die Kontrolle über den Baum des Lebens an sich reißt. Doch mehr noch. Ungeachtet der sonstigen Situation in dem Verlorenen Land, werden beim Tod des Goblinfürsten sämtliche sozialen Aktivitäten eingestellt - vom Sammeln der Nahrung bis hin zu kriegen. Es wird sieben Tage gefastet, bis ein neuer Goblinfürst aus der Geisterwelt erscheint. Wie sich die Neuigkeit über den Tod des Goblinfürsten verbreitet, bleibt ein Geheimnis, doch die Nachricht verbreitet sich beinahe augenblicklich.
Die Kultur der Sumpfgoblins ist fremdartig, doch daß sie ihrem Glauben folgen, steht außer Frage."
Die Nachricht trug eine einfache Unterschrift:
"Im Geiste der Vorsehung, von denen, die Ordnung im Chaos sehen"
Tarimek Asis hatte keine Vorstellung von der Wichtigkeit dieser Nachricht, doch er steckte sie in seine Gewandung, als er in Richtung der wartenden Gondel ging, die unter dem großen Ballon hing. Die Seile, die den Ballon festhielten, waren gefroren, und das Seidentuch war von Eis bedeckt. Asis hatte sich an die eisige Kälte der Nördlichen Provinz gewöhnt, doch sie würden hoch über dem Frostmeer fliegen. NAch einigen Tagen in diesem "Luftschiff" würde er die trockene Hitze von Kharabad sicherlich begrüßen - trotz der Beklommenheit, die seine Gedanken ergriffen hatte.
Er spürte keine Angst, sondern tiefe Sorge. Mit solcher Eile zurückberufen zu werden konnte nur bedeuten, daß der Aufstand des Verlorenen Lands nichts Gutes verhieß. Er hatte mit den Goblins von Terakan verhandelt und ihr Vertrauen gewonnen, wo andere versagt hatten. Nun hatte es den Anschein, als wollte der Kaiser mit den Sumpfgoblins auf ähnliche Weise verfahren. Doch sie waren eine fremde Brut, und das einzige, was Asis über das Verlorene Land wußte, war, daß es ein Ort großer Schönheit war - doch auch ein Ort der schrecklichen Alpträume.
Asis setzte sich auf komfortable Kissen, als die Turmwache die Kapuzen von den riesigen Vögeln entfernte und die Ketten löste. Der große Ballon stieg mit einem Strom eisiger Luft auf, und als die Vögel ihre riesigen Flügel spreizten und die Last mir ihrem Fluggeschirr weiterzogen, setzten sie ihre Reise fort. Die gespannten Seile sangen im Wind, und die Seide des Ballons flatterte laut, gleich einem Zelt inmitten eines Sandsturms. nur gab es hier keinen Sand, sondern Eiskristallte, der Sturm war der einer Revolution, und Tarimek Asis flog mitten hinein.



Die Kunst der Diplomatie

Kaiser Nisar traf se im Marmorhof. Annähernd zweihundert Goblins aus dem Verlorenen Land und der Stadt Terakan - eher eine Kriegereinheit als eine diplomatische Gesandschaft. In voller Rüstung thronte er auf einem erhobenen Podium am anderen Ende des Hofes und beobachtete, wie sich die Delegation über den weißen Marmorboden schreitend näherte. Die beiden Sprecher der Delegation traten hervor und hielten am Fuße des Podiums inne. Sie suchten die Torbögen mit Unbehagen ab, denn es machte den Anschein, als sei der Kaiser allein. Nisar beobachtete mit Erheiterung, wie der Gedanke, ein Attentat auf sein Leben durchzuführen, in ihren Augen aufblitzte.
"Willkommen", sagte er, und seine Stimme schallte stark und mächtig über den Hof. "Wie kann der Blutthron unseren Untertanen aus Terakan und dem fernen Verlorenen Land zu Diensten sein?"
Die Goblins warfen sich vielsagende Blicke zu.
"Großer Kaiser" der Botschafter von Terakan verneigte sich, wenngleich er dabei auf seinen Füßen stehen blieb. Ein Affront, der ihn sofort das Leben gekostet hätte, wäre er nicht bereits zum Tode verurteilt gewesen. "Wir, die Hohen Fürsten von Terakan, verlangen respektvoll die Unabhängigkeit vom Blutthron. Die Goblins leben schon zu lange unter dem Joch von Kharabad."
Nisars Muskeln spannten sich unter seiner Rüstung. Der Drang, dem Botschafter das Genick zu brechen, war überwältigend, doch er wollte hören, was der Botschafter der Sumpfgoblins ihm zu sagen hatte.
"Und das Verlorene Land, welches Anliegen habt ihr dem Kaiser der Schwarzblüter vorzutragen?"
Der Botschafter der Sumpfgoblins machte einen großen Schritt nach vorne, und kaum wahrnehmbar klang das Geräusch vieler verborgener Bogen durch die Luft, die gezogen wurden. Die Goblins suchten mit ihren Blicken nervös den Hof ab, doch der Botschafter wich nicht zurück. Es gab keine Geste der Ehrerbietung von dem Sprecher des Verlorenen Lands, statt dessen nahm er eine strenge Haltung an. Seine merkwürdige Rüstung bestand aus zahlreichen Teilstücken und schimmerte in der Sonne in einem schillernden Grün. Er besaß sogar die Dreistigkeit, mit seinem klauenähnlichen Jadespeer in Nisars Richtung zu deuten. nisars Augen verengten sich unmerklich, und es war ein Zeichen seiner großen Selbstdisziplin, daß er nicht Angriff.
"Der Leuchtende Stern wird nicht länger unsere Reichsgrenzen verletzen. Wenn Kharabad die Schätze unseres Landes will, muß es bezahlen wie andere auch. Darüber hinaus soll der Blutthron die Kinder des Moors als eine von den Schwarzblütern unabhängige Rasse anerkennen. Die alten Bande zwischen uns existieren nicht mehr, denn wir hören die Melodie des Verlorenen Lands - ihr nicht. Schließlich verlangen wir von Kharabad die Herausgabe des Sarukh'ti Nishtar."
Nisar blickte nach unten auf die Botschafter der Goblins; ihr Selbstvertrauen machte ihn rasend. Bokhir hatte ihn vor überhastetem Handeln gewarnt. Statt dessen solle er daran denken, daß sie sich die Zeit verschafften, die sie brauchten. Er hielt einen Moment lang inne, als der kalte Stein des Zorns seinen Bauch wärmte. "Zur Hölle mit der Geduld!" dachte er.
Nisar machte einen Satz nach vorne, und sein Schwertarm mit dem Krummschwert schwang blitzschnell in einem großen Bogen zwischen den Schultern des Botschafters von Terakan hindurch. Der Botschafter der Sumpfgoblins schien vor Schreck zu Stein erstarrt zu sein, als der Kopf des anderen Botschafters durch die Luft segelte und direkt vor seinen Füßen auf den Marmorbogen purzelte.
Überall im Hof strömten Orks und Oger aus den Torbögen, die zuvor noch einen so verlassenen Eindruck gemacht hatten. Nisar konnte beinahe hören, wie Bokhir ihn verfluchte, als die Goblins sich von dem Schreck erholten und in seine Richtung stürmten, doch Nisar lächelte nur, denn viel zu lange hatte er nicht mehr die prickelnde Erregung des Kampfes in seinen Adern gesprüt.
Der Botschafter der Sumpfgoblins stolperte zurück, als sich seine Leibwächter zwischen ihn und den sich nähernden Oger stellten. Bogen surrten hinter dem Rücken des Kaisers, und drei Schwertmeister der Goblins fielen, als Nisar die Gottesanbeter der Sumpfgoblins in einen Kampf verwickelte. Er war zu klug, um einen Feind nur wegen seiner Größe zu unterschätzen, doch er war schon immer ein begnadeter Krieger gewesen. Er würde die Gottesanbetern seine Fähigkeiten beweisen. Der erste von ihnen schlug links von ihm eine Finte, bevor er Angriff, doch Nisar ließ sich nicht täuschen. Er ließ den Speer hinter sich ins Leere stoßen und brachte sein Krummschwert unter den Arm des Goblins. Der nächste Goblin erhob sein Speer doch Nisar trat mit seinem Stachelstiefel in die gepanzerte Brust des Gegners. Der Goblin spuckte Blut, als er auf den weißen Marmorboden aufschlug. Einem dritten Goblin gelang es, einen leichten Treffer an Nisars Hüfte zu landen, doch Nisar schnaubte nur und stieß den Stachel seines Krummschwerts in das Gesicht des Goblins. Er wich dem Angriff eines Schwertmeisters aus und nutzte dessen Körper, um den Chitinspeer eines anderen Gottesanbeters abzuwehren, bevor er den Schwertmeister erstach und seinen Körper zur Seite schleuderte.
Überall im Marmorhof kämpften Schwarzblüter gegen Schwarzblüter. Die Goblins waren unglaublich schnell. Sie schossen zu Angriffen hervor und zogen sich blitzschnell von drohenden Gefahren zurück, doch sie waren zahlenmäßig unterlegen und wurden schnell von Nisars sorgfältig ausgewählten Kriegern überwältigt. Die Schwarzblüter verwandelten den Besuch der Delegation der Goblins in ein Blutbad, und die weißen Steine des Marmorhofs waren mir Blut beschmiert.
Nisar hatte den Befehl erteilt, den Botschafter der Sumpfgoblins nicht zu verletzen. Der Lärm des Tötens verwandelte sich in tödliche Stille. Seine Krieger brachten den Botschafter zu Nisar. Der Sumpfgoblin wandte sich in dem Griff seiner Häscher und spuckte in Richtung des Kaisers, als er vor dessen Füße geworfen wurde. Nisar lächelte, als er zu dem Abgesandten des Verlorenen Lands sprach.
"Nun, Botschafter, es macht ganz den Anschein, als könne sich Kharabad noch ein wenig länger an eurer Anwesenheit erfreuen. Es ist mir zwar höchst unangenehm, aber nach angemessener Beurteilung der Sachlage muß ich das Ersuchen ablehnen, welches ihr dem Blutthron vorgetragen habt. Ich nehme an, ihr werdet unsere Entscheidung dem Goblinfürsten beim Baum des Lebens überbringen?"
Der Goblin schmetterte einen Fluch und grunzte, als sein Gesicht von einem Orkstiefel unsanft in die Blutlache auf dem Boden befördert wurde. Nisar ließ seinen blick über den Hof schweifen und war zufrieden. Unter den Toten waren auch einige Orks und Oger, doch seine Diener waren bereits mit der Beseitigung des Gemetzels beschäftigt. Der Marmorhof mußte gereinigt werden, denn am nächsten Tag würde er Tarimek Asis an derselben Stelle treffen. Und für jemanden, dem soviel an Redlichkeit liegt, wäre es unangemessen, Überbleibsel eines Gemetzel vorzufinden, das am Tag zuvor stattfand. Die Wahrheit über die Ereignisse des heutigen Tages könnte das Gewissen von Asis belasten und dadurch seine Fähigkeit beeinträchtigen, die Goblins von der Aufrichtigkeit seines Anliegens zu überzeugen.
Bokhir befahl den Orks, den Botschafter in ein bewachtes Quartier zu geleiten, und stellte sich an die Seite des Kaisers.
"Bedauernswert, aber unvermeidbar, Bokhir!"
"Richtig, mein Herr."
"Die Stadt steht unter Kriegsrecht?"
"Ja, mein Herr. Kein Wort über diese Angelegenheit wird Kharabad verlassen. Die Stadt wird verriegelt bleiben, bis wir mit Terakan abgerechnet haben. Bis dahin wird Tarimek Asis weit genug in das Verlorene Land vorgedrungen sein - Nachrichten über die heutigen Ereignisse können ihn dann nicht mehr überholen."
"Gut, Bokhir, sehr gut. Ich denke, wir sollten nun speisen. Der Appetit, der mich in jüngster Zeit verlassen hatte, scheint zurückgekehrt zu sein."



Im Dienste seiner Majestät

Tarimek Asis hatte Kharabad nie zuvor aus der Luft gesehen, nd der Anblick raubte ihm den Atem. Es war eine riesige Stadt aus farbigen Sandstein. Vergoldete Kuppeln, Türme aus Onyx, marmorne Paläste schimmerten in der Sonne. Dies war mit Sicherheit die eindrucksvollste Stadt von ganz Chronopia. Der Ballon senkte sich zu dem Landeturm beim Marmorhof hinab, und auf dem winzigen weißen Platz konnte Tarimek eine formelle Versammlung ausmachen. Er schob den Seidenvorhang beiseite und sammelte sich, um sich auf das Zusammentreffen mit dem Kaiser vorzubereiten.
Die Orks auf dem Landeturm fingen die Halteseile und sicherten den Ballon mit geübter Routine. Tarimek Asis trat hinaus in das grelle Sonnenlicht von Kharabad und stieg den Turm hinab. Die Steine des Hofs fühlten sich beruhigend fest an, als er durch die Reihen der Ehrengarde schritt. Am anderen Ende des Hofs saß der Kaiser. Zu seiner Seite, wie immer, der Großwesir Bokhir. Und neben ihnen saß, geknebelt und an einen verzierten Stuhl gefesselt, ein Sumpfgoblin aus dem Verlorenen Land, dessen gelber Blick haßerfüllt war. Tarimek versuchte die Situation einzuschätzen, doch welche Möglichkeit auch immer er in Erwägung zog, sie beruhigte ihn nicht.
Als er das Podium erreichte, fiel Tarimek sofort auf ein Knie.
"Seid gegrüßt, großer Kaiser."
"Der Blutthron heißt seinen ergebenen Reichsstatthalter willkommen. Erhebe dich, Tarimek Asis, der Thron hat kein Verlangen nach deiner Unterwerfung."
"Wie kann ich meinem Herrn dienen?"
Es war Bokhir, der Tarimek über die aktuelle Situation in Kenntnis setzte, während Nisar zuschaute. Er verstand die Entscheidung, die Goblins von terakan niederzuwerfen. Für eine diplomatische Lösung waren sie zu weit gegangen. Sie mußten lernen, wo ihr Platz war. Die Entscheidung, das Verlorene Land und das Jadehaus zu besänftigen, war eine weitaus größere Überraschung für ihn. Kharabad mußte in der Tat unter großem Druck stehen, wenn es seinen Gegnern so große Zugeständnisse machte - Tarimek war enttäuscht von seinem Kaiser. Er war sehr beeindruckt von dem Sarukh'ti Nishtar, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Nun hatte er den Auftrag bekommen, ihn dem Goblinfürsten des Baum des Lebens zurückzugeben. So sollte es sein! Es war nicht seine Aufgabe, die Entscheidung des Blutthrons in Frage zu stellen.
"Und so ...", fuhr Bokhir fort, "wird der Sarukh'ti Nishtar in dieser Truhe aufbewahrt und ist von dem Orden des Leuchtenden Sterns versiegelt worden, auf daß sie nur der Hohe Fürst persönlich öffnen kann, ohne den alten Schatz des Verlorenen Lands zu zerstören."
Tarimek war einen Blick auf die Truhe, die in der Tat das goldene und silberne Siegel des Leuchtenden Sterns am Schloß trug.
"Die Delegation der Sumpfgoblins wird sich in Kharabad von ihrer langen Reise erholen, und der ehrenwerte Botschafter wird bis zu deiner Rückkehr der Gast dieses Palasts bleiben."
Tarimek neigte seinen Kopf bei dieser Sorge um sein Wohlergehen, obwohl seine Bedenken nicht gemildert, geschweige denn ausgeräumt wäre.
"Wann werde ich aufbrechen, mein Herr?"
Nisar lächelte. Er war erfreut über Tarimeks Entschlossenheit.
"Du wirst morgen bei Sonnenaufgang zum Weltenrand aufbrechen. Dort wirst du eine Eskorte treffen, die dich begleiten wird."
Als der Kaiser den Hof verlassen hatte, versuchte Tarimek, sich an alles zu erinnern, was er über das Verlorene Land wußte. Und selbst das wenige, was er wußte, erfüllte ihn mit Furcht.
Der Morgen des folgenden Tages war kalt und hell, als Tarimek dabei zusah, wie die Truhe mit dem Sarukh'ti Nishtar in die Gondel des Ballons gebracht wurde. Die Deiner, die sie trugen, vermieden jede Berührung mit dem Siegel des Leuchtenden Sterns. Für viele Schwarzblüter waren die rätselhaften Geheimnisse der Orkalchimisten eine Quelle großer Angst. Tarimek war sicher, daß es sich dabei lediglich um eine Maßnahme handelte, mit der die Truhe vor dem Zugriff geldgieriger Idioten geschützt werden sollte. Und doch war er sich nicht sicher, ob er selbst die Truhe öffnen würde. Er bestieg die Gondel und wußte nicht, daß der Kaiser und sein Großwesir früh aufgestanden waren, um seine Abreise zu beobachten.
"Glaubst du, er wird erfolgreich sein, Bokhir?"
"Das ist er bereits, mein Herr. In der Nacht haben wir erfahren, daß die Goblins aus Terakan durch seine Ankunft beruhigt wurden. Sie glauben, er sei zurückgekehrt, um mit ihnen zu verhandeln, wie er es schon einmal tat."
Nisar lächelte.
"Jede Woche, die er uns verschafft, wird unsere Armee stärken. Wenn er überlebt und den Baum des Lebens erreicht, sollten wir in einer Position sein, um mit den Sumpfgoblins und ihren verbündeten Elfen des Jadehauses ein für allemal abzurechnen."
"Und was wird dann aus Tarimek Asis, mein Herr?"
"Sein Leben liegt in der Hand des Schicksals, Bokhir. Doch manchmal müssen wir alle Opfer bringen - zum Wohl des Imperiums!"



Der Weltenrand

Tarimek Asis stand am Weltenrand und blickte hinab auf das Blätterdach des Dschungels des Verlorenen Lands. Die ersten Verhandlungen mit den Sumpfgoblins waren besser verlaufen, als er erwartet hatte. Es machte ganz den Anschein, als seien sie nicht entsetzt von dem Gedanken, daß ihr Botschafter und seine Delegation in Kharabad gefangengehalten wurden, und der bloße Gedanke an den so nahen Sarukh'ti Nishtar machte sie benommen vor Aufregung.
Der Kaiser hatte Tarimek mit einer schlagkräftigen Eskorte, bestehend aus Orks, Ogern und Trollen, versorgt, zusammen sicherlich einhundert an der Zahl. Vier dieser Trolle stellten seine persönliche Leibwache. Doch einer der Trolle, sein Name war Ghandruk, hatte Tarimeks Ruf verunglimpft, und Tarimek hätte ihn auf der Stelle hingerichtet - doch er nahm Rücksicht auf die anderen drei Trolle. Sie hatten ihren Kameraden so fest geschlagen, daß er kaum noch laufen konnte. Danach gab es keine weiteren Kommentare, und Tarimek ließ die Angelegenheit auf sich beruhen. Nun warteten sie am Rand eines gewaltigen Wasserfalls auf das Eintreffen der Sumpfgoblins, die sie durch den Dschungel führen sollten. Tarimek hatte die einzige Karte gelesen, die er vom Verlorenen Land besaß. Sie war ziemlich ungenau, doch er hatte erfahren, daß der Baum des Lebens weit im Südosten des großen Tals lag.
Ihre Führer tauchten plötzlich am Rand der Felswand auf. Sie neigten ihre Häupter leicht vor Tarimek und starrten voller Bewunderung auf die Truhe, in der sich das uralte Artefakt befand, von dem ihre Legenden berichten. Sie deuteten auf das Zeichen des Leuchtenden Sterns, als wollten sie die Berührung des Bösen vertreiben. Schließlich wandten sie sich Tarimek zu.
"Folgt uns!" sagten sie. "Wir haben eine lange Reise vor uns, und sie wird nicht einfach für euch werden."
Nach diesen Worten überschritten sie den Weltenrand. Tarimek folgte ihnen und stieß auf Stufen, die in den Fels gehauen waren. Unzählige steinerne Treppen wanden sich die Felswand hinab. Er zögerte nur kurz und begann dann mit dem Abstieg in das Verlorene Land.
Sie waren bereits von Dschungel umgeben, als sie noch immer hoch über dem Waldboden waren. Der Abstieg war gefährlich, doch er verlor nur zwei Soldaten an den Weltenrand. Einen Oger, der ausrutschte, und einen orkischen Sturmkrieger, der von dem stürzenden Oger erwischt wurde. Als sie schließlich den Boden erreichten, kam es ihnen vor, als wäre selbst die Luft grün. Sie benötigten einige Zeit, bis sich ihre Augen an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten. Tarimek sammelte seine Truppe und bestand darauf, daß sie sich ein wenig erholen und von dem Wasser des Falls tranken, bevor sie weitermarschierten. Die Hitze war unerträglich. Es war nicht die Hitze direkten Sonnenlichts, sondern eine erstickende Hitze, die das Atmen beschwerlich machte.
Ihre Führer hockten sich unbekümmert auf die großen Wurzeln eines gewaltigen Baums, der in der Nähe stand. Die Bäume waren von Rankengewächsen und Moosen in den unterschiedlichsten Farben bedeckt. Es gab offene Flächen voller Blattwerk, schleimige Schlammpfützen und tiefe Seen, wo der Wasserfall hinabstürzte, doch alles in allem scien der Dschungel undurchdringlich zu sein. Eine einzige Masse aus großen, glänzenden Blättern, engem Dickicht und Farnkraut. Einer der Orks erfrischte sich, indem er sich Wasser ins Gesicht spritzte wo ein breiter Fluß begann, sich seinen Weg in den Dschungel zu bahnen. Doch einer der Führer sprang zu ihm und brüllte, er solle damit aufhören.
"Snaka!" rief er. "Orkfleisch ist für sie so schmackhaft wie jedes andere Fleisch." Der Goblin machte eine schnelle Bewegung mit seinem Daumen und seinem Fingern. Er ahmte die Bewegung einer Klaue oder Zange nach. Tarimek beobachtete die Geste, fühlte sich aber nicht dazu geneigt, sich nach ihrer Bedeutung zu erkundigen. Der Ork befolgte die Warnung und ging zurück zu einem Tümpel, der ungefährlich zu sein schien.
Als sie bereit waren, ihren Marsch fortzusetzen, konnten sie den Fluß viele Meilen lang nicht überqueren. Oger und Orks waren scheinbar zu schwer für die behelfsmäßigen Hängebrücken, und den Schwarzblütern fehlte das nötige Geschick, um sich an den über den Fluß reichenden Ranken ans andere Ufer zu hangeln. Die Schwarzblüter ertrugen die Kommentare aus einem einfachen Grund ... sie hatten keine andere Wahl. Tarimek übergab die Truhe zwei stämmigen Ogern und folgte den Führern, die sich einen Weg in den Dschungel des Verlorenen Lands bahnten.
Als die Nacht über sie hereinbrach, schien der Dschungel zu erwachen. In den riesigen Bäumen schienen lauter kleine Lichter zu brennen, und Tarimek stellte zu seinem großen Unbehagen fest, daß es sich bei den meisten Lichtern um Augen handelte. Lichtpunkte, meistens zwei, doch oftmals auch in beunruhigender Anhäufung, hefteten sich alle fremdartiger Boshaftigkeit auf die Schwarzblüter.
Am folgenden Tag trafen sie auf eine Schar Sumpfgoblins. Der Dschungel war voll von ihnen. In Hängematten aus geflochteten Ranken geschwungen, auf Plattformen, die wie Flöße zusammengebunden waren, unter lebenden Dächern hockend oder einfach in luftiger Höhe auf großen Zweigen. Die Luft war von einem tiefen Summen geschwängert, das sich nach einem Schwarm von Hornissen mit der Größe von Reißern anhörte. Die Schwarzblüter sahen nach oben und mußten entsetzt feststellen, daß dieses Geräusch dem entsprach, was sie nun sahen: riesige Insektenkreaturen mit kleinen Augen und aufgeblähten Körpern in Chitinpanzern. Die Sumpfgoblins ritten auf ihnen, benutzten sie als Flugtiere. Viele stießen hinab, um die Schwarzblüter und die Truhe, in der sich Sarukh'ti Nishtar befand, zu begutachten.
Ein kleiner Trupp Sumpfgoblins näherte sich ihnen, und Tarimek bemerkte, daß sie vielen unterschiedlichen Stämmen angehörten. Die Farben, die sie trugen, waren sehr unterschiedlich, und er stellte fest, daß sich diese Farben auch in dem großen Schwarm widerspiegelten, der sie umgab. Schwarm war das einzige Wort, mit dem er die Armee der Sumpfgoblins beschreiben konnte. Ihre Rüstung und ihre Waffen gaben ihnen das Aussehen von exotischen Insekten. Und die Art und Weise, wie sie sich durch den Dschungel bewegten, erinnerte ihn an die Ameisenplagen, die häufig die östlichen Städte des Imperiums befallen. Doch der Schwarm bestand offensichtlich aus mehreren Stämmen, denen diese Nähe unangenehm zu sein schien. Tarimek erkannte nun die unterschiedlichen Farben. Blau und Grün, Schwarz und Rot, Schwarz und Gelb - es gab zahllose Kombinationen, und Tarimek begann sich zu fragen, ob Nisar wußte, wie groß die Armee der Sumpfgoblins war, wenn die Stämme vereint waren. Da waren Zehntausende von ihnen. und als Tarimek das Treiben beobachtete, sah er zwei Drachenreißer, die von einer hohen Plattform losflogen und in den Dschungel glitten. Zusammen mit dem Elfenhaus der Jade stellten die Sumpfgoblins eine viel ernsthaftere Bedrohung dar, als er es jemals für möglich gehalten hatte.
Tarimek erkannte die Gruppe, die sich ihnen näherte, als Schamanen. Goblins, die in der Verwendung von pflanzen und Betäubungsmitteln ausgebildet sind - die Medizinmänner der Stämme. Sie näherten sich mit einer Aura der Autorität und gingen direkt auf die truhe zu. Tarimek war erfahren genug, um zu wissen, daß dies ein entscheidender Moment seiner Mission war. Er wußte nur wenig über das Leben der Sumpfgoblins, doch er wußte, daß sich die Stämme gegenseitig wild bekämpften und sie immer nach einer Gelegenheit suchten, ihre Feinde zu schwächen und ihre Position zu stärken. Langsam näherte er sich der Truhe.
Die Schamanen blieben vor der Truhe stehen. Tarimek konnte die Spannung seiner Wachen spüren. Einer der Schamanen näherte sich ihr, um sie zu berühren. Eine der Wachen wollte ihn davon abhalten, doch Tarimek hielt den Soldaten an der Schulter fest, drehte ihn um und schlug ihn so fest, daß er kaum auf seinen Beinen bleiben konnte. Aus den Bäumen tauchten einige spinnenähnliche Kreaturen auf, sogenannte Drohnen, und näherten sich ihrer Position mit beängstigender Geschwindigkeit. Die Schwarzblüter nahmen sofort Verteidigungshaltung an und die Sache hätte häßlich geendet, wenn der Goblinschamane nicht seine Hand gehoben und den Drohnen auf diese Weise Einhalt geboten hätte. Er drehte sich um und sah Tarimek an. Dieser trat zur Seite und bat den Schamanen mit einer Geste, sich der Truhe zu nähern. Der Schamane zögerte einen Moment, bevor er weiter nach vorne trat und sich neben die Truhe hockte. Behutsam legte er seine magere Hand auf die Truhe. Dabei achtete er darauf, daß er das Siegel des Leuchtenden Sterns nicht berührte.
"Sarukh'ti Nishtar?" wollte er von Tarimek wissen.
"Ja", antwortete der ergebende Diener des Kaisers. "Ich soll ihn persönlich dem Goblinfürsten des Baums des Lebens übergeben."
"Was noch?" fragte der Schamane.
"Und Kraft der Kunst des Leuchtenden Sterns soll er euer sein, und es möge kein Krieg wüten zwischen eurem Volk und dem meinen." Tarimeks Blick hielt den Augen des Schamanen stand.
Wieder einmal schien Tarimek eine Probe bestanden zu haben. Die Drohnen zogen sich in die Bäume zurück und beobachteten die Schwarzblüter, wie Spinnen vielleicht eine Wespe beobachen, die sich in ihrem Netz verfangen hat - damit zufrieden, zu warten, bis die Stärke ihren Feind endgültig verlassen hat. Der Schwarm aus Sumpfgoblins teilte sich, und ihre Führer geleiteten die Schwarzblüter in den Dschungel. Doch jeder der Stämme bestand darauf, einige Krieger mit auf die Expedition zum Baum des Lebens zu schicken. Tarimek befand sich nicht in der Position, dieses Gesuch abzulehnen, doch sein Unbehagen wuchs und wuchs. Nun hatten die Schwarzblüter eine bewaffnete Eskorte, bestehend aus zweihundert Sumpfgoblins, was ihnen auch die letzte Bewegungsfreiheit raubte. Er ging an die Sptze seiner Einheit voran, als die Goblins vor ihnen sich auf den Weg machten. Tarimek hoffte inständig, daß ihr Botschafter ihnen wertvoll genug war, um ihm und seine Einheit die sichere Rückkehr zu gewähren, sobald sich der Geist des Verlorenen Lands wieder in den Händen seiner rechtmäßigen Besitzer befand.



Brüder unter Waffen

Die Horrorgeschichten über das Verlorene Land reichten nicht an die Realität des Dschungels heran. Seit nunmehr nein Tagen versuchten Tarimek und seine Einheit verzweifelt, mit den Goblins Schritt zu halten, die große Freude daran hatten zu zeigen, wie leicht ihnen der Marsch durch den Dschungel fiel. Die Schwarzblüter stolperten ihnen hinterher. Wenn sie nicht gerade durch stinkenden Sumpf stapften, hackten sie sich ihren Weg durch das Dickicht, das ihre Haut mit Stacheln und Dornen aufritzte. Ihre Körper waren von zahlreichen kleinen Wunden übersät und durch Infektionen geschwächt. Dann gab es da noch die Insekten. Sie plagten die Schwarzblüter, indem sie gnadenlos auf ihre Augen, Nasen und Münder losgingen und sich in die offenen Wunden setzten. Keiner wagte es, an die Eier und Larven zu denken, die sie bereits mit sich herumtragen konnten.
Den Sumpfgoblins schien das alles zu gefallen, und es machte den Anschein, als würden die Schwarzblüter den Baum des Lebens niemals erreichen, weil der Dschungel sie vorher im wahrsten Sinne des Wortes bei lebendigen Leib verschlingen würde. Am zehnten Tag wurden die Goblins aufmerksamer und wachsamer. Tarimek hatte seine Truppe keine Rast gegeben, weil die Goblins ebenfalls keine Pause einlegten, doch er war unglaublich dankbar für die kurze Atempause, die diese Wendung der Dinge ihnen verschaffte. Sie hatten gerade einen scheinbar endlosen Sumpf verlassen, und es würde mehrere Stunden dauern, bis sie die Blutegel entfernt hatten, die sich an dem Blut seiner Männer erfreuten. Es ging ein wenig aufwärts, und die Erde wurde trockener und fester. Sie zogen ihre Krummschwerter, um sich einen Weg durch die unnachgiebigen Barriere aus Pflanzen zu bahnen.
Als sie eine Lichtung erreichten, fragte Tarimek einen der Führer nach dem Grund ihrer Besorgnis. Sie hatten anscheinend das Territorium der Malovanti erreicht, ein abtrünniger Stamnm, der sich dem Aufstand nicht angeschlossen hat. Als gehorchten sie einem Befehl, blieben die Sumpfgoblins plötzlich stehen. Tarimek lauschte und suchte den Dschungel nach Gefahren ab, doch er konnte nichts entdecken. Da griffen die Malovanti ohne Vorwarnung an.
Die Schwarzblüter gingen in Deckung, als vergiftete Pfeile durch die Luft schossen. Tarimek sah, wie ein Goblin zu Boden ging, der von einem der Pfeile in die Brust getroffen wurde. Sein Körper zuckte wild, und er griff sich an die Kehle, bevor er starb. Tarimek schätzte die Situation ein und versuchte zu bestimmen, aus welcher Richtung der Angriff am stärksten war. Er mochte ein Fremder im Dschungel sein, doch die Regeln des Kampfs kannte er. Die Malovanti trugen die Farben Blau und Rot, und Tarimek konnte ausmachen, wo die meisten von ihnen waren. Anschließend begann er, einen Gegenangriff zu planen. Sene Männer waren erschöpft und verletzt, doch sie handelten wie Schwarzblüter - sie verdrängten den Schmerz und die Erschöpfung und beschworen ihre Kampfeslust. Tarimek hatte seine Sturmkrieger schnell in Position gebracht ... nach ein paar Pfeilsalven würden es die Angreifer zweimal überlegen, bevor sie ihre Köpfe wieder erhoben. Er hob sein Krummschwert, und die Orks spannten ihre Bogen, doch bevor sie schießen konnten, sprang einer der Führer nach vorne und gebot ihnen Einhalt. Der Führer wendete sich ungläubig an Tarimek.
"Du kannst nicht gegen die Kinder des Moors kämpfen, ohne auch gegen uns zu kämpfen."
"Und wenn ihr verliert, während wir hier sitzen und nichts unternehmen?" fragte er vorsichtig.
"Dann werdet ihr sterben, und die Melodie des Verlorenen Landes wird ohne euch weiterklingen."
Tarimek und der Führer starrten sich gegenseitig an, während der Kampf eskalierte. Beide drehten sich um, als plötzlich eine Reihe von Drachenreißern aus den Bäumen niederstieß. Speere sausten auf die Goblins hinab, die den Sarukh'ti Nishtar verteidigten. Die Malovanti hatten scheinbar die Unterstützung des Elfenhauses der Jade bei diesem Versuch, den uralten Schatz in die Hände zu bekommen. Elfische Schwertkämpfer, Speerkämpfer und Schützen stürmten aus dem Dschungel hervor und griffen die Goblins von der anderen Seite der Lichtung an. Ihre grünen Roben haben im Dschungel eine effektive Tarnung ab. Tarimek sah den sturen Führer an, der neben ihm stand.
"Was ist mit denen?" fragte er.
Der Goblin beobachtete die angreifenden Elfen einen Moment lang. Als er sich umdrehte, lächelte er.
Tarimek lachte und befahlt seinen Sturmkriegern, sich umzudrehen. Sie spannten die Bogen, schossen und fällten die erste Reihe der Elfenkrieger. Sie schossen noch eine zweite Salve ab, bevor die Oger und die Trolle in die Richtung des Feindes stürmten. Die Elfen waren überrascht, auf solch eine starke Gegenwehr seitens der Schwarzblüter zu treffen, doch sie hatten Erfahrung mit Dschungelkämpfen und nutzten ihren Vorteil, als sie auf die Einheit der Schwarzblüter prallten. Für die Schwarzblüter war es eine Gelegenheit, den Frust abzureagieren, der sich seit Beginn dieser Expedition in ihnen angestaut hatte. Sie warfen sich gegen die Elfen, und wenn Oger und Trolle in Massen angreifen, können nur wenige gegen sie bestehen. Trotz ihrer Erfahrung mit dem Dschungel waren die Schwert- und Speerkämpfer der Elfen keine Herausforderung für die tobenden Schwarzblüter. Der Dschungel war erfüllt von dem Lärm des Kampfes, und Tarimek sehnte sich danach, sich in das Getümmel zu stürzen, doch er beobachtete weiter die Truhe. Er befahl den Sturmkriegern, die Drachenreißer anzugreifen, die es auf die Goblins abgesehen haben.
Die Goblins waren in ihrem Element. Sie sprangen von den Bäumen und schossen durch das Gehölz. Ihre Chitinspeere und Klauenspeere töteten und mordeten. Tarimek war von ihrer Fähigkeit beeindruckt. Er sah, wie der Anführer der Gottesanbeter seiner Eskorte drei Speerkämpfer der feindlichen Goblins abwehrte. Der Gottesanbeter tötete alle drei Angreifer, doch dem letzten Gegner gelang es, dem Anführer die Achillessehne zu durchtrennen. Doch der Gottesanbeter kämpfte weiter und humpelte in die Richtung anderer Angreifer. Er wurde schnell niedergemacht, doch er starb einen ehrenvollen Tod.
Die glänzenden Blätter waren von dem Blut der Gefallen bedeckt. Doch schließlich gelang es den Schwarzblütern, die Elfen in die Flucht zu schlagen. Ohne die Unterstützung des Jadehauses verloren die Malovanti ihren taktischen Vorteil und waren gezwungenm den Angriff abzublasen. Sie verschwanden beinahe ebenso schnell im Dschungel, wie sie zuvor aufgetaucht waren. Die Malovanti waren gescheitert - es war ihnen nicht gelungen, den Geist des Verlorenen Lands zu stehlen.
Die Schlacht hatte die Gemüter der Schwarzblüter aufgemuntert und die Einstellung der Sumpfgoblins geändert. Während der nächsten Nachtruhe mischten sich die Sumpfgoblins unter Tarimeks Männer und versorgten ihre Schnitte und andere Wunden. Sie behandelten die Wunden mit Heiltränken. Sie schnitten die Parasiten aus der Haut und bekämpften das Gift an den Wunden mit glühenden Hölzern. Sie linderten Verbrennungen mit dem Nektar von Blumen und schnitten sogar die Kehle eines Ogers auf, der von einem besonders bösartigem Insekt gebissen wurde und nicht mehr gerettet werden konnte. Viele der anderen Oger reagierten wütend darauf, doch Tarimek dankte den Goblins bloß für ihre Hilfsbereitschaft.
Als sie am nächsten Tag weiterzogen, kauten die Schwarzblüter aromatische Blätter und bedeckten ihre Haut mit stechend riechendem Saft, um Insekten von weiteren Bissen abzuhalten. Sie lernten, wie man durch das Unterholz marschiert, ohne sich dabei an den Dornen und Stacheln in Fetzen zu reißen. Die Goblins lachten über ihre Versuche, aber so tolpatschig sie sich auch anstellten, sie erlitten weniger Verletzungen. Die Schwarzblüter begannen sogar in Erwägung zu ziehen, am Ende mit dem Dschungel eine Einigung zu finden. Doch das war, bevor sie den Teufelgarten erreichten.



Terakan

Bei Sonnenaufgang des 27. Tages des Blutroten Mondes erwachte die Stadt Terakan von dem Lärm des Alarms. Hörner wurden geblasen, und Glocken läuteten, als die Stadt zu den Waffen gerufen wurde. Der Kaiser hatte die Forderungen der Goblins scheinbar nicht erfüllt, und das erste, was sie von seiner Weigerung mitbekamen, war eine beunruhigende Staubwolke am Horizont im Westen der Stadt. Die Stadt war in Panik, denn die Hälfte ihrer Armee hatte ihr Lager auf halber Strecke zwischen Terakan und Kharabad aufgeschlagen, um auf die Nachricht der Sumpfgoblins zu warten, wann sie angreifen sollten. Doch es hatte sie keine Nachricht erreicht. Offensichtlich hatte Nisar eine Möglichkeit gefunden, den Angriff auf seine Hauptstadt hinauszuzögern. Nun schickte er eine Armee gegen sie, und sie näherte sich von der Stadt Japur im Westen. Terakan lag auf der Höhe einer steilen Erhebung, und die befestigte Zugangsstraße konnte gut verteidigt werden, wenn die Garnision der Stadt volle Stärke hatte. Aber die Garnision hatte nicht die volle Stärke, weil sie wegen des geplanten Angriffs auf Kharabad auf den größten Teil verzichten mußte. Die Hohen Fürsten der Goblins entsandten ihre schnellsten Reißer mit dem Auftrag, ihre Armee zurück zur Stadt zu rufen. Aber als die Boten durch die Stadttore stürmten, wußten sie bereits, daß es zu spät sein würde.
Der Ogerfeldherr von Japur verfügte über gewaltige Belagerungsmaschinen und eine große Einheit Kutara. Hinter ihnen marschierten mehr als sechstausende Orks, Oger und Trolle.
Sie erreichten den Fuß der Zugangstraße bei Einbruch der Nacht und griffen ohne zu zögern an. Der Feldherr brachte seine Belagerungsmaschinen in Position und bewältigte den Anstieg mit der Sicherheit eines Kommandanten, der genau wußte, wo er zuschlagen mußte und wie er die Verteidigung der Stadt brechen konnte. Die Goblins konnten seine Armee nicht von der Stadt fernhalten, und schließlich befanden sich die Belagerungsmaschinen auf dem Gipfel der Anhöhe und schossen eine Salve brennender Geshcosse nach der anderen in das Zentrum der Stadt. Die Brandsätze flogen in einem hohen Bogen über die Stadt und regneten auf die Gebäude nieder. Die Stadt war von Flammen erleuchtet. Die Hohen Fürsten hatten keine andere Möglichkeit, als der bemitleidenswerten Garnision den Angriff zu befehlen. Die Stadtore schwangen auf, und annähernd eintausend Goblins stürmten aus der Stadt - in dem verzweifelten Versuch, die verheerenden Belagerungsmaschinen zu zerstören. Eine breite Linie Oger formierten sich vor den Belagerungsmaschinen, als die Reißer-Streitwagen an die Spitze der Streitmacht von Terakan in ihre Richtung stürmten. Die Orkischen Kutara bildeten eine dichte Formation und versuchten, die Goblins niederzureiten, doch die Goblins kannten die Methoden der Kutara. Denn sie hatten viele Jahre Seite an Seite mit den Orks gekämpft - und sie nutzten ihr Wissen gut. Ihre geringe Größe war von Vorteil, denn in der Dunkelheit gaben sie schwierige Ziele ab, die unter den feindlichen Lanzen hinwegtauchen und den donnernden Hufen der Kutara auswichen. Die Kutara fegten vorbei. Viele fielen den schnellen Klingen der Goblins und den Stachelrädern der Streitwagen zum Opfer, doch sie hatten den Sturm der Goblins gebrochen und nun konnten die Orkischen Schwertkämpfer den Rest erledigen. Die Schlacht tobte so heiß wie die Flammen in der Stadt, doch nach und nach wurden die Goblins zurück hinter die Stadtmauer gedrängt. Die Belagerungsmaschinen schwiegen, denn der Feldherr wußte, daß die Schlacht gewonnen war. Sein Kaiser wäre nicht erfreut, wenn er Terakan dem Erdboden gleichmachen würde. Er verlangte nur zwei Dinge von den Goblins von Terakan - Unterwerfung und Gehorsam.
Schließlich war die Garnision der Goblins nicht viel mehr als ein kleines Häufchen knurrender Krieger, die verzweifelt die Stadttore verteidigten. Der Feldherr war von dem Mut seines Gegners beeindruckt. Er ritt vorwärts und brüllte zu den Hohen Fürsten hinter den Mauern:
"Hohe Fürsten von Terakan! Hört die Stimme eures Kaisers. Euer Gesuch ist abgelehnt. Der Kaiser erkennt eure Kühnheit an, denn das kochende Blut des Ehrgeizes fließt in euren Adern. Doch nun bittet er euch, eure Lehnseid neu zu schwören und an dem Ruhm des Imperiums teilzuhaben. So lautet der Erlaß von Kaiser Nisar Blutband - nehmt an oder sterbt!"
Die Stille der Nacht wurde nur von dem Knistern der Flammen durchbrochen. Schließlich teilten sich die Krieger vor dem Stadttor und ließen einen Hohen Fürsten passieren. Viele salutieren oder verneigten sich vor ihm, um ihren Respekt vor dem Freiwilligen zum Ausdruck zu bringen, der die Bedingungen des Kaisers akzeptieren würde. Der Hohe Fürst schritt voran, bis er vor dem Ogerfeldherrn stand. Sie wechselten einige Worte, die keiner hören konnte, und ohne zu zögern wendete der Hohe Fürst sein Gesicht in Richtung der Stadt und fiel in sein Schwert. Was die Goblins von Terakan betraf, war der Aufstand beendet und die Einheit des Imperiums der Schwarzblüter wieder einmal gesichert.
Zwei Tage später traf die Goblinarmee an den Toren der Stadt ein. Eine große Herde von Mammutbullen ließ die Erde zittern, als sie aus den niedrigen Hügeln im Norden der Stadt auftauchten. Mehrere Kampfverbände Reißer waren an ihrer Seite, und hinter ihnen folgten die Infanterie trotz der Hitze im Laufschritt. Doch ihre Stadt war besetzt - von der Armee aus Japur.
Auf der Stadtmauer standen Goblins neben Orks, Ogern und Trollen. Die Anführer der Goblinarmee zogen in Erwägung, die Stadt anzugreifen, um sie zurückzuerobern, doch die Stärke ihrer Armee lag in den großen und starken Mammutbullen. Und sie konnten nicht damit rechnen, in den Straßen von Terakan zu kämpfen, ohne dabei die Stadt zu vernichten. Ihre Stadt war verloren, ihre Revolution beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Doch die Schwarzblüter respektieren Stärke. Der Kaiser hatte sich als überlegen erwiesen und war damit seiner Herrschaft würdig. Die Bitterkeit war groß, aber nur von kurzer Dauer. Und nachdem sie einen Tag geruht hatten, marschierten sie unter dem Kommando des Feldherrn von Japur nach Norden. Sie marschierten nach Kharabad, um ihre Hauptstadt zu verteidigen und den Kaiser gegen die von den Sumpfgoblins und dem Elfenhaus der Jade ausgehende Gefahr zu unterstützen.



Der Teufelsgarten

Am ersten Tag im Teufelsgarten verlor Tarimek mehr Krieger als in allen Wochen zuvor, seit sie die Grenzen zum Verlorenen Land überquert hatten. Falls der Dschungel ein dunkles und böses Herz besaß, dann waren sie hier mittendrin, in diesen stinkenden Sümpfen voller mörderischer Pflanzen und ätzenden Sporen. Dunkle Schatten flossen durch das schleimig grüne Wasser, düstere Ausgeburten des Sumpfes, die immer gerade außer Reichweite blieben und die Moral seiner Truppe aufrieben. Sogar die Sumpfgoblins waren vorsichtig wie nie zuvor auf ihrer Reise. Sie setzen jeden ihrer Schritte argwöhnisch und vorsichtig. Am Fuße der riesigen Mangrovenbäume spannte sich ein dichtes Gitterwerk von Wurzeln, das die Goblins zur Fortbewegung nutzten, doch die schweren Schwarzblüter konnten sich diesen Luxus nicht gönnen. Ihnen blieb nur der Sumpf. Einer der Orks murmelte, das Glück sei ihnen hold, weil die Laovanti sich wenigsten entschieden hätten, nicht hier anzugreifen, doch einer ihrer Führer starrte ihn verächtlich an.
"Niemand kämpft im Garten des Teufels", sagte er. "Keiner, der es je versucht hat, hat überlebt."
Tarimek horchte auf und dachte nach, während er durch den grünlich-schwarzen Schlamm watete, der sich wie Öl um seine Taille kräuselte. Er bewegte sich sehr vorsichtig und prüfte vor jedem Schritt die Tragfähigkeit des Grundes. Er hatte kein Verlangen danach, das Schicksal des Trolls zu teilen, der über eine unter dem Wasser verborgene Wurzel gestolpert und mit seiner schreckverzerrten Fratze voran in die grüne Giftsuppe gefallen war. Der Troll war schnell wieder auf die Füße gekommen und hatte den Schlamm wieder ausgespuckt und ihr kostbares Trinkwasser vergeudet, um seinen Mund zu reinigen. Tarimek hatte das Geschehen aus nächster Nähe beobachtet und einen Sumpfgoblin ein weiteres Mal den Kopf schütteln sehen. Auf Tarimeks Nachfragen ließen sich die Goblins zu einer Antwort herab.
"Wenn er schwach ist, wieder er schnell sterben", sagten sie. "Ist er stark, wird er langsam sterben."
Tarinek hatte in seinem ganzen Leben noch keinen schwachen Troll gesehen.
Er hatte drei Orks verloren, die zu langsam waren, um auf die gebrüllte Warnung der Sumpfgoblins zu reagieren. Irgend etwas hatte sie so schnell unter Wasser gezogen, daß sie nicht einmal aufschreien konnten, bevor sie verschwunden waren. Vier Oger und ein Ork waren eines Morgens nicht mehr aufgewacht. Auf ihren Leichen lag eine gelbliche Sporenschicht, die von einer nahen Pilzvegetation gekommen war. Das Puder war dabei, ihr Fleisch aufzulösen, und es tropfte ihnen an den betroffenen Stellen wie Erbrochenes von den Knochen.
Zu alledem kam das ständige Schwirren der Wolken von Insekten und Moskitos, die ihnen nicht eine Sekunde Ruhe ließen. Jeden Morgen und Abend rissen sich seine Soldaten gegenseitig die Blutegel vom Leib, und wenn Tarimek auch nur daran dachte, wie sie ohne die Salben, Tränke und Rezepte ihrer Führer überleben sollten, wurde ihm schwindlig.
Nach mehr als einer Woche in diesem erdrückendem Inferno verließen die Schwarzblüter langsam die Kräfte. Die Sumpfgoblins sorgten sich nur um zwei Dinge: die Gesundheit der Truhenträger und um das Wohlergehen von Tarimek Asis, von dem sie glaubten, daß er persönlich dem Goblinfürsten den Sarukh'ti Nishtar übergeben mußte. Tarimek war überrascht, wie fest und unumstößlich ihr Glaube war. Er wußte, daß es nicht darauf ankam, wer die Truhe dem Goblinfürsten überbrachte, doch selbst er glaubte daran, daß die Truhe geschützt war. Er wußte nicht, woher dieser Glaube kam, was ihm gar nicht schmeckte, genausowenig, wie der nicht enden wollende Sumpf. Als ihn der nächste Moskito stach, fluchte er und fuhr seine Führer an: "Gibt es keinen anderen Weg?"
"Ihr könnt die Flüsse und die Snakaseen nicht überqueren. Die Domäne der stygianischen Dämonen werden wir nicht betreten, und die Toltach halten die nördliche Passage der Schwarzen Schlucht. Wo die Malovanti versagt haben, wäre ihnen der Erfolg vergönnt. Der Teufelsgarten ist schwierig, doch einige werden überleben."
Als sie das südliche Ende des Teufelsgarten erreichten, waren von Tarimeks Truppe kaum mehr als 50 Krieger übrig. Der letzte Tag hatte fast ein Dutzend Opfer gefordert, als sie eine große offene Fläche mit dampfendem Schlamm überqueren mußten. Unter dem Schlick schien ein kleiner Vulkan zu liegen. Große Blasen mit übelriechendem Gas stiegen auf, und die Schwarzblüter fühlten sich, als würden sie bei lebendigem Leib gekocht. Die kleineren und wenigeren Goblins hingegen nutzen die runden Blätter der großen Seerosen als Flöße und Trittsteine. Die Schwarzblüter hingegen mußten sich auf ihr Glück verlassen und hoffen, daß keine Gasblase unter ihren Füßen aufplatzte, denn alle, denen dies passierte, verloren sofort den Halt unter den Füßen und verschwanden mit einem glucksenden Geräusch in der ekligen Brühe. Ihre Waffenbrüder konnten nichts für sie tun und mußten dabei zusehen, wie die Dschungelhölle sie binnen Sekunden verschluckte.
Als sie endlich festen Grund erreichten, bestand Tarimek darauf, daß sie rasteten und sich erholten. Die Goblins protestierten, doch Tarimek schenkte ihnen kein Gehör. Sie verbachten vier Tage damit, ihre Verletzungen zu behandeln und das Gift aus ihren Leibern zu treiben. Sie reinigten ihre Rüstungen, schärften ihre Klingen und schüttelten die Lethargie ab, die über sie gekommen war. Tarimek nutzte die Zeit, um mehr über den Dschungel zu erfahren. Er löcherte seine Führer mit Fragen, und es gelang ihm sogar, viele der leeren Stellen auf seiner Karte zu füllen. Sie näherten sich der Schwarzen Schlucht, einem bodenlosen Schacht, dem sie nach Süden zum Baum des Lebens folgen würden. Er erfuhr, daß die Stygiander sich erhoben hatten und ein großes Gebiet im Südwesten an sich gerissen hatten. Die Goblins konnten nicht verhehlen, daß die Stygianer selbst ihnen Angst einjagten, denn die Stygianer schienen sich im Dschungel ebenso zu Hause zu fühlen wie sie selbst. Obwohl die letzten Wochen grauenvoll gewesen waren, konnte Tarimek nicht umhin, die mitreißende Schönheit des Dschungels um ihn herum zu bewundern. Jeder Sonnenaufgang war wie die Geburt des Lebens selbst, wenn großartige Strahlen grünen Lichts die Nebelschwaden durchbrachen und die erste Wärme des Tages ihre Müdigkeit vertrieb. Die Reichhaltigkeit des blühenden Lebens überall um sie herum ließ ihn immer wieder innehalten und übertraf selbst den Garten von Kharabad. Je schöner die Flora um sie herum war, desto heimtückischer und tödlicher waren jedoch die Kreaturen, die von ihrer Schönheit angezogen wurden. Tarimek fragte sich, was wohl die Dichter von Bezek aus diesem Paradox machen würden.
Als seine Männer ausgeruht waren, brachen sie erneut auf. Nachdem sie mit dem Teufelsgarten den härtesten und hoffentlich gefährlichsten Teil der Reise hinter sich gebracht hatten, kam ihnen der normale Dschungel fast angenehm vor. Sie hatten immer noch einen langen Weg vor sich, doch innerhalb der nächsten Wochen würden sie den Baum des Lebens erreichen. Tarimek sehnte sich danach, endlich seine Last abzuschütteln zu können, und war dankbar, daß der Kaiser die Weisheit besessen hatte, Geiseln zu nehmen, um ihnen die sichere Rückkehr zu gewährleisten. Er hatte seine Karte und hatte in den letzten Wochen viel über die Wildnis gelernt, aber beim Gedanken daran, den Weg durch den Teufelsgarten ohne die Hilfe der Sumpfgoblins finden zu müssen, wurde ihm übel. Kraftvoll sprang er auf, rammte sein Krummschwert in die Scheide und stürmte dem letzten Abschnitt seiner Mission entgegen. Niemand würde ihn jetzt noch aufhalten, wenn es darum ging, den Sarukh'ti Nishtar dem Goblinfürsten am Baum des Lebens zu überbringen.



Der Baum des Lebens

Hin und wieder erspähten sie durch das dichte Blattwerk des Dschungels hindurch den Baum des Lebens, längst bevor sie ihn erreichten, und Tarimek war kaum in der Lage, seine schiere Größe zu fassen. Er erhob sich über das Dach des Dschungels, als wären die größten Bäume des Dschungels neben ihm bloß Setzlinge. Der Baum aller Bäume war ein Berg von Blättern und Zweigen, manche von ihnen so breit wie die Straßen Kharabads. Einen Moment lang überströmte Tarimek ein Gefühl von Ehrfurcht, Glück und Erhabenheit, und je näher er dem Baum kam, desto mehr riß er sich zusammen. Es war Nacht, als sie endlich ihr Ziel erreichten, und als sie sich in den Schutz des Blätterdaches begaben, war es, als beträten sie eine Höhle. Der Baum wurde vom Licht zahlloser Fackeln beleuchtet, doch weitaus spektakulärer wirkten die hellen Wohnstätten der Goblins, die wie Kürbisse überall an seinen Zweigen hingen. Die Sumpfgoblins nannten ihre Heimstätten Kalebassen, und eine der größten Kalebassenstädte sah Tarimek nun vor sich. Wie Tausende von Laternen strahlte sie in die Nacht, und Tarimek sah sich außerstande, ihre genaue Zahl zu schätzen. Als seine Schwarzblüter aufschlossen, sah er, wie aus vielen der unteren Kalebassen Goblins hervorkamen. Weiter oben befanden sich noch weitaus größere Behausungen, zwischen denen sich aufgedehnte Plattformen spannten. Überall sag Tarimek die großen Insektenkreaturen landen und fliegen, die Drohnen der Sumpfgoblins.
Als er sag, wie aus fast allen der Kalebassen Lianen und Seile herabstürzten, fühlte er sein Herz schneller schlagen. Die gesamte Bevölkerung des Baumes schien herabzuschwärmen, um sich vor ihnen zu versammeln. Eine Hundertschaft von Spinnenwächtern stürmte den Baum herab, und das penetrante Summen der Drohnenflügel ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen. Überall um sie heruzum stürzten jetzt die Goblins an Lianen und Seilen hinab, und plötzlich schrille Hörner und Pfeifen. Tarimeks Kopf ruckte nach oben, und er sah eine Gruppe von Drohnen aus einer der größten Kalebassen hervorbersten und herabsegeln. Sie landeten am oberen Ende einer steilen Straße, die Tarimek unvermittelt als gigantische Wurzel erkannte. Die Menge der Goblins auf der Wurzel teilte sich und gewährte ihm den Blick auf einen Fackelring um einen funkelnden Kristallthron. Die Lichtreflexe waren im ersten Moment zu hell, doch als er die Augen zusammenkniff, erkannte Tarimek. daß der geblich blitzende Kristall die Form einer Lotusblüte besaß.
Von einer der Drohnen stieg ein Schamane herab, der sich spürbar und sichtbar von den anderen Goblins unterschied, und die riesige Menge verneigte sich. Der Goblinfürst nahm seinen Platz auf dem Thron ein. Hinter dem Baum des Lebens hatte absolute Dunkelheit den Dschungel verschluckt, doch hier, unter seinen sprießenden Armen, vertrieb das Licht die Nacht. Auf einen Wink des Goblins setzten sich die Führer der Schwarzblüter in Bewegung und geleiteten sie Richtung Thron. Langsam erklommen sie die breite Wurzel und erreichten schließlich den ebenen Bereich vor dem Thron des Goblinfürsten. Hinter dem Thron erhob sich der Stamm des Baumes wie eine steinerne Steilwand.
Tarimek fiel sofort auf ein Knie nieder, und alle Schwarzblüter folgten seinem Beispiel. Der Goblinfürst schien ihre Respektbezeugung wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen und bedeutete ihnen mit einem Wink, sich zu erheben. Tarimek betrachtete die winzige Gestalt, der es wie keinem zuvor gelungen war, die Sumpfgoblins hinter sich zu vereinen. Sein Blick glitt über die Tausende von Goblins, die sie umgaben, und er war stolz auf seine Schwarzblüter, die noch immer Würde ausstrahlten und sich nicht einschüchtern ließen. Die vier Trolle seiner Leibwache nahmen neben ihm Habt Acht an; es war die gleiche Stellung, mit der sie dem Kaiser selbst Ehre erwiesen hätten. Der Botschafter des Imperiums der Schwarzblüter befand sich in guter Gesellschaft, als er seine Worte an den Goblinfürsten richtete.
"Kaiser Nisar Blutband entsendet dem Hüter des Baumes seine Grüße", begann er. "Ich bin Tarimek Asis, loyaler Statthalter des Blutthrons und Stimme des Kaisers."
Der Goblinfürst erwiderte nichts, und Tarimek fuhr fort.
"Der Kaiser kennt Euren Wunsch, die verbleibende Bande zum Imperium der Schwarzblüter zu durchtrennen. Euer Verlangen stimmt ihn traurig, doch er ist einverstanden, die alten Bande zu lösen, die unsere großen Nationen verbinden. Um keinen Zweifel an seinen Absichten fortbestehen zu lassen, gibt er Euch den Sarukh'ti Nishtar zurück, den Geist des Verlorenen Landes."
Tarimek drehte sich um und nahm die Truhe von einem der Oger entgegen, der sie so lange und all die Strapazen hindurch getragen hatte. Einer der Gehilfen des Goblinfürsten kam hervor, um die Truhe von Tarimek entgegenzunehmen, und kniete vor dem Thron nieder, während er die alte Lade seinem Herrscher entgegenstreckte. Der Goblinfürst betrachtete angewidert das Siegel des Leuchtenden Sterns und streckte seine Hände aus, es zu brechen.
Der Schwarm der Goblins drängte hervor, doch plötzlich überkam Tarimek die düstere Vorahnung einer Katastrophe. Langsam hob der Goblin den Deckel der Truhe, und auf einmal wandelte sich sein Gesichtsausdruck. Von gespannter Erwartung trat erst ein Schock, dann Abscheu und schließlich blanker Haß in seine Augen.
"Mein Fluch über dich, Nisar!" dachte Tarimek Asis, als der Goblinfürst die Truhe umstülpte. Nicht der großartige Smaragd, den die Goblins den Geist des Verlorenen Landes nannten, fiel herab, sondern der madenzerfressene, verfaulte Kopf des Goblinbotschafters, der ihre sichere Rückkehr aus den Fängen des Verlorenen Landes gewährleisten sollte.



Im Dienste seiner Majestät

Nisar erhob sich, als sein Großwesir den Thronsaal betrat.
"Was gibt es für Neuigkeiten, Bokhir?"
"Gute, mein Herrscher", antwortete Bokhir, während er vor dem Thron niederkniete. "Die Blockade um die Turmstadt der Jadeelfen ist fast abgeschlossen, und unsere Armee näherte sich dem Weltenrand. Innerhalb weniger Tage werden unsere Truppen in das Verlorene Land einfallen und den Sumpfgoblins ihre wohlverdiente Lektion erteilen."
"Großartig, Bokhir. Großartig! Bald werden wir in der Lage sein, unsere Aufmerksamkeit wieder den anderen Rassen zu widmen." Der Kaiser war gut gelaunt, wie immer vor großen Herausforderungen. Jede Bedrohung seines Lebens, seines Imperiums oder seines Throns brachte das Beste in ihm hervor, und sein Bestes hatte bislang für jeden Gegner ausgereicht. Bokhir war stolz, einem so großen Meister dienen zu dürfen.
"In der Tat, mein Herr. Tarimek Asis hat dem Imperium gut gedient, nicht wahr?"
Nisar wurde unvermittelt ernst.
"Ja, Bokhir, das hat er. Ein redlicher Ruf, meisterhaft eingesetzt, ist eine fürchterliche Waffe, wenn die Nationen der Welt um die Vorherrschaft streiten. Wir sollten versuchen, diese Qualität verstärkt in unseren Dienern heranzubilden."
"Damit wir sie schließlich einsetzen können wie Asis, mein Herrscher?" fragte Bokhir geradeheraus.
"Warum sonst, Bokhir?"
"In der Tat, warum sonst", erwiderte Bokhir.
Nisar lächelte über diesen Moment gemeinsamen Zynismus.
"Sag mit, Bokhir, hast du ihn geschätzt deswegen oder verachtet wegen solcher Aufopferung?"
"Wäre seine Aufopferung aus Schwäche geboren gewesen, ich hätte sie und ihn zutiefst verachtet, doch ich glaube, sie kam aus seiner Stärke und der Liebe zum Imperium, deshalb hatte ich tiefsten Respekt vor Tarimek Asis, mein Herr."
Nisar nahm seinen Sitz auf dem Blutthron ein.
"Ich ebenfalls, Bokhir. Ich ebenfalls."



Der Geist der Vorsehung

Tarimek Asis konnte kaum glauben, daß sie noch immer lebten. Er hatte jedoch keine Ahnung, wie lange dieser Zustand noch andauern würde. Als der Goblinfürst den Kopf seines Botschafters aus der Truhe gehoben hatte, folgte ein endloser Moment atemloser Stille, als der versammelte Schwarm versuchte, das Ausmaß des Verrats der Schwarzblüter zu begreifen. Dann rammte der Goblin den angetrennten Schädel himmelwärts und schrie ...
"Tötet sie! Tötet sie alle!"
Und plötzlich kämpften die Schwarzblüter um ihr Leben.
Tarimeks Leibwache drängte sich dicht um ihn und töte ein Dutzend Goblins, das in den ersten Sekunden des Kampfes versuchte, ihn zu erreichen. Der Rest der Schwarzblüter fuhr herum und begann, sich ihren Weg zum Fuße des Baumes freizuhacken. Sie hatten Glück, denn die Wurzeln hinderte die Goblins daran, sie zu umzuingeln. Der Kampf tobte in ihrem Rücken und direkt vor ihnen, dazu kamen die Drohnen, die ständig auf sie herabstürzten. Der Goblinfürst brüllte Befehle, und der gesamte Goblinschwarm stürzte sich auf die kleine Gruppe von Schwarzblütern.
Tarimek brannte vor Wut. Er griff alles an, was ihm vor die Klinge kam. Drohnen, Gottesanbeter, sebst die Spinnenwächter, die versuchten, die rieisge Wurzel zu ihnen hinaufzuklettern. Kostbare Minuten lang umwölkte der Haß sein Urteilsvermögen, doch schließlich bekam er sich unter Kontrolle und suchte nach einem Ausweg aus dieser Todesfalle. Er brauchte etwas drei Sekunden, um zu erkennen, daß es keinen Ausweg gab. Tausende von Goblins strömten am Fuße des mächtigen Wurzel zusammen. So stark die Schwarzblüter auch waren, dieser schieren Überzahl der Goblins hatten sie nichts entgegenzusetzen. Über ihnen verließen die Jagddrohnen ihre Kalebassen. Tarimek blickte zurück und sah, wie der Goblinfürst seine Elitetruppe der Gottesanbeter und Speerkämpfer vor sich antrieb. Langsam spürte Tarimek, wie ihn die Resignation überwältige, doch mit einem Mal klang ein Gedanke in seinem Inneren wider. Irgend etwas, ein Juwel des Wissens, das Hoffnung verhieß. Er erinnerte sich dunkel an eine Schriftrolle, die das Siegel des Leuchtenden Sterns trug und irgendeine eigenartige Nachricht über das Sozialwesen der Sumpfgoblins. Er kämpfte darum, die Erinnerung in den Tiefen seines Gedächtnisses zu fassen zu bekommen, und plötzlich traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag.
"... jegliche gemeinschaftliche Aktivität, von der Nahrungssuche bis hin zum Krieg, wird sofort eingestellt, sobald der Goblinfürst stirbt."
Tarimek Asis fuhr herum und fixierte den Goblinherrscher. Der Schamane begegnete seinem Blick, mißdeutete jedoch seine Absicht. Es war zu spät, seine Truppe neu zu formieren. Sie kämpfte um ihr Leben, doch Tarimek erregte die Aufmerksamkeit seiner vier Leibwächter, die an seiner Seite standen, und gab ihnen einen Befehl, den sie zwar nicht nachvollziehen konnten, dem sie jedoch ohne Zögern folgten: "Tötet den Goblinfürsten!"
Die vier Trolle, die dem kleinen Trupp der Schwarzblüter den Rücken deckten, kehrten plötzlich um und griffen ihre Angreifer an. Die Gottesanbeter und die Speerkämpfer der Goblins waren völlig überrascht, als die blutrünstigen Trolle unvermittelt ihre Taktik änderten und alle Kraft in einen Sturmangriff legten. Tarimek stüzrte sich an ihrer Seite ins Getümmel. Wild hackend, parierend, duckend gewannen sie an Boden und zwangen sich durch einen Wirbelsturm von Chitinspeeren und Insektenklauen. Die Gottesanbeter und die Speerkämpfer waren formidable Gegner, doch den Trollen und dem Todessucher waren sie nicht gewachsen. Sie pflügten durch das Meer ihrer Gegner, und die Distanz zwischen ihnen und dem Goblinherrscher nahm rapide ab. Schließlich realisierte der Schamane die tödliche gefahr, in der er steckte. Es gab keinen Weg, von der Wurzel zu entfliehen, da sie direkt am gewaltigen Stamm des Baumes endete. Der Goblinschamane geriet außer sich und rief irgend etwas den Drohnen zu, die mit den Schwarzblütern kämpften. Eine von ihnen löste sich aus demGetümmel und flog auf ihn zu. Tarimek wußte, jetzt war der Moment der Entscheidung gekommen. Wenn der Goblin entkam, war ihr Schicksal besiegelt. Mit wilder Entschlossenheit stürmte er vor, und die Trolle folgten ihm dicht auf den Fersen. Sie waren nur noch wenige Meter entfernt, als der Goblin den Reiter von seiner Drohne riß und auf den Rücken der Kreatur sprang. Die verwirrte Drohne spreizte ihre Flügel, während ihr neuer Reiter versuchte, mit ihr sichere Höhen zu erklimmen. Der Goblinfürst stieß gerade ein rauhes Lachen hervor, als Tarimek sah, wie sich der Troll Ghandruk in die Luft abstieß. Er sprang hoch und bekam ein Bein der Drohne zu fassen. Die Kreatur fauchte, als sie zurück gegen den Baum fiel, und stach mit ihrem giftigen Stachel zu. Der Stachel traf Ghandruk gerade unterhalb der Rippen und pulsierte, als er sein Gift in den Körper des Trolls pumpte. Dann zog die Drohne ihren Stachel zurück und stach ein zweites Mal zu und ein drittes, doch Ghandruk ließ nicht locker. Der letzte Gottesanbeter versuchte, seinen Herrscher zu retten, doch Tarimek spaltete krachend dessen kunstvoll verzierten Helm, während die anderen Trolle bereits an ihm vorbeistürmten. Der Goblinfürst versuchte bereits, den Baumstamm hinaufzukraxeln, kam jedoch kaum zwei Meter über das hohe Ende der Wurzel hinaus. Der erste Troll holte noch im Lauf mit seinem Sensenhandschuh aus und sprang hoch. Während Tarimek sein Krummschwert aus dem Schädel des Kriegers riß, hörte er den Goblinfürsten kreischen und sah, wie der Troll ihm mit einem gewaltigen Schlag geradewegs den Rücken spaltete.
Als der Schreib verklang, senkte sich eine unnatürliche Stille auf den Baum des Lebens. Der Ansturm der Goblins brach ab. Die wenigen Kämpfer, die noch in Reichweite waren, zogen sich zurück und starrten sprachlos den blutenden Körper ihres Herrschers an. Der Troll riß seinen Sensenhandschuh frei und fing den Körper des Goblins auf. Mit einem Urschrei stemmte er ihn erst in die Höhe und ließ ihn dann wie einen nassen Sack zu Boden donnern. Die Schwarzblüter konnten es kaum fassen, mit welcher Plötzlichkeit der Kampf geendet hatte. Die Szene besaß etwas Unwirkliches, und Tarimek bewegte sich vorsichtig, als könnte der Kampf jede Sekunde wieder losgehen. Der Haß, der ihnen von allen Seiten entgegenstrahlte, war so intensiv, daß Tarimek das Gefühl hatte, seine Haut würde Blasen schlagen. Er unterdrückte mit aller Kraft die in ihm aufkeimende Hoffnung, doch noch lebend aus dieser grünen Hölle zu entkommen, und bewegte sich vorsichtig mit seinen Schwarzblütern auf die Goblins zu, die ihnen den Weg versperrten. Fassungslos beobachtete er, wie sie tatsächlich eine Gasse bildeten, und ließ die Erleichterung durch sich hindurchströmen. Vorsichtig folgte ihm der Rest seiner Gruppe auf dem Weg zum Fuße des Baumes. Als sie schließlich den Waldboden erreichten, konnte ein junger Speerkämpfer seinen Zorn nicht halten und stürmte gellend auf die Schwarzblüter zu. Tarimek und seine Krieger zuckten zusammen, doch ein naher stehender Schamane brüllte einen Befehl, und der Speerkämpfer fiel vornüber. In seinem Rücken prangte ein kleines Sammelsurium vergifteter Pfeile. Die schwarzblüter starrten voller Ehrfurcht auf den Körper, hielten in ihrem Marsch jedoch nicht inne.
Als sie den Baum des Lebens hinter sich gelassen hatten, führte Tarimek sie nach Westen. Wenn seine Erinnerung korrekt war, hatten sie maximal sieben Tage, um dem Verlorenen Land zu entkommen. Und wenn sie auch nur den Hauch einer Chance haben wollten, mußten sie die einzige Region des Dschungel durchqueren, die selbst die Sumpfgoblins fürchteten. In der Dunkelheit beobachteten fünfzigtausend haßerfüllte Augen, wie sie im Dschungel verschwanden, geradewegs in die Dschungeldomäne der Stygianer.
Das war vor sechs Tagen, und von den 38 Schwarzblütern, die den Baum des Lebens überlebt hatten, waren nur noch 21 übrig.



Die Jagd

Hätten die Schwarzblüter auf dem Hinweg ihren Führern nicht einen Teil der Geheimnisse des Dschungels entrissen, sie wären nie in der Lage gewesen, alleine auch nur eine Woche zu überleben. Nach all der Zeit jedoch, die sie mittlerweile im Dschungel verbracht hatten, und all den Opfern, die er unter ihnen gefordert hatte, begannen sie, ihm zu trotzen und den schlimmsten Gefahren selbst aus dem Weg zu gehen. Tarimel wußte, daß mittlerweile ein neuer Goblinfürst auf dem Thron saß, dessen beste Häscher bereits jetzt alles daransetzten, ihm die madenzerfressenen Köpfe der Schwarzblüter als Krönungsgeschenk zu bringen. Momentan bezweifelte Tarimek jedoch, daß er überhaupt so lange überleben würde, daß die Goblins ihn finden konnten. Nicht einmal eine Woche war nach ihrer Flucht vergangen, und sie waren bereits auf die erste Pyramide der Stygianer gestoßen. Als der Späher die Pyramide gemeldet hatte, hatte er den Rückzug auf geradem Weg um einen Kilometer befohlen und sie dann einen weiten Bogen um die Tempelanlage schlagen lassen. Gnadenlos hatte er die Schwarzblüter angetrieben, ihnen nur ein oder zwei Stunden Schlaf in jeder Nacht erlaubt, doch nicht einer hatte sich beschwert. Es war eine gute Truppe, denn ihnen allen war klar, welche Folgen ein Versagen ihrerseits für sie alle haben würde.
Die Ahnung, daß etwas nicht stimmte, kam in dem Moment, als plötzlich ein Ork im rückwärtigen Teil der Truppe verschwand. Es gab kein Geräusch, keinen Hilfeschrei, gar nichts. Nur ein paar Tropfen Blut an einem Dschungelfarn zeugten von der Gewalt, die stattgefunden hatte, doch es war nicht einmal Zeit, nach ihm zu suchen. Nach diesem Angriff hatte Tarimek jeden Tag mindestens ein Mitglied seiner Gruppe verloren. Nur einmal griffen die Stygianer offen an, doch diesen Fehler begingen sie nur einmal. Die schiere Verzweiflung und blinde Wut der Schwarzblüter, insbesondere der Trolle, ließ den Stygianern keine Chance. Sie wurden regelrecht abgeschlachtet, doch danach fing die Angst erst richtig an. Die Stygianer waren Meister der Dschungeltarnung und schnappten sich einen Schwarzblüter nach dem anderen, lautlos, gnadenlos, tödlich. Die konstante Furcht fraß an ihren Nerven. Tarimek diskutierte gerade den Weg mit einem Oger, als eine große blaue Gestalt aus den Zweigen über ihnen fiel. Tarimek erspähte für einen Moment blaue Schuppen, scharfe Zähne und eine Bronzerüstung, als der Stygianer seine Klauen in den Hals und Kopf des Ogers stieß und den gesamten Körper zu sich ins Blätterdach riß. Die schiere Geschwindigkeit des Angriffs trieb Tarimek das Blut mit Höchstgeschwindigkeit durch die Adern, doch der Stygianer war längst verschwunden, als sein Krummschwert wenige Sekunden später bis zum Anschlag im Blätterdach versank. Danach hatte er seine Männer noch härter als zuvor angetrieben.
Langsam ebbten die Angriffe der Stygianer ab, und Tarimek realisierte, daß sie dabei waren, die Domäne der Echsen zu verlassen. Die Erleichterung, die diese Erkenntnis mit sich brachte, wurde nur davon getrübt, daß sie nun auch keinen Schutz mehr vor den Sumpfgoblins zu erwarten hatten. Tarimeks schwer angeschlagener und geschrumpfter Kampfverband würde schwer zu finden sein, aber er konnte sich nicht vorstellen, daß sie den Weltenrand erreichen würden, ohne entdeckt zu werden. Dennoch, jeder Tag, an dem sie nicht entdeckt wurden, brachte sie einen Tag weiter in Richtung Sicherheit. Es waren jetzt drei Wochen, seit sie dem Baum des Lebens entronnen waren, und obwohl seine Karte nicht sehr genau war, mußten sie langsam die riesigen Steinwände erreichen, die das Ende des Verlorenen Landes markierten.
Drei Tage später erspähten sie die Kliffs durch eine Lichtung im Dschungel. Wie ein riesiger grauer Vorhang, hier und da durchbrochen von leuchtend blauen Wasserfällen. Obwohl sie noch immer einige Tage entfernt waren, kam den Schwarzblütern mit dem Anblick dieses fernen Idylls das erste Mal seit Ewigkeiten wieder Hoffnung zu Gesicht. Sie würden es schaffen, sie würden das Unmögliche erreichen und dem Verlorenen Land entkommen. Doch dann, am Mittag des nächsten Tages, hörten sie ein Geräusch, das sie alle flach auf den Boden und in den Schutz des Unterholzes trieb. Das leise Summen der Flügel einer einzelnen Drohne. Das riesige Insekt flog direkt über sie hinweg, wie eine boshafte Wespe, die nach einer ganz bestimmten Blume sucht, um sie zu plündern. Als es verschwunden war, gab Tarimek den Befehl zum Aufbruch. Als sie etwa eine Stunde unterwegs gewesen waren, kehrte die Drohne plötzlich zurück. Vielleicht war sie ihrem Instinkt oder der Witterung der Schwarzblüter gefolgt, doch auf jeden Fall tauchte sie aus dem nichts auf und stürzte aus den Bäumen auf sie herab. Die Schwarzblüter versuchten nach ihr zu hacken, und Tarimek befahl den übrigen Sturmkriegern, sie abzuschießen, doch sie deuteten nur auf ihre leeren Köcher. Tarimek fluchte, als er die Drohne im Dschungel verschwinden sah. Die Jagd hatte begonnen, und die Macht der Verzweiflung war der einzige Verbündete der Schwarzblüter. Die Schwarzblüter waren längst über den Zustand bloßer Erschöpfung hinaus, als sie zum Weltenrand sprinteten, so schnell sie ihre Beine trugen. Sie rannten die ganze Nacht über und den ganzen nächsten Morgen, als sie feststellten, daß die aufgehende Sonne den dumpfen Klang der Goblintrommeln mit sich brachte. Vor ihnen ragten die Felswände wie die Mauern einer sicheren Burg in den Himmel, doch die Goblins waren ihnen dich auf den Fersen. Über ihnen summten Geschwader von Drohnen, die nicht angreifen konnten, solange die Schwarzblüter durch den dichten Wald rannten, doch Tarimek wußte nicht, wie lange ihnen die Landschaft gewogen bleiben würde. Plötzlich brach ein Spinnenwächter der Goblins aus dem Dschungel vor ihnen und brüllte ihnen seine Herausforderung zu, doch nur, bis die Schwarzblüter ihn erreichten. Der erste Oger packte ein Bein der Spinne, während sein Waffenbruder das nächste abhackte. Als die Riesenspinne schwankte, nutzte einer der Trolle die Chance, sein Krummschwert in den Augenhaufen der Spinne zu rammen. Tarimek hörte ihren Panzer brechen und vertraute darauf, daß seine Männer mit dem Reiter ebenso kurzen Prozeß machen würden, während er und die anderen Schwarzblüter weiterhasteten.
Der Grund unter ihren Füßen wurde steiler und immer felsiger. Tarimek konnte eine Art Pfad in den Felsen vor ihnen erkenn, der die Steilwand hinaufzuführen schien. Sie rannten darauf zu, doch er spürte bereits, wie die Sumpfgoblins sich von allen Seiten näherten. Spinnenwächter brachen zu allen Seiten aus dem Dschungel hervor, und sie verloren kostbare Minuten und vier ihrer Kameraden, bevor sie weiterkonnten. Schließlich legte Tarimek seine Hände auf den baren Fels und begann zu klettern. Ein Speerverband der Sumpfgoblins war nur noch wenige Augenblicke hinter ihnen und drohte all ihre Hoffnungen zunichte zu machen, doch seine Schwarzblüter wußten um den Ernst der Situation. Ein Troll und drei Oger führen herum und stürmten ihren Häschern entgegen. Sie mußten sie aufhalten und würden sie aufhalten, und sie würden dabei für ihre Kameraden untergehen, und sie wußten es. Tarimek wußte es ebenfalls, doch er biß die Zähne zusammen und kletterte weiter, ohne sich umzuschauen. Jetzt mußte er sein Bestes geben, wenn er wollte, daß sein Volk eines Tages Lieder über sie sang.
Die Sumpfgoblins waren blind vor Wut, daß auch nur einer der Schwarzblüter ihren Klauen entrinnen können, doch sie konnten nichts dagegen tun, daß die Nachut den Schwarzblütern an der Spitze immer wieder kstbare Zeit und ihren Waffenbrüdern damit einen entscheidenden Vorsprung verschaffte. Schließlich erreichte Tarimek die höchsten Zweige des Dschungeldachs. Die Sumpfgoblins hatten nicht genug Streitkräfte, und jeder Schritt brachte die Schwarzblüter einen Sprung weiter in Richtung Sicherheit. Tarimeks Herz pochte, als er sich weiter die Steilwand hochquälte. noch elf seiner Schwarzblüter waren am Leben, und Tarimek zog sie im Geiste mit sich nach oben. Er weigerte sich, auch nur an die Möglichkeit zu glauben, daß sie so kurz vor dem sicheren Hafen noch scheitern konnten. Dann hörte er das penetrante Summen der Flügel einer Drohne hiner sich. Er fuhr schnell herum, doch das farbenprächtige Insekt war bereits neben ihm. Er stieß einen Fluch hervor und versuchte, sein Krummschwert herumzureißen, doch plötzlich durchschnitt sein gellender Schmerzenschrei die maliziöse Stille des Dschungels, und alles explodierte im Schmerz, als ihn der vergiftete Stachel direkt ins linke Auge traf. Tarimeks Welt zersplitterte in roter Agonie, und mit einem letzten Wutschrei fiel er auf die Knie, als die Dunkelheit ihn umhüllte.



Besser noch - Bleibt, wo Ihr seid

Die Armee, die die Schwarzblüter am Weltenrand zusammengezogen hatten, bestand aus zwei Teilen. Eine belagerte die Turmstadt der Jadeelfen, um sie daran zu hindern, den Sumpfgoblins zu Hilfe zu kommen. Die zweite Hälfte hatte der Kaiser durch das Tal der Heulenden Winde geschickt, um den Aufstand der Sumpfgoblins niederzuwerfen. Dieses weite offene Gelände war vielleicht der größtmögliche Kontrast zu dem dichten Dschungel, in dem die Sumpfgoblins zu Hause waren und in dem sie ihre Stärke und Erfahrung hätten ausspielen können. Als die Schwarzblüter die Steilwand erreichten, die ihnen einen Ausblick auf den Großteil des Verlorenen Landes verschaffte, nahmen die kleineren Einheiten den Weg hinab über dieselben Stufen, die Tarimek Asis benutzt hatte.
Es gab viele Verluste, doch die Armee der Schwarzblüter hatte nicht mit den Problemen zu kämpfen, die Tarimeks Männer aufgerieben hatten. Sie litten nicht unter dem Gefühl der Abgeschnittenheit und Isolation, sie waren hier, um dem Dschungel das Zeichen ihres Kaisers aufzuzwingen. Was machte es schon, wenn sie ein paar Krieger an hungrige Giftgewächse und an die Räuber des Dschungels verloren? Sie waren nur hier, um den Sumpfgoblins eine Lektion zu erteilen.
Späher berichteten, daß die Armee der Sumpfgoblins etwas einen Tagesmarsch entfernt im Osten kampierte, und nachdem sich die Truppen der Schwarzblüter am Fuße der Steilwand neu formiert hatten, führten die Kommandanten der Schwarzblüter ihre Männer in den Dschungel. Die Armee der Schwarzblüter fand, was Tarimek und sein Kampfverband gefunden hatten. Niemand bewegte sich einfach durch den Dschungel. Man hackte sich seinen Weg frei, Schritt für Schritt, Tag für Tag, ohne Unterlaß, und jede Sekunde der Unachtsamkeit konnte den Tod bedeuten. Selbst an denen, die überlebten, hinterließ der Dschungel in Form von Dornen, Narben und Entzündungen die unmißverständliche Botschaft, daß er sie nicht willkommen hieß.
Über siebentausend Schwarzblüter hackten und hieben sich ihren Weg durch den Dschungel ins Verlorene Land hinein, und der Dschungel schloß sich um sie. Dann, am zwölften Tag des Karges Mondes, griffen die Sumpfgoblins an.
Den Schwarzblütern blieb keine Zeit, ihre Streitmacht zu formieren, doch selbst dann hätten sie nicht gewußt, was zu tun war. Die Goblins griffen von allen Seiten an. Drohnen schossen über ihre Köpfe hinweg und griffen das gesamte Feld von oben an, indem sie unzählige Wespennester auf die Schwarzblüter abwarfen. Die zornigen Insekten brachen aus ihren zerstörten Heimstätten hervor und trieben Chaos in die Reihen der Schwarzblüter, die versuchten, den brennenden Stichen zu entrinnen. Wolken von vergifteten Pfeilen regneten von den Bäumen herab, und ätzende Sporen blendeten die Orkschützen, als sie versuchten, das Feuer zu erwidern.
Der Sumpfgoblinschwarm war durch viele Stämme, die sich bislang der gemeinsamen Sache verweigert hatten, stark gewachsen. Die Kunde vom Tod des Goblinfürsten hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer, und in Verbindung mit der Nachricht vom Verrat der Schwarzblüter war das sogar für Stämme wie die Malovanti und die Toltach Grund genug, ihren Brüdern beizustehen und die größte aller Beleidigungen zu rächen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sie hatten die Armee der Schwarzblüter umzingelt, und das Schlachten konnte beginnen.
Die Schwarzblüter versuchten, einen Gegenangriff auf die Beine zu stellen. Ein großer Kampfverband der Schweren Ogerinfanterie preschte vorand. Die Sumpfgoblins gaben Boden an sie auf und lockten sie erfolgreich in einen kleinen Sumpf. Als die ersten Oger von ihren Tieren stürzten, kamen wie aus dem Nichts die Spinnenwächter und machten kurzen Prozeß mit der auseinandergezogenen und hilflosen Gruppe. In der Zwischenzeit griffen die riesigen Sumpfschrecken die Schwarzblüter an der rechten Flanke an. Diese Spinnenkreaturen bewegten sich durch den Dschungel mit einer derartigen Leichtigkeit, als handelte es sich nur um ihr selbstgesponnenes Netz. Das ein jeder von ihnen mehrere Goblins auf seinem Chitinpanzer trug, wiederum bewaffnet mit Langspeeren und Blasrohren, schien sie nicht im mindesten zu behindern. Die Goblins stachen zielsicher mit ihren Speeren und schalteten die meisten Bedrohungen schon aus der Ferne mit ihren Blasrohren aus.
Es schien keinen Weg zu geben, dem übermächtigen Ansturm der Sumpfgoblin zu widerstehen. Eine Herde der Mammutbullen stürmte donnernd auf die Sumpfschrecken zu und machte vielen von ihnen den Garaus gleich, doch überall ließen sich versteckte Sumpfgoblins aus den Bäumen fallen und zwangen die Reiter der Mammutbullen unvermittelt in den Kampf um ihr Reittier. Die Armee wankte, und die Führer der Schwarzblüter gaben das Signal zum Rückzug. Das ließen sich die Kämpfer nicht zweimal sagen. Sie fuhren auf dem Absatz herum und nahmen die Beine in die Hand, um den einzigen Ort der Hoffnung zu erreichen: den Weltenrand.
Ein ohrenbetäubendes Triumphgeheul fuhr über den Dschungel hinweg, als die Sumpfgoblins die Schwarzblüter vor sich her trieben. Sie verfolgten sie wild und gnadenlos. Fast keiner, der strauchelte, stand je wieder auf, und selbst die vordersten Schwarzblüter mußten erkennen, daß die Sumpfgoblins sich auch in ihrem Rücken positioniert hatten. Die Kraft der Verzweiflung war es jedoch, die den Großteil der Schwarzblüter zurück zum Weltenrand brachte. Als schließlich die ersten von ihnen die Steilwand hochkletterten, donnerte neben ihnen auch die Mammutbullen und Kutara die breiten Wege hoch. Die wenigen Schwarzblüter, die es bereits bis hier hin geschafft hatten und nicht senkrecht die Steilwände hochgeklettert waren, fielen ihren Hufen zum Opfer, bis ihre Nachfolger kamen, die die Lektion aus der Ferne hatten lernen dürfen. Die gesamte Infanterie versuchte, die tückischen Stufen und Vorsprünge des Weltenrandes zu erklimmen, und wurde permanent von den rachedurstigen Goblins angegriffen. Hunderte von Drohnen schienen sich gezielt Opfer herauszupicken, doch als die Schwarzblüter realisierten, daß viele von ihnen nicht fliehen konnten, stellten sie sich dem Kampf an der Steilwand. Manche, die ihr Ziel verfehlten, verloren den Halt und rasten in die Tiefe, doch die meisten schafften es mit dem Mut der Verzweiflung, ihre Nemesis mit in die Tiefe zu reißen, als sie auf das Blätterdach des Dschungel zustürzten.
Siebentausend Schwarzblüter hatten das Verlorene Land betreten. Weniger als die Hälfte kehrte zurück. Die Sumpfgoblins überschwemmten den Weltenrand wie eine Flutwelle, Tausende und Abertausende von ihnen. Es schien, als wollten sie diesen einzigartigen Vorteil nutzen, um ein für allemal klarzustellen wer der Herr des Dschungels war. Das erste Mal in über tausend Jahren verließen die Goblins ihre angestammte Heimat, und sie waren auf tödlicher Jagd.
Große Gruppen von Drohnen erhoben sich über den Weltenrand, und die Goblinwelle spüöte über die Kante. Spinnenwächter und Sumpfschrecken erklommen die Steilwand mit Leichtigkeit und arbeiteten sich in die Ebene vor, die zum Tal der Heulenden Winde führte. Die Schamanen der Goblins versprenkelten ihre magischen Puder und Pasten und gaben den Befehl zur totalen Jagd. Die kraftvollen Strahlen der glühenden Sonne ließen ihre Rüstungen schimmern, als wären sie eine Kolonie von Kampfameisen auf dem Marsch.
Als die Schwarzblüter das breite Tal hinabstürmten, kam ihnen eine Goblinstreitmacht entgegen. Diesmal handelte es sich jedoch nicht um Sumpfgoblins, die eine Falle zuschnappen ließen, diesmal waren es Schwarzblüter, die im Dienste des Blutthrons kämpften. Die Erde bebte, als eine riesige Mammutbullenherde durch das Tal donnerte. Am Kopf des Trupps ritt ein Oger auf einem weißen Bullen. Er brüllte den fliehenden Schwarzblütern Befehle entgegen, und sie fuhren herum und stellten sich ihren Verfolgern. Zügig formierten sich die Schwarzblüter neu, wie zwei Hörner auf beiden Seiten der Bullenherde. Dann, mit soliden Fels unter ihren Füßen und nichts, was ihnen im Wege stand, stellten sie sich erneut den Sumpfgoblins. Sie mußten laufen, um mit den Mammutbullen Schritt halten zu können, doch endlich vermochten sie tatsächlich, ihre Müdigkeit abzuschütteln. Sie waren den Klauen des Dschungels netronnen, und hier waren sie in ihrem Element.
Die Sumpfgoblins kamen heran, doch alles, was sie sahen, war eine große Wolkenwand aus Sand und Staub, die auf sie zuraste, begleitet von dem Heulen des Sturms. Und dann spuckte der Staub die Bullenherde der Schwarzblüter aus. Wie eine Wand donnerte die Mammutreiter auf die Sumpfgoblins zu, für die es aussehen mußte, als rase der Berg selbst auf sie herab. Die ersten Goblins versuchten, die Mammuts mit ihren Giftpfeilen zu erlegen, doch die mächtigen Bestien trampelten sie nieder, ohne innezuhalten. Alle, die versuchten, die gnadenlose Stampede zu entrinnen, zwangen die Schwarzblüter in ihrer Hornformation zurück in den unerbittlichen Pfad der Mammuthorde. Die Spinnenwächter und die Sumpfgoblins verlangsamten ihren Vorstoß nur und fielen der schieren Masse der tonnenschweren Tiere zum Opfer. Der Zorn der Sumpfgoblins auf ihre früheren Verbündeten schien überwältigend, doch sie realisierten, daß es nun für sie an der Zeit war, eine Lektion zu lernen. Es war tatsächlich an ihnen, zu fliegen. Die Schwarzblüter und die Mammutbullen der Goblins trieben sie über den Weltenrand hinaus zurück in ihre grüne Hölle. Ein Teil der Bullen wurde selbst Opfer der Stampede und fiel kopfüber in den Abgrund. Schließlich sammelten sich die überlebenden Schwarzblüter am Rand des Kliffs, und ihr Siegesgebrüll hallte durch die schwüle Luft. Ein hohler Sieg war es, denn die Anzahl der Goblinleichen, die in der heißen Sonne vor sich hinfaulten, stand in keinem Verhältnis zu den Schwarzblütern, die am heutigen Tag ihr Leben für das Imperium gelassen hatten.
Verschiedene Scharmützel fanden in den nächsten Tagen statt, doch keine der Seiten konnte einen Vorteil erringen. Eine jede kannte sich in ihrem Territorium bestens aus, und es war schierer Wahnsinn, den jeweiligen Heimvorteil aufzugeben. Die Schlacht am Rand der Welt war beendet, doch das gleiche galt für die Hoffnung der Orkalchimisten, sich je die rohen Kräfte der Dschungelflora nutzbar machen zu können. Die alten Bande zwischen den Schwarzblütern und den Sumpfgolins waren ein für allemal zerschnitten. Fortan würden sie Feinde sein, bis zum Ende ihrer Tage.



Blutthron

Nisar Blutband, Kaiser aller Schwarzblüter, saß auf seinem Blutthron und spürte die Last seines Imperiums schwer auf seinen Schultern. Und dennoch war er zufrieden. Die Goblins von Terakan waren niedergeworfen worden und hatten sich den Reihen seiner Armee wieder angeschlossen. Die Sumpfgoblins allerdings waren eine ganz andere Geschichte. Nisar hatte die Berichte des Massakers gelesen, das die Kinder des Moors unter seinen Truppen im Verlorenen Land angerichtet hatten, und in ihm loderten Zorn und Enttäuschung. Doch wenn alles vorüber war, entschieden nicht Sieg oder Niederlage über die wahre Größe eines Herrschers, sondern die innere Willensstärke, die konsequente Weigerung, sich fremden Willen aufzwingen zu lassen. Selbst wenn seine Feinde gedacht hatten, er sei zu schwach, sich zu verteidigen, hatte er sich auf die Stärke verlassen, die Nisar einst zum Kaiser gemacht hatte, und seine Feinde bezwungen. Das Verlorene Land konnte er nicht wiedergewinnen, doch der Verlust war erträglich. Sie wußten, daß sie seine Machtbasis nicht angreifen konnten, und der Orden des Leuchtenden Sterns würde andere Quellen für die Ingredenzien auftun müssen, nach denen er verlangt hatte.
Bokhir kam leise in den Thronsaal und kniete lange Zeit vor seinem Kaiser, bevor Nisar aus seiner Versenkung erwachte und ihn zur Kenntnis nahm. Als Bokhir neben seinem Herrscher Haltung annahm, glitt sein Blick auf den kolossalen Smaragd, der von innen heraus leuchtete und in eine goldene Halterung eingefaßt war. Sein Ständer hate die Firm eines goldenen Baumes, und Bokhir konnte nicht umhin, über diese Ironie zu lächeln. Nisar folgte dem Blick seines Gorßwesirs.
"Ein außerordentliches Schmuckstück, nicht wahr, Bokhir?"
"In der Tat, mein Herrscher."
"Sag mir Bokhir, hättest du unsere Narrenperle aufgegeben, um unser Imperium zu retten?"
"Nur, wenn ich keine andere Wahl hätte, mein Herr." Die beiden Oger tauschten einen bedeutungsvollen Blick und lachten dann lauthals auf.
"Genau meine Gedanken, Bokhir." Nisar starrte auf den Sarukh'ti Nishtar und sprach zu seinem Ratgeber, ohne ihn anzusehen. "Was gibt es Neues, Bokhir, du wirkst angespannt."
Bokhir sah seinen Kaiser an. Die Art, wie Nisar in ihm lesen konnte, gefiel ihm ganz und gar nicht, denn es gab nur sehr wenige, die dies vermochten.
"Es gibt jemanden, der nach einer Audienz verlangt, mein Herrscher. Ein 'Reisender', wenn Ihr es so wollt. Er kam in der Nacht mit einer Karawane aus der Stadt Hazad und läßt sich nicht abweisen."
"Ich habe bereits entschieden, daß keine Audienzen mehr stattfinden werden, bis wir das Territorium wieder unter Kontrolle haben, das wir im Kampf gegen die Kreaturen des Dschungels verloren haben. Warum belästigst du mich mit dieser Frage, wenn du bereits weißt, wie ich entschieden habe?"
"Ich dachte, Ihr könntet diese spezielle Audienz vielleicht dennoch gewähren wollen. Der Mann behauptet, er sei Tarimek Asis."
Nisar löste seinen Blick von dem unschätzbar wertvollen Juwel und fixierte seinen Berater. Er sah nur Ernst in Bokhirs Augen.
"Ist er es, Bokhir?"
"Der fragliche Oger hat nicht viel mit dem würdevollen Statthalter gemein, der uns vor Monaten verließ, doch ja, ich glaube, er ist es."
Nisar lehnte sich instinktiv zurück und erwog die möglichen Gefahren, die aus Tarimeks Rückkehr resultieren konnten. Trotz seiner Bedenken fühlte er eine tiefe Befriedigung. Er erhob sich von seinem Blutthron und richtete seine Worte an seinen Großwesir.
"Führe ihn herein, Bokhir. Für einen, der dem Imperium so unerschütterlich gedient hat, haben wir immer Zeit."
Bokhir drehte sich zum Eingang des Thronsaals und klatschte laut in die Hände. Die Flügeltüren schwangen auf. Der Oger, der den Raum betrat, sah so grimmig und abgehärtet aus, wie Nisar es selbst bei einem Krieger selten gesehen hatte. Er trug die Rüstung und die Farben eines Todessuchers. Sein Körper war hager und kraftvoll, und sein Gesicht verriet nicht den Hauch einer Schwäche. Der Oger trug eine schwarze Augenklappe über seinem linken Auge, und seine dunkle Haut war ein Meer von Narben und frisch verheilten Wunden. Der Oger durchmaß den Thronsaal mit festen Schritten und blieb vor dem Blutthron stehen. Er kniete nicht, und sein Blick war hart und undurchdringlich, als er unverwandt den Kaiser anstarrte, der ihn in den sicheren Tod geschickt hatte.
Nisar erwiderte Tarimeks Blick, und Bokhir betrachtete die beiden Oger mit Interesse. Er hatte noch nie zwei Individuen mit so starker Ausstrahlung auf so engem Raum gesehen. Er war nicht überrascht über die Mißachtung, mit der Tarimek dem Kaiser begegnete, und er fragte sich, wie diese Angelegenheit enden würde. Nisar hielt Tarimeks Blick stand, doch mehr als das, er gab nicht zu erkennen, daß Tarimek eine Wirkung auf ihn hatte. Der Blutkaiser zeigte nicht den Hauch einer Entschuldigung oder von Bedauern in seinem Ausdruck. Er hatte getan, was er tun mußte, um das Imperium zu erhalten, und würde es wieder tun, ohne auch nur einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden. Als die Spannung stieg, dachte Bokhir einen Moment, er sähe den Hauch eines Lächelns in den Augen seines Kaisers. Ein wildes Glimmen, das Belustigung und tiefen Respekt verriert und nicht Schuld oder Hohn. Der Funke spiegelte sich ins Tarimeks Auge wider, und dann, ohne ein weiteres Wort, verbeugte sich Tarimek und kniete vor seinem Herrscher nieder.
Der Kaiser betrachtete den Statthalter, den er für tot gehalten hatte, und sein Herz schwoll an vor wilder Liebe zu diesem Oger, der dem Blutthron mit soviel Mut und Würde gedient hatte. Er erhob sich von seinem Thron und ging die Stufen zu dem nienden Tarimek herab. Dann beobachtete Bokhir, ehrfürchtig schweigend, wie der Kaiser Tarimek seine Hand anbot. Tarimek sah Nisars Hand an und ergriff sie hart und fest, als der Herrscher seinen loyalsten Untertan auf die Füße hob.
Bokhir hob eine Augenbraue angesichts dieser unerwarteten Geste des Respekts, aber er konnte seine Befriedigung über die Rückkehr Tarimeks aus dem Verlorenen Land nicht verhehlen. Viele Monate waren vergangen, seit er eine Schriftrolle mit dem Siegel des Leuchtenden Stern versehen und die Nachricht mit den Worten unterzeichnet hatte:
"Im Geiste der Vorsehung, von denen, die Ordnung im Chaos sehen."


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