Man kann tausend Meilen durch den Irrgarten des Zwergenlabyrinths wandern, und hätte doch nur einen kleinen Teil des Gesamtwerkes gesehen, denn die sich windenden Pfade sind beinahe endlos.
Die grösste Verteidigungsmassnahme für das Labyrinth war stets Geheimhaltung gewesen, denn nur die Zwerge kennen das tatsächliche Ausmass dieserunterirdischen Gewölbe. Jahrhundertelang katographierten sie dieses lichtlose Reich und erforschten riesige Höhlen und endlose Tunnel. Das Labyrinth führt in das Innere der Erde hinab, und verbindet die berühmten Ringfesten der Zwerge miteinander. Es verleiht den Zwergen einen grossen strategischen Vorteil gegenüber den anderen Rassen der Welt, doch es macht sie auch verwundbar, besonders, wenn in der Finsternis der Verrat sein hässliches Haupt erhebt.
Vor beinahe zweihundert Jahren fügte der Verrat des Clans der Schakale den Zwergen grossen Schaden zu. Mit Hilfe ihrer Kenntnisse über das Labyrinth hatten sie sich mit dem Feind vebründet. Der Clan der Schakale hatte ihn durch die Finsternis in das Herz des Zwergenreiches geführt, wo er einen beinahe tödlichen Schlag durchgeführt hatte. Der Schaden wäre weitaus grösser gewesen, wenn sich Darrak Kag'n nicht entschlossen hätte, das Labyrinth zu schliessen. Darrak Kag'n war der Vater des legendären Kahlin Kag'n und der siebte Hochkönig, der den Titel Hüter des Siegels trug. Er erkannte die fürchterliche Gefahr, die von dem Labyrinth ausging, indem er die Titansiegel verriegelte.
Die Titansiegel sind gewaltige Steinscheiben, die wie leuchtender Marmor aussehen und unzerbrechlich sind. Sie wurden von den Zwergen vor Jahrhunderten geschmiedet und eingesetzt, noch bevor die ersten Ringfesten in die Erde getrieben wurden. Die Titansiegel ermöglichen es dem Hüter des Siegels, das Labyrinth zu verschliessen. Doch solange die Siegel an Ort und Stelle sind, können nicht einmal Zwerge durch das Labyrinth wandern oder die geheimen Pfade benutzen.
Viele Jahre schon protestieren die Hochkönige der Zwergenclans gegen die Schliessung des Labyrinths, denn die Tunnel würden es ihnen ermöglichen, die Feinde an der Oberfläche auszumanövrieren. graugon Kag'n, Hochkönig der Dunklen Hauer, hat die Macht, das Labyrinth zu öffnen. Denn er ist der Hüter des Siegels und der Halter des Schlüssels. Und wie bereits sein Vater vor ihm, besitzt auch er genügend Weisheit und die Disziplin, um das Labyrinth verschlossen zu halten. Solange keine schwerwiegenden gründe vorliegen, lehnt er es strikt ab, das Labyrinth zu öffnen. Und selbst bei einem solchen Notfall weigert er sich, die Pfade zu der Oberfläche zu öffnen, die nicht von den gewaltigen Festungen bewacht werden, die als Krallenportale bekannt sind.
Mit Hilfe der Krallenportale kann man die Siegel in relativ grosser Sicherheit öffnen. Die Krallenportale sind massive befestigte Tore, mit denen die Öffnungen der Tunnel bewacht werden, die in das Labyrinth führen. Sie bieten selbst gegen entschlossenste Angriffe zuverlässigen Schutz. Und selbst, wenn es einem Feind gelingen sollte, das Portal zu durchbrechen, bleibt den Kommandanten dieser Festungen noch immer genügend Zeit, um die Titansiegel zu schliessen und so das Labyrinth zu schützen. Diese grosse Verantwortung wird nur den entschlossensten Zwergen übertragen, deren Pflichtbewusstsein und Loyalität bis an die Grenze des Erträglichen getestet wurden. Sie tragen den Titel Krallenfürst.
Die ersten Krallenportale wurden vor über zweihundert Jahren von dem Geuerclan errichtet, als der Bund der Rassen zu zerbrechen begann. Aufgrund ihrer verschlagegen Natur waren die Zwerge des Geierclans schon immer misstrauisch gewesen. Ihr Eigentum bewachen sie eifersüchtig. Weil sie durch Misstrauen und Gier angetrieben werden, bauten sie von allen Clans die stabilsten Portale, was ihn einen unerreichten Ruf einbrachte. Eine Konsequenz dieses Rufes ist, dass alle Portale, die das Labyrinth bewachen, Krallenportale genannt werden - ungeachtet des Clans, dessen Territorium sie bewachen.
Die Krallenportale des Geierclans leisteten ihnen nach dem Verrat des Clans der Schakale gute Dienste. Ohne die Festungen hätten sie vielleicht das gleiche Schicksal ereilt wie die Gehörnten, die im Norden und Westen einen grossen Teil ihres Territoriums verloren, einschliesslich ihrer Ringfesten Gargildur und Gorrak Din, die nun als Herz von Nemeths Zitadelle der Finsternis dienen, und deren Name aus Schande nur noch leise ausgesprochen wird. Die anderen Clans erkannten schnell, dass es weise war, die Eingänge zum Labyrinth, die man nicht verstecken oder geheimhalten konnte, zu befestigen. Also konsultierten sie die Baumeister des Geierclans, denn ihre Erfahrung und ihr Rat waren unschätzbar. Als das Labyrinht schliesslich "versiegelt" war, verfügten viele Clans über Krallenportale, die als isolierte festungen dienten, bis das Labyrinht eines Tages wieder geöffnet werden würde. Danach sollten sie ihren ursprünglichen Zwecken gemäss genutzt werden: als gepanzerte Tore zu einer gewaltigen Zwergenfestung, die sich in alle Ecken Chronopias erstreckt.
Eingänge zum Labyrinth gibt es überall im Land. Und auch wenn zwei Krallenportale niemals völlig identisch sind, gibt es doch eine Art klassische Architektur: eine typische Konstruktionsweise in Form eines gigantischen Geiers. Seine grossen Schwingen lauern wie Türme auf beiden Seiten der Hauptkonstruktion aus Stein. Seine Krallen bohren sich wie Pfeiler in den Boden neben dem Portal, ober dems ich drohend der Kopf des geiers erhebt. Der Kopf blickt nach unten und wirft einen dunklen Schatten über alle, die das Portal unerlaubt betreten wollen.
Was in der Dunkelheit hinter dem Portal lauert ist so unterschiedlich wie die Landschaften, in denen die verschiedenen Krallenportale stehen. In einigen Fällen führt ein einziger Tunnel ohne Abzeigungen direkt zum Titansiegel, das die Schwelle zum Labyrinth markiert. Die Tunnel hinter anderen Portalen erheben ein ausgedehntes Höhlensystem, das viele Meilen in die Erde hinabführt, bevor man schliesslich das Titansiegel erreicht. Wieder andere geben den Weg zu einem Irrgarten aus Sackgassen und endlosen Pfaden frei, die jeden verwirren und durcheinander bringen sollen, der es wagt, in das Labyrinht der Zwerge einzudringen. In vielen dieser Höhlensysteme findet man die Zeichen des berühmten Kundschafters und Baumeisters Graven Gilder vom Clan der Gehörnten. Sein Clan litt sehr unter dem Verrat der Schakale, und er reiste durch das gesamte Land, um seinen ganzen Verstand und seinen brennenden Hass dazu einzusetzen, überall im Land geniale und tödliche Fallen zwischen den Krallenportalen und den Titansiegeln zu installieren. Diese Fallen bringen jedem den Tod, der es wagen sollte, die Verteidigungsanlagen dieser Bollwerke der Stärke zu durchbrechen, die von den Zwergen in Gestalt der Krallenportale erschaffen wurden.
Von einer Rasse, die für ihre willensstarke Entschlossenheit bekannt ist, sind die Krallenfürsten die stärksten von allen. Sie werden durch eien Reihe von Proben auserwählt, die als Prüfungen der Tugend bekannt sind und die Zwerge bis an die Grenzen ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit trieben. Es existieren viele Gerüchte über diese geheimen Prüfungen, doch kein Gerücht reicht an die schreckliche Wahrheit heran.
Mut, Überzeugung und Wachsamkeit, das sind die Qualitäten, die von einem Krallenfürsten erwartet werden. Viele Zwerge wollen sich diesen Prüfungen unterziehen, doch nur eine Handvoll von ihnen wird auserwählt; und von diesen Auserwählten überleben nur wenige, denn bei den Prüfungen der Tugend zu versagen bedeutet den sicheren Tod.
Dalan Skarr ist einer der Krallenfürsten. Er ist mit der Verteidigung des Krallenportals im Land der Zwei Flüsse beauftragt. Gerüchte zufolge soll er niemals schlafen, und er sieht keine Notwendigkeit, einen solchen Ruf abzustreiten. Er ruht sich im Stehen aus, in den Schatten des Portals. Niemand kann sagen, ob seine Augen im Schlaf geschlossen sind, oder ob sie sich bei der kleinsten Regung sofort öffnen. Die "Geisterschwingenhaube", sein Amtsabzeichen, trägt er voller stolz; und seinen Speer der Tugend legt er niemals ausser Reichweite.
In seinen wachen Stunden kennt er keine Angst und keine Zweifel. Doch die Angst vor dem Versagen verfolgt ihn in seinen Alpträumen, als stete Erinnerung an die Prüfungen der Tugend, die er am liebsten vergessen würde.
In seinen Alpträumen durchlebt er wieder und wieder den Schmerz, der durch seinen Körper fuhr, als die Armbrustbolzen in sein Fleisch eindrangen. Der erste Bolzen verletzte ihn am Oberschenkel und schmetterte ihn gegen die Tür.
"Aber sie sagten doch, er würde mich nicht treffen!"
Der zweite Bolzen durchbohrte seine Seite, wodurch ihn das Atmen schwerfiel.
"Du darfst dich nicht bewegen!" hatten sie ihm gesagt, doch sie hatten gelogen - sie hatten gesagt, die Bolzen würden ihn nicht treffen. Der dritte Bolzen zertrümmerte seine Schulter, und eine fürchterliche Todesangst ergriff Besitz von seinem Verstand, denn der Schütze zielte nun höher; die Stahlspitze zeigte direkt auf eines seiner Augen.
"Du darfst dich nicht bewegen!" hatten sie ihm gesagt. Mögen ihre Augen verdammt sein, doch er würde sich lieber den Schädel von einer Stahlspitze durchbohren lassen, als bei der Prüfung wegen Ungehorsam zu versagen. Er knurrte, als die Armrbust ihre tödliche Botschaft verschoss und der letzte Bolzen direkt auf ihn zuflog.
Bei der Prüfung hatte ihn der Bolzen nur um Haaresbreite verfehlt, hatte er die Federn des Bolzen an der Haut seiner linken Schläfe spüren können. In seinen Alpträumen bleibt sein AUge geöffnet und die Stahlspitze verfehlt im Schlaf niemals ihr Ziel!
Es gibt noch andere Alpträume, die alle genauso schrecklich sind, und die ihn alle an die Prüfungen erinnern, die er einst über sich ergehen lassen musste. Die Tasse mit dem giftigen Geruch nach bitteren Mandeln, die er in einer Geste grosser Tapferkeit getrunken hatte. Bei den Prüfungen befand sich in der Tasse nichts weiter als frisches kaltes Wasser. In seinen Alpträumen verschlingt der Inhalt sein Fleisch, des Nachts stirbt er einen schleichenden Tod.
Der Krallenfürst kommandiert das Krallenportal, doch wichtiger noch ist die Tatsache, dass er den Schlüssel für das Titansiegel aufbewahrt. Und keine Erinnerung an die Prüfungen der Tugend käme jemals an die Alpträume heran, die ihn heimsuchen würden, wenn das Labyrinth in die Hände von Feinden fallen würde. Also heisst er die Alpträume willkommen. Denn sie haltzen ihn wach und helfen ihm bei der Erfüllung der Pflicht, zu der er sich mit seinem Eid verpflichtet hat.
Wer den Stygianischen Hammerkopf gesehen hat, war Zeuge einer neuen und mächtigen Gefahr in der Horde der Stygianer. Der Hammerkopf ist eine grosse, gewaltltätige Kreatur, deren mächtiger Schwanz mit einer bösartigen Klinge versehen, und deren Kopf in Metall eingeschlossen ist; hart und scharf wie die Klinge einer Axt. Doch auch wer ihn gesehen hat weiss ncihts von dem uralten Ritual, mit dem die Hammerköpfe zu ihrem Leben in ewiger Dunkelheit erweckt werden. Sie würden ihn mit Sicherheit nicht weniger hassen, doch bestimmt würden sie den Hammerkopf auch bemitleiden, wüssten sie die fürchterliche Wahrheit.
Alle Stygianer empfinden von Geburt an eine grosse Leidenschaft für den Mond, doch die jungen Hammerköpfe sind anders. Sie werden in völliger Dunkelheit grossgezogen, in den Brutkammern tief unter den Pyramiden. Sie sind ausgewachsen, wenn sie ihre Geburtshaut abwerfen. Dieses Riitual wird im Licht des nächsten Vollmonds durchgeführt.
Eine Priesterin wacht über das Ritual und leitet den Schnitter an, der das Ritual durchführt. Die jungen Hammerköpfe werden aus den Brutkammern geholt, wenn der Mond voll und leuchtend am Himmel steht, und wie alle anderen ihrer Art scheinen sie geisterhaft zu leuchten. Sie werden in das blasse Licht gezogen, und wie Neugeborene bestaunen sie das ferne Licht, Dabei sind sie sich nicht der Anwesenheit der Schnitter bewusst, die sich ihnen nähern, und sie mit Schnüren aus gewobenen Gold fesseln.
Der gefesselte junge Hammerkopf reckt sich in die Höhe, um den Mond zu betrachten. Dann, auf das zischende Kommando der Priesterin hin, beginnt das fürchterliche Ritual. Die Schnitter nähern sich der armen Kreatur, treiben ihre gewundenen Klingen in die Augenhöhlen und schneiden die Augen heraus. Der Hammerkopf ist zwar noch jung, doch auch ebenso unbändig. Er brüllt seine Qualen heraus und wehrt sich gegen die Ketten, die ihn fesseln. Doch er kämpft vergeblich, denn jetzt nähern sich weitere Schnitter. Sie treiben goldenen Schmuck in seine Haut, und an seinem Kopf befestigen sie ein speziell angefertigtes Geschirr, durch das der Schädel des Hammerkopfes in vergoldetem Metall eingeschlossen word. Die Riemen werden um die leeren Augenhöhlen und um den Schädel gewickelt. Schliesslich wird eine geschliffene Klinge an dem Schwanz der Kreatur befestigt. Und noch während sie schreit, wird sie wieder in die Dunkelheit zurückgezogen. In ihrem gesamten Leben war dies ihr erster und letzter Blick auf den heiligen Mond.
Für den Hammerkopf ist die Dunkelheit nun grausamer als jemals zuvor, und die Erinnerung anm den Modn peinigt seinen fremdartigen Verstand. Er versucht vergeblich, sein Geschirr abzuschütteln; er versucht, dem Schmerz zu entkommen, der seinen Schädel durchdringt - doch all diese Versuche sind nutzlos. Wahnsinn schleicht sich in den Verstand dieser erbärmlichen Kreatur und sie beginnt, mit ihrem Kopf gegen die Steinwand zu schlagen.
Der Schmerz bedeutet dem Hammerkopf nichts. Er erinnert sich lediglich an das bezaubernde Licht, das er niemals vergessen kann. Und so schlägt er seinen gepanzerten Kopf gegen alles, was ihm im Weg steht, als versuche er, die Dunkelheit zu durchbrechen, die sich zwischen ihn und das Licht gestellt hat. Der Wahnsinn seines tierischen Verstandes wird ihn niemals von dieser Aufgabe erlösen. Für ihn gibt es keine Logik, keine Vernunft - für ihn gibt es nur den qualvollen Versuch, die Dunkelheit zu durchdringen.
Zum ersten Mal zweifelten sie sein Urteil an. Doch Dalan Skarr war ein Krallenfürst, und er würde sich nicht von den Zweifeln anderer umstimmen lassen - höchstens von seinen eigenen. Und er wusste, dass igrend etwas nicht stimmte. Während der kalten Stunden der Dämmerung stand er einsam vor dem Krallenportal. Sein Blick brannte in die hohen Dünen. Er hielt nach der Gefahr Ausschau, die er zwar nicht sehen, aber wie einen heranziehenden Sturm spühren konnte.
Er hörte das Flüstern des wehenden Sandes, und plötzlich tauchte am Fuss einer hohen Düne ein grosser Schatten auf. Der Schatten weitete sich aus, als der Sand zur Seite rieselte und den Eingang zu einer Höhle oder einem Tunnel freilegte. Als dort die erste Stygianer auftauchte, hob Skarr seinen Speer. Dunkle Augen funkelten in der Finsternis ... viele dunkle Augen - zu viele dunkle Augen.
Langsam zog er sich in die Sicherheit des Krallenportals zurück. Noch während sich das Portal schloss, rief er die Wächter herbei. Solange das Titansiegel geöffnet war, standen die Wächter unter seinem Kommando. War es erst einmal geschlossen, waren sie nur der Sicherheit des Labyrinths und Graugon Kag'n persönlich verpflichtet. Sie würden das Portal weider öffnen, sobald sie das Signal des "Rufhammers" vernahmen. Ein jeder von ihnen kannte ein Drittel der Sequenz, doch nur Dalan Skarr kannte die gesamte Sequenz.
"Ihr werdet nun gehen!" sagte er. Während der Rest der Garnision verägert murrte, entfernte er den Schlüssel von der Kette, die um seine Taille hing, und übergab ihn den Wächtern, die ihn mit einem gehorsamen Nicken entgegennahmen. Ihr Pflichtbewusstsein wurde nur von dem des Krallenfürsten selbst übertroffen.
"Hengist wird euch begleiten, denn er ist der schnellste und kennt das Labyrinth besser als jeder andere." Der genannte Zwerg schien zugleich geschmeichelt und enttäuscht zu sein, als er nach vorne trat.
"Ihr werdet zu Breygor gehen und ihm mitteilen, was wir von ihm brauchen", sagte Skarr mit ernster Bestimmtheit.
Plötzlich erklang der Alarm durch das Krallenportal; der Angriff hatte begonnen. Skarr wiederstand dem Drang, sich bereits bei dem ersten vergeblichen Kratzen am Haupttor umzudrehen. Armbrüste wurden von den Türmen abgeschossen; die Stygianer würden an dem massiven Haupttor nicht viel ausrichten können. Er widmete seine Aufmerksamkeit den Zwergenkriegern, die sich in der Nähe des zweiten Tores sammelten, das durch einen Tunnel, der "Todesalle" genannt wurde, von dem Haupttor getrennt war. Entlang des Tunnels befanden sich zahlreiche Stachelgruben, und in die Wänden verteilt waren viele Schiessscharten. Er wurde dazu entworfen, alle Angreifer abzuwehren, denen es gelang, an dem Haupttor vorbeizukommen. So sollten sie daran gehindert werden, auch das zweite Tor zu durchbrechen, das Zutritt zu dem eigentlichen Krallenportal bot.
Skarr ignorierte die feindselige Stimmung. Er hatte ein ungutes Gefühl bei diesem Angriff, und er würde kein Risiko eingehen. Er teilte die Garnision in zwei Einheiten. Wenn das Krallenportal in Gefahr geriet, würde sich die erste EInheit zu dem Titansiegel zurückziehen, und die zweite Einheit ihren Rückzug decken. Für die Zurückbleibenden könnte dies das Todesurteil bedeuten, doch es waren die anderen, die gegen den Befehl protestierten. Zwerge wählen nicht die sichere Option, während andere ihr Leben riskieren.
Die Stimmen des Protestes wurden lauter, doch dann hallte ein fürchterliches Geräusch durch die Hallen, als prallte irgend etwas mit ungeheurer Kraft gegen das Tor.
Die Zwerge eilten zu ihren Positionen. Skarr lief los, um herauszufinden, welche neue Waffe den Stygianern zur Verfügung stand, und die mit solcher Wucht gegen die Tore schlagen konnte. Er kletterte in den rechten Flügel und blickte druch eine Schiessscharte. Am Tor hatten sich viele Stygianer versammelt, und noch immer erschienen weitere von ihnen aus der freigelegten Tunnelöffnung. Eine Schar Grosser Krieger und Mumien setzten ihre Körper als lebende Schilde ein, um die Kreaturen in der Mitte zu schützen.
Skarr versuchte, einen genaueren Blick auf die Kreaturen zu werfen, doch seine Sicht wurde behindert. Schliesslich gelang es ihm, einen Block auf einen massiven, gepanzerten Kopf mit einem gewaltigen Nacken zu werfen, der nach vorne schoss und gegen das Tor prallte. Der Boden vibrierte unter Skarrs Füssen und er wusste, dass das Tor nicht viele solche Attacken aushalten würde. In seinen Gedanken ging er tausend Möglichkeiten durch, doch dann erwuchs in dieser schwierigen Situation durch kalte Bestimmtheit eine kristallklare Entscheidung.
Dalan Skarr gab den Befehl, das Tor zu öffnen.
Bei den Torwachen machte sich Schock und Unglauben breit, doch das Tor schwang auf, als die Stygianischen Hammerköpfe den nächsten schweren Angriff durchführten.
Skarr befahl den Rückzug, und trotz der ersten Proteste befolgten alle Zwerge seinen befehl. Es gab nur eine Möglichkeit, das Krallenportal zu retten: indem sie es in eine tödliche Falle verwandelten, mit dem Titansiegel als Köder.
Skarr hatte befohlen, die Hammerköpfe nicht anzugreifen, denn solange sie lebten, würden die Stygianer annehmen, sie könnten das Titansiegel durchbrechen. Die Todesalle war mit den Körpern toter und sterbender Stygianer übersät, als die Hammerköpfe das innere Tor mit fünf gewaltigen Stössen zerbrachen. Dies war das letzte Zeichen für die Wächter, die nun das Siegel schlossen.
Die Stygianer schienen zu spüren, was vor sich ging, denn sie stürmten in heller Aufregung nach vorne. Doch Skarr kämpfte vor der letzten Wache, und er wich keinen Zentimeter zurück. Mit grosser Erleichterung hörte er, wie sich das Siegel schloss, doch dieses endgültige Geräusch würde ihn bis an das Ende seiner Tage verfolgen. Er hatte die Kontrolle über das Krallenportal verloren, und die einzige Möglichkeit, seine Ehre zurückzugewinnen war, sie sich mit Gewalt wiederzuholen. Es wäre leicht gewesen, sich hinter das Titansiegel zurückzuziehen und damit das Leben der Zwerge zu retten, die überall um ihn herum starben. Doch Skarr wählte niemals den leichten Weg, denn der führte häufig zum Versagen. Sie kämpften tapfer: Die Schwertkämpfer der Geier hackten die stygianischen Speere in Stücke, und die Stachelkrieger sprangen in die Breschen, kämpften niedrig und schlugen mit ihren Reisserklauen aufwärts; doch einer nach dem andere fielen sie. Skarr beförderte einen stygianischen Speerkämpfer ins Jenseits und befahl seiner Einheit den Rückzug.
Skarr hatte den Turm des rechten Flügels als Sammelpunkt bestimmt. Dort könnten sie die drei Tage durchhalten, die Hengist benötigen würde, um mit Breygor und Verstärkung zurückzukehren. Er musste einige der Krieger persönlich aus dem Kampf herausziehen, doch innerhalb von Momenten befanden sie sich auf der Flucht durch die Verbindungsgängen des Krallenportals. Und noch während sie rannten, wurden die tödlichen Fallen aktiviert. Skarr trieb den letzten Nachzügler um eine Ecke, als eine gewaltige Flamme durch den Gang schoss. Die Stygianer kreischten, als sie von der Lohe verschlungen wurden. Doch als die Flammen erloschen, krabbelten schon weitere von ihrer Art über die verkohlten Körper der gefallenen Echsenteufel.
Skarr floh, und die Stygianer folgten. Zahllose mörderische Fallen verlangsamten den Ansturm der Stygianer, die ihnen auf den Fersen waren, und Skarr erreichte die relative Sicherheit des Turms, ohne einen weiteren Mann zu verlieren. In Windeseile stelte er eine Verteidigzungsformation um den Aufgang auf. Dann wartete er.
Der Sturm der Stygianer nahm kein Ende. Die Verteidiger wurden müde, doch es war das pausenlose Hämmern, das ihre Nerven strapazierte; das Geräusch von gehärtetem Stahl, das gegen massiven Schiefer schlug - wieder und wieder, rhytmisch und mit wilder Unermüdlichkeit.
Verstärkung oder nicht, seine Männer würden nicht mehr lange aushalten. Und in der Frühe des dritten Tages entschied Skarr, dass es an der Zeit war. Netze aus Geheimgängen durchziehen die Krallenportale der Zwerge, und nur der ebfehlshabende Krallenfürst eines Portals weiss um ihre Existenz. Und nunw ar Dalan Skarr gewzungen, diese Geheimgänge den Zwergen zu offenbaren, die an seiner Seite kämpften. Er machte sich keine Gedanken darüber, denn in den letzten Tagen hatten sie zahllose Male ihre absolute Ergebenheit unter Beweis gestellt. Der Geheimgang war sehr eng, aber sicher. Er liess eine Handvoll Krieger zurück, die den Aufgang bewachen sollten. Die anderen führte er in einer langen Reihe in den Tunnel. Stufen führten steil hinab, und als sie eine Ebene erreichten, teilte Skarr seine verbliebene Streitmacht in zwei Teile. Die grössere Einheit schickte er zu dem Haupttor. Sie hatten den Auftrag, es zu schliessen, um die Streitmacht der Stygianer zu teilen: die eine Hälfte innerhalb und die andere Hälfte ausserhalb des Kralleportals. Der einzige Gegner, der dem Haupttor gefährlich werden konnte, schlug noch immer unaufhörlich mit dem Schädel gegen das unzerbrechliche Titansiegel.
Skarr wartete, bis er hörte, wie sich das Tor schloss und der Kampfeslärm einsetzte. Dann marschierte er in die Kammer, in der sich das Titansiegel befand.
Die Geheimtür glitt leise zur Seite und Skarr stand mit seinen Gefährten mitten in der Kammer. Auf der einen Seite schmetterte der gigantische Hammerkopf seinen gepanzerten Schädel gleich einer geistlosen Maschine wieder und wieder gegen das Titansiegel. Auf der anderen Seite hielten zwei Mumien Wache. Die Mumien wandten ihnen den Rücken zu, denn ihre Aufmerksamkeit war auf den neuerlichen Tumult am Haupttor gerichtet. Skarr wies seine Männer an, die Mumien zu töten. Er war dankbar für das Element der und den Lärm des Hammerkopfes, denn Mumien sind mächtige Gegner, die man niemals auf die leichte Schulter nehmen durfte.
Sie schlugen gleichszeitig zu, Skarr trieb seinen Speer in den Rücken des Hammerkopfes. Die gewaltige Kreatur richtete sich auf, wodurch Skarr der Griff seines Speers aus den Händen glitt. Skarr durckte sich, um seine Waffe wiederzubekommen, doch zur gleichen Zeit peitschte der Klingenschwanz des Hammerkopfes in seine Richtung. Mehr als zufälliger denn als gezielter Hieb schnitt die Klinge über Skarrs Gesicht, und er ging zu Boden. Der Hammerkopf drehte sich unbeholfen um und schmetterte seinen Schädel blind in die Richtung seines Gegners. Der Zwerg sprang auf und wirbelte zru Seite, so dass sich die grosse Metallspitze neben Skarr in den Stein bohrte. Als er nach seinem Speer griff, verfehlte ein weiterer gewaltiger Stoss um Haaresbreite sein Bein. Skarr war in die Ecke getrieben, als sich der todbringende Schädel ein weiteres Mal erhob. Flink hob er seinen Speer auf und stemmte ihn gegen den Stein. Der Hammerkopf schnellte ein weiteres mal nach vorne und stürzte sich direkt in den erhobenen Speer, der sich dabei in den Hals der Kreatur bohrte. Der Hammerkopf kreischte und fiel gegen das Titansiegel. Skarr kam wieder auf seine Beine und drehte sich um. Auf der anderen Seite der Kammer sah er zwei Mumien und fünf Zwerge, die tot auf dem Boden lagen. Als er sich streckte, um den Speer aus dem Körper des sterbenden Hammerkopfes zu ziehen, hörte er das ruhige, beinahe zufrieden wirkende Atmen der Kreatur. Einmal mehr wunderte er sich über die Fremdartigkeit der stygianischen Rasse.
Noch immer drang Kampfeslärm von dem Haupttor in die Kammer. Bevor weitere Stygianer kommen konnten, um zu sehen, was den Hammerkopf zum Schwiegen gebracht hatte, nahm Skarr den "Rufhammer" aus einer Nische in der Wand. Zum ersten Mal in seinem Leben schlug er die kodierte Sequenz, die den Wächtern auf der anderen Seite signalisierte, dass sie nun ohne Gefahr das Siegel öffnen konnten.
Einige Sekunden evrstrichen, bevor das grosse runde Siegel zur Seite rollte und den Blick auf einen grossen Tunnel freigab, in dem viele Zwerge warteten. Ihre Augen waren erfüllt von Kampfeslust. Skarr lächelte grimmig, und auf einen Wink seiner Hand hin schwärmten sie an ihm vorbei, um das Krallenportal wieder in ihren Besitz zu bringen. Einen Tag lang kämpften sie unerbittlich, und schliesslich hatten sie den letzten Stygianer in die Enge getrieben und erschlagen. Es verstrichen noch weitere Tage, bevor die Stygianer ihren Sturm auf das Krallenportal endgültig aufgaben.
Skarr blickte über die Wüste und lauschte den Hämmern der zwergischen Handwerker, die das innere Tor reparierten. Doch die sanften Geräusche des Sterben liegenden Hammerkopfes gingen ihm nicht aus dem Kopf. Er konnte nicht verstehen, warum die Kreatur so ruhig gewesen war ... so zufrieden, als sie in ihrem eigenen Blut ertrank. Doch er konnte nicht wissen, dass diese blinge und bedauernswerte Kreatur in ihren letzten Sekunden ein Leuchten gesehen hatte, das am Ende eines langen Tunnels aus sie wartete. Der Schmerz des Todes bedeutete dem Hammerkopf nichts, denn am Ende hatte er endlich die Dunkelheit durchbrochen.