Zurück zur Startseite

Untermenü



Hauptmenü

Die Söhne des Kronos

Das Schwert des Glaubens

Man sagt, Wissen sei Macht.
Aber zu wissen und nicht handeln zu können ist der grausamste aller Flüche.

Ich bin Montadimus, Erster Diener des Wahrhaftigen Königs, Schüler des Lebenden Gottes und Chronomant.
Bevor ich erwählt wurde, war ich ein Krieger und ich habe nie aufgehört, Krieger für meinen Herrscher zu sein. Ich werde nicht versagen.
Doch die Bewahrung des Glaubens ist keine einfache Aufgabe, und dieser Tage ist unser größter Feind der Zweifel. Ich stehe wache, und ich warte, doch noch immer handelt er nicht. Grosses Unheil wirft seinen Schatten über meinen Herrn, doch er reagiert nicht. Die Lakaien rücken gegen ihn vor, und während die Stygianer die Leiber seiner Mannen in ihren unseligen blutigen Ritualen verheeren, verschlingen die Lakaien ihre Seelen.
Aus dem Norden nahen sie, von jenseits der Steppe der Berserker. In der Vergangenheit war es tödliche Gewissheit, dass wer immer das Territorium der Söhne des Kronos schändet, einen fürchterlichen Preis dafür bezahlte.
Doch nun befindet sich ihre Steppe in der erbarmunglosen Umklammerung eines eisigen Winters. Eines grausammen Winters, den nun die härtesten Menschen überleben können. Herbeigerufen von Moriath, der Matriarchin des Mutterstammes. Erfleht, um den Vormarsch der Stygianer zu bremsen - zu bremsen, aber nicht zu stoppen! Das Blut der Stygianer des Nordens ist nicht so dünn wie das Blut ihrer südlichen Brüder.
Ja, selbst hier in der Steppe des Nordens sind Stygianer erwacht, und die Erde selbst schreit vor Schmerz. Die heiligen Berge sind besudelt worden, und die heiligen Orte der Macht wurden zu Schauplätzen blutiger Schlachten. Ihr Erwachen hat das Gleichgewicht der Natur im Land der Berserker gestört und sie selbst erzürnt. Niemand, weder die Stygianer, die für das Ungleichgewicht verantwortlich sind, noch die Lakaien, die es ausbeuten wollen, darf es wagen, den Zorn der Erdgöttin heraufzubeschwören. Noch schläft sie im Licht der Sonne und im Schatten der Nacht, doch wenn sie erwacht, wird die Steppe unter dem Donner ihres Zorns erzittern, und es wird keine Rettung vor ihrer Wut geben, denn wohin wollt ihr laufen, wenn die Erde selbst sich gegen euch erhebt.
Die Söhne des Kronos sind gespalten, ihre drei grossen Stämme befinden sich im Krieg, und in dieser Zeit der grossen Not folgt jeder einer anderen Bestimmung. Die A'Kallach, die den Stamm der Dämmerung bilden, sind dem Wahrhaftigen König ergeben und werden für ihn in den Tod ziehen. Die N'Nuada, auch Stamm des Schattens genannt, sind von der Finsternis verführt worden, die ihnen die Rückkehr des alten Ard-Ree versprach, des Hochkönig der Finsternis. Schliesslich sind da noch die El'Ildanach, der Stamm der Göttin, der auch Mutterstamm genannt wird. Sie legen ihre "vergiftete Klinge" meinem Herrn zu Füssen, denn die Tradition verlangt, dass kein König mehr als sieben Jahre regiert, bevor seine Grösse wieder Eingang in die Erde findet, die ihn hervorgebracht hat. Die Matriarchin des Mutterstammes verfügt über grosse Macht, doch wie wird sie sie nutzen?

Unheil überschattet meinen Herrn, und doch handelt er nicht.
Viele zweifeln an seinem Mut, misstrauen seiner Weisheit.
Der Glaube jedoch ist ein Geschenk, das ich erhielt, und wer bin ich, es zurückzuweisen?
Ich war Krieger, bevor ich erwählt wurde, und nie habe ich aufgehört, Krieger zu sein.
Mein Schwert ist der Glaube .. und mit ihm werde ich kämpfen bis zuletzt!


Der Geist der Widerstandes

Im Jahre 322

"Drei Ziele gilt es zu erreichen.
Eine Entscheidung, die die Forderung aus dem Weg räumt, die zwischen uns steht.
Eine Bindung, die ihn zu der Einsicht bringt, dass er nicht ohne uns bestehen kann.
Und Vergeltung für das Verbrechen, Gewalt über unser Land zu bringen.

Und wie?
Geduld, Verstand und vor allem Mut; denn alle Ziele haben ihren Preis!"

Am ersten Tag des Frostigen Mondes zieht die armee nemeths in die Steppe, und zwei Schwarze schwestern verlassen die Stadt Chronopia. Die eine reitet nach Nuria mit einer schwerwiegenden Nachricht, die andere reitet in den Tod.
Der Morgen war äusserst kalt und wunderschön, und der Frost auf ihrer nackten Haut brannte wie Feuer. Doch war er weder so stark noch so kalt wie der Zorn in ihren Herzen.
In dem langgezogenen Tal legte sich langsam der nebel, und wie ein Alptraum den Schleier des Todes durchbricht, so durchbrach eine Armee die Wand aus Nebel. Eine Armee von solch gewaltiger Grösse und solch abscheuchlicher Erscheinung, dass jedes gewöhnliche Herz vor Furcht erstarren würde. Doch in der Brust der Söhne des Kronos schlugen keine gewöhnlichen Herzen. Nur die Willensstärke des Druiden hielt sie in Schach, und nur Befehle banden ihre Hände. Sie waren sieben: der Druide, fünf Läufer, der Wolfsbruder und seienr Meute Kriegshunde. Sie waren nur sieben, und doch hätten sie angegriffen.
Doch sie waren nicht hier, um die Armee herauszufordern und zu kämpfen. Sie waren hier, um mit eigenen Augen zu sehen, was die Matriarchin prophezeit hatte. Um die Kunde zu verbreiten, dass ihre Vision richtig war.

Ich sehe sie im Tal der Verborgenen Fälle; eine Horde, die wie die Pest durch das Land zieht und einen schwarzen Pfad hinterlässt. Dieser Pfad wird als die Spur des Verräters bekannt werden, denn der Fürst mit der eisernen Faust reitet mit ihnen."

Der Fürst mit der eisernen Faust, der Nomarch vom Stamm des Schattens, Anführer der Lakaien auf ihrem Weg ins Land der Berserker. Seit der Versklavung der Erstgeborenen, ihrer Ahnen, sah das Land keinen Verrat mehr von solchem Ausmass.
Sie lagen hoch auf dem Felsen auf der Lauer, während die Armee der Lakaien wie eine schwarze Flut um sie herumfloss. Wenn sie nicht bald ihre Stellung verliessen, würde man sie mit Sicherheit bald entdecken, doch sie mussten warten, bis sie sehen konnten, ob die Vision der Matriarchin sich bewahrheiten würde. Der Fels, auf dem sie Stellung bezogen hatten, ragte wie ein gigantischer Keil aus dem Tal hervor und teilte die Armee der Lakaien in zwei Hälften. Sie mussten ihn verlassen, bevor sich die Armee am anderen Ende der Erhebung wieder vereinte, anderenfalls wären sie gewzungen, den längeren Weg ins Herz der Steppe zu nehmen, und würden mit ihren Neuigkeiten bereits zu spät eintreffen.
Die Söhne des Kronos sammelten sich am Rand des Felsens und starrten hinab zu der grossen Armee, die das Tal füllte. Plötzlich gab der Druide seinen Gefährten ein Zeichen, und sie pressten sich flach an die Wand. Aus dem Nebel tauchte ein Kampfverband von Augen des Finsteren auf, die ihre Köpfe zum Gipfel des Felsens erhoben, fast als könnten sie die Blicke ihrer Feinde spüren. Und ohne den Druiden hätten sie es tatsächlich vermocht. Doch der Druide legte seine Hand auf den Felsen, streckte seine Finger aus und spannte sie an. Er begann eilig zu flüstern, und der Atem vor seinem Gesicht wurde zu Nebel. Kurz darauf wurde auch der Nebel in dem Tal dicker. Nicht so sehr, dass die Lakaien Verdacht geschöpft hätten, dafür war der Steinrabe zu begabt; es war gerade genug, um den forschen Blicken der Augen des Finsteren zu entgehen - der Drachenodem beschützt die Rechtgläubigen.


Die Augen des Finsteren verharrten einen Augenblick misstrauisch und glitten dann von dem Gipfel des Felsens ab. Der Druide entspannte seinen Arm, beugte sich jedoch aufmerksam vor, als unter ihnen einer der Namenslosen erschien. Sein Streitross war schwarz und blutrot, seine Rüstung war Schwarz und aus leuchtendem Stahl, doch sein Mantel war blau - blau wie die Farbe des Kristall-Lotus!
Eine fühlbare Aura der Stärke und des Bösen ging von diesem Kommandanten der Namenlosen aus, und doch sehnten sich die Söhne des Kronos danach, ihn im Kampf stellen zu dürfen, denn die Ehre eines Kriegers wird an der Stärke seiner Feinde gemessen. Wieder einmal mussten sie sich darauf besinnen, dass sie nicht zum Kämpfen gekommen waren. Sie waren hier; um Zeuge eines bevorstehenden Verrates zu werden.
Einer ihrer Läufer brach auf, um zu prüfen, ob ihr Fluchtweg noch frei war. Die grosse Armee brandete um den Felsen herum. Bald würde sie sich hinter ihm wieder vereinen und den schwarzen Felsenkeil wie ein reissender Fluss aus schwarzem Fleisch und Stahl umspülen. Der Läufer kehrte zurück, mit schlechter Nachricht. Die Zeit wurde knapp.
"Wir warten", sagt der Druide.
Einige weitere spannende Minuten verstrichen, und dann sahen sie es. Unter ihnen marschierten, Seite an Seite mit den Lakaien , einige Söhne des Kronos. Unverkennbar und eindeutig: Die Berserker machten gemeinsame Sache mit den Lakaien. Alle Farbe wich aus den Gesichtern der Läufer.
"Es ist wahr", sagte einer der Läufer; "Wir sollten aufbrechen. Jetzt."
"Wir warten", sagt der Druide, und der Läufer verstummte, denn er wusste, dass es nicht klug war, mit dem Steinraben zu diskutieren, wenn der Zorn durch seine Adern pulsierte. Selbst jetzt weigerte er sich noch zu glauben, dass der Normarch des Schattenstammes mit den Lakaien im Bunde stand!
Als erstes sahen sie die Druiden, die die Farben des Schattenstammes trugen.
"Wir warten", sagt der Druide, obwohl keiner etwas gesagt hatte.
Dann tauchte der Erheabene auf. Ein muskulöser Mann, der fürstlich und furchteinflössend auf einem mächtigen Hirsch sass. Das Geweih des Hirschs hatte viele Enden, und sein Fell hatte die Farbe von polierten Kupfer. Doch der Druide wollte ganz sichergehen, denn in den Reihen der N'Nuada gab es mehr als einen Erhabenen.
"Wir warten", flüsterte er so leise, dass niemand ihn hören konnte.
Der Erhabende ritt in Richtung des Felsen, und als sein Reittier wendete, war sein verstümmelter linker Arme zu sehen. Die Hand war abgetrennt, der Stumpf von Stahl bedeckt. Er hatte sich die Hand selbst abgehackt, um das Band zum Mutterstamm zu trennen. Nur ein Erhabener trug dieses Mal. Nur einer, und er wurde als Fürst mit der eisernen Faust gefürchtet.
So war es also tatsächlich geschehen: Die Vision der Matriarchin war Wirklichkeit geworden. Hinter seinem Helm, einer Maske des Zorns, liefen kalte Tränen die Wangen des Steinraben hinab. Doch noch immer weigerte er sich, die Stellung aufzugeben. Er verharrte regungslos und spürte in sich nur Kälte. Nicht, weil er gezwungen sein würde, gegen seine Brüder zu kämpfen. Die Söhne des Kronos hatten sich auf die Seite des Feindes gestellt. Das war noch nie geschehen. Das war unverzeihlich.
Es konnte nicht ungestraft bleiben.
Der Steinrabe erhob sich sanft und richtete sich am Rand des Felsens zu voller Grösse auf. Seine breiten Schultern wurden von einem schweren Zobelpelz eingerahmt, auf seinem Kopf thronte stolz der gehörnte Helm, und auf dem Rücken ruhte sein Geisterstab. Sie würden ihn sehen und wissen, dass ihr Verrat aufgeflogen war.
Der Fürst mit der eisernen Faust schien seine Anwesenheit zu spüren, denn sein Kopf ruckte herum, und seine harten Augen fixierten die des Druiden hoch über ihm.
"Jetzt!" zischte der Steinrabe. und sie sprangen von dem Felsen - gewandt, mit sicheren und schnellen Sprüngen. Sie konnten sehen, wie sich die Lakaien zu beiden Seiten langsam vereinten. Es gab noch immer einen freien Weg durch die Bäume, doch er wurde immer schmaler. Die Krieger rannten, wie sie noch nie gerannt waren, doch die Klauen der Falle schlossen sich schnell - zu schnell.
Der Druide liess sich zurückfallen, während seine Kameraden weiterrannten. Sie machten sich keine Sorgen um seinen Sicherheit, denn der Druide war Herr seines eigenen Schicksals und hatte die Stärke anderer nicht nötig. Er würde ihnen die Zeit verschaffen, die sie brauchten. Auch wenn es ihn das Leben kostete, er würde sie in Sicherheit sehen.

Er hob seine Arme und zitterte wie unter einer unsichtbaren Last. Seine Finger krallten sich zu packenden Klauen, und der Wald um ihn herum erwachte zum Leben. Wurzeln wurden zu Stolperschlingen, und das Unterholz verwuchs zu einer Dornennmauer. Die Lakaien schrien vor Wut auf, als der Wald sich erhob, um sie aufzuhalten, denn in der Mitte des Tals liess der Druide einen Pfad frei, den die Söhne des Kronos unbehelligt entlangstürmten.
Die Läufer waren vorne, denn sie waren die schnellsten der Söhne. Ihnen folgte mächtig und mit schnellen Schritten der Wolfsbruder, auf seinen Fersen seine Hundemeute.
Eine handvoll Lakaien durchbrach die Barriere des Druiden. Ein Getreuer der Lakaien sprang aus dem Unterholz hervor und schlug nach dem ersten Läufer. Der Läufer ging zu Boden, überschlug sich einmal, zweimal und war dann wieder rennend auf seinen Füssen. Der Getreue folgte dem fliehenden Barbaren, und der zweite Läufer rammte seine Axt der Kreatur ins Kreuz. Der Läufer zog seine Axt aus den Getreuen, sprang über seine Leiche und rannte weiter.

Nach einigen weiteren Schritten versperrten ihnen zwei weitere Getreue den Weg. Der erste Läufer wurde langsamer, doch die Gefährten an seiner Seite schrien: "Weiter!"
Er sprintete in Richtung der Männer, die ihm den Weg versperrten, und hörte hinter sich das Surren der tödlichen Schleudern seiner Gefährten. Die Getreuen erhoben ihre zweihändigen Schwerter, um ihn zu töten. Gleichzeitig schwirrten zwei tödliche Steine durch die Luft. Ein Getreuer flog nach hinten, als der Stein seinen Helm mit der Wucht eines Streitkolben traf. Der andere übergab sich, als ihn der zweite Stein direkt unter den Rippen traf. Er hustete Blut und blieb bewegungslos liegen.
Sie rannten schnell wie der Wind, aber auf einmal spürte der Wolfsbruder Gefahr. Etwas riss ihn zur Seite, und er fiel nach hinten, als der lange Speer einer Höllenschwinge seine Brust streifte. Der Speer hinterliess eine blutige Spur auf seiner Haut, und die Höllenschwinge stiess hinter ihm nieder, um den hintersten Läufer zu erwischen. Sie stürzte sich schnell auf den Läufer und stiess ihren Speer in das Knie des tapferen Läufers. Der Läufer schlug hart auf. Die Höllenschwinge zog ihren Speer aus dem Bein des Läufers, liess sich hinabfallen und drückte den Läufer auf den gefrorenen Boden.
Der Wolfsbruder traf einen Augenblick zu spät ein und bohrte seinen Speer zwischen die Schultern der Höllenschwinge. Die Kreatur kreischte fürchterlich, als der Jäger sie mitsamt dem Speer gegen den Stamm eines grossen Baums rammte. Die Höllenschwinge war still, als er sie von seinem Speer schüttelte.
Die Läufer rannten weiter. Es blieb keine Zeit dem Totem die letzte Ehre zu erweisen.
Fast hatten sie die Freiheit erreicht, als ein Zwielichtdämon und einer der Verdammten durch das dichte Unterholz brachen und sich vor ihnen aufbauten.
Einer der Läufer stürzte direkt in die Dämonenklinge der Verdammnis, doch die anderen konnten ihr ausweichen. Der Jäger näherte sich dem Verdammten, während seine Hunde sich auf den Dämon stürzten.
Der Wolfsbruder warf sich auf den Verdammten und stiess seinen grossen Speer in die Brust der Bestie. Doch der Verdammte ging nicht zu Boden. Er brüllte und schwang seinen Dreschflegel. Der Jäger steckte den Schlag ein und wurde von der schrecklichen Wucht zu Boden geworfen. Der Verdammte schwang seinen Dreschflegel erneut, doch der Wolfsbruder warf sich zur Seite, und der Dreschflegel bohrte sich nur in die Erde. Er sprang auf die Füsse, schnappte sich den Speer und duckte sich unter einem weiteren vernichtenden Schlag hinweg. Dann, noch bevor der Verdammte sich nach seinem nächsten Schlag wieder fangen konnte, schlug der Wolfsbruder zu, und die Kreatur schlug wie ein nasser Sack auf dem Boden auf.
Ohne zu zögern drehte er sich um und sah, dass drei seiner fünf Hunde tot auf dem Boden lagen, während die beiden anderen die Kehle des Zwielichtdämons rissen.
Die drei Läufer waren fort. Sie waren in Sicherheit vor der Hauptstreitkraft der Lakaien, doch dicht auf ihren Fersen war ein weiterer der Verdammten. Der Wolfsbruder preschte durch das gefrorene Gras und den Schnee. Die beiden noch lebenden Kriegshunde spürten seine Eile und rissen sich folgsam von ihrer Beute los.
Was die Läufer anging, konnten sie dieses Tempo stundenlang halten - nötigenfalls auch tagelang. Nicht jedoch der Wolfsbruder. Er sah, wie der Verdammte seinen tödlichen Dreschflegel zwischen die Beine des langsamsten Läufers schlug. Die Beine des Läufers brachen, und er fiel unter einem Aufschrei in den blutbesudelten Schnee. Der nächste Läufer drehte sich um und stellte sich seinem Verfolger. Er wollte dem schnellsten von ihnen die wertvollen Sekunden verschaffen, die er brauchen würde, um zu entkommen.

Er hob seine Axt, um einen Abwärtsschlag abzuwehren, doch der Dreschflegel zerbrach seine Waffe und grub sich tief in seinen Schädel. Der Verdammte trampelte über den Körper und stürmte hinter dem letzten Läufer her. Wäre der Wolfsbruder nicht gewesen, hätte er ihn auch noch eingeholt. Doch der wölfische Berserker holte ihn ein, bevor der Verdammte erst richtig losrennen konnte, und schlug nach seinen Hinterbeinen. Die Sehnen gaben ein knallendes Geräusch von sich, als sie rissen, und die grosse Bestie stürzte auf die Seite. Die übrigen Kriegshunde fielen über das Gesicht des Verdammten her. Er starb bei dem vergeblichen Versuch, sich gegen die tobenden Hunde zu wehren.
Nur einer der Läufer verliess das Tal der Verborgenen Fälle, um der Matriarchin des Mutterstammes die Wahrheit zu berichten.
Der Wolfsbruder hingegen machte kehrt, um sich der Armee der Lakaien zu stellen. Es wäre seine Pflicht gewesen, sich zurückzuziehen, doch der Zorn des Kriegers über den Tod seiner Kameraden war stärker. Er packte seinen Speer fester und streichelte seinen Hunden ein letztes Mal über den Rücken. Dann stellte er sich der Legion der Verdammten. Allein, denn es braucht nur einen, um den Geist des ungebrochenen Widerstandes am Leben zu erhalten.



Feuer der Eintracht

Endlich zieht ihr gegen mich ins Feld. Zwei der vier Propheten der Finsternis, mit vereinten Kräften: kühn und gefährlich. Doch ihr empfindet nichts als Verachtung für die Steppe, und wenn ihr glaubt, die Stimme des Stamms der Schatten spräche für alle Berserker, so irrt ihr euch ... denn dies ist nicht der Fall. Und das wird euer Verhängnis werden. Die aufrechten Söhne des Kronos werden euch den Preis für eure Respektlosigikeit bezahlen lassen."

Die Stimme Nemeths

Nemeth versuchte, die hammervollen Schreie der "Auserwählten" zu ignorieren, als er den Text überflog, den er bald in ihre Haut einbrennen würde. Der verhutzelte Schriftsetzer erhitzte den Satz aus stählernen Schriftzeichen über der glühenden Kohle. Er war ein Künstler, der seine Arbeit mit grosser Hingabe verrichtete.
Der Feldzug macht grosse Fortschritte, und es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der Wahrhaftige König von unseren Absichten weiss. Noch während meine Armee nach Nuria marschiert, nähert sich Negrals Armee vom Frostmeer. Der Stamm des Schattens glaubt noch immer den Versprechungen, die ich ihnen machte, und dient uns gut. Sie kennen das Land wie niemand sonst, und die Berichte über Ungestümheit im Kampfe waren nicht übertrieben.
Ich hatte nicht erwartet, dass sich die Berserker uns in so grosser Zahl anschliessen würden, denn sie müssen noch immer ihr Territorium in den Bergen gegen den Einmarsch der Elfen und der anderen "Abkömmlinge des Kronos" verteidigen, ganz zu schweigen von der wachsenden Plage der Stygianer. Aber sie scheinen geradezu darauf zu brennen, bei der Eroberung Nurias dabeizusein, und ihre Gier nach dem Blut des Wahrhaftigen Königs ist ebenso heiss wie die unsere. Vielleicht wird sich in den Reihen der Lakaien doch ein Platz für sie finden.
Und doch muss ich mich wundern ... Wenn der Stamm des Schattens eine solch grosse Anzahl von Kriegern aufbieten kann, was ist dann mit den beiden anderen grossen Stämmen? Die Abkömmlinge des Kronos sollen ein Nomadenvolk sein, das überall im Land verteilt lebt. Ihre Herrschaft über die Steppe können sie nur aufrechterhalten, indem sie die Härte des Landes ausnutzen. Vielleicht sind ihre Streitkräfte in Wirklichkeit nicht klein, sondern nur gut in den ausgedehnten Gebirgskämmen, tiefen Tälern und weiten Wäldern verborgen, die alle mit Eis und Schnee bedeckt sind. Sie könnten im Laufe der Zeit noch eine wichtige Rolle spielen. Wenn wir den Wahrhaftigen König Demut gelehrt haben, ist es an der Zeit die Berserker zu zähmen und ihnen eine Lektion in Fügsamkeit zu erteilen.
Dieselbe Lektion, die wir einst den Zwergen erteilten, die sie jedoch scheinbar vergessen haben. Denn selbst jetzt, wo der grösste Teil unserer Armee aufbricht, um den Wahrhaftigen König wie eine Schabe zu zerquetschen, wuseln sie in der Dunkelheit wie Ratten um unsere Füsse. Aber wir haben viele Armeen, und anders als die der anderen Rassen wurden die Armeen der Lakaien in der Finsternis getauft. In diesem Moment steigen sie in die Tunnel der Ringfesten hinab: die Ringfesten, die wir vor vielen Jahren der Kontrolle der Zwerge entrissen und unter unsere Herrschaft gebracht haben. Das grösste Werk der Zwerge ist nun das Fundament unserer eigenen prachtvollen Zitadelle.
Was wir im Herzen unseres Reiches den Zwergen angetan haben, werden wir auch den anderen Rassen antun: Wir werden sie in Grund und Boden stampfen und ihre Seelen trinken. Meine Gefährten, die anderen Propheten der Finsternis, fordern ihre vollständige Vernichtung, doch ich bin dafür einen kleinen Teil der Rassen zu verschonen, um sie als Trophäe zu behalten, als lebendigen Beweis für die Pracht unseres Sieges. Doch auch ich würde mich mit ihrer vollständigen Vernichtung begnügen, wenn ich sie nicht überzeugen kann.

Die Stimme Nemeths.
Eingebrannt in lebendes Fleisch, Auszug aus den Schriften des Totenreiches



"Habt ihr gezittert, als das kreischende Eis euch aus den Betten riss? Schlug euer Herz schneller, als ihr die Schwarze Armada erblicktet, beschienen von höllischen roten Flammen? Vielleicht nicht, denn euch Schwarzblütern mangelt es nicht an Mut. Doch werdet ihr hören, wie der Fürst der Finsternis die Welt mit seiner brennenden Faust umklammert und wie sie gleich einem waidwunden Tier aufschreit. Dann werdet auch ihr weinen wie Kinder und euch in Löchern verkriechen.
Doch bleibt euch noch Zeit, denn zuerst hat der Fürst der Finsternis andere Ziele. Die Lakaien sind auf dem weg zu mir, ihr steht ihnen allenfalls im Weg!"


An den Kaiser Nisar Blutband

Verzeiht, das ich Euch behellige, grosser Kaiser.
Ich bin mir darüber im klaren, dass das Augenmerk des Blutthrons nach Osten gerichtet ist, auf die Wirren im Verlorenen Land, und die kasierlichen Armeen, die an vielen Fronten kämpfen. Die jüngsten Ereignisse zwingen mich jedoch, ein wenig von Eurer Zeit in Anspruch zu nehmen.
Es geschah vor etwas zwei Tagen, in der kältesten Stunde, kurz vor Sonnenaufgang. Eine Armee entstieg dem Frostmeer. Eine Armee von solch enormer Grösse, dass die Geräusche der eisbrechenden Schiffe wie Donner durch die Luft hallten. Es war eine mächtige Flotte, eines chwarze Flotte, die druch das Packeis vor unserer Küste brach.
Die Lakaien haben ihre Streitkräfte im Norden zusammengezogen und mobilisiert.
Ihre Landung daerte viele Stunden, und erst jetzt sind die letzten von ihnen am Horizont verschwunden. Sie hatten es nicht auf uns abgesehen, und doch wären wir zermalmt worden, wäre da nicht der Mut eurer Untertanen gewesen, die den grossen Turm einen Tag und zwei bittere Nächte hindurch standhaft verteidigten. Drei abgelegeneren Türmen erging es nicht so gut. Sie wurden von den Lakaien überrannt und dem Erdboden gleichgemacht.
Die Armee trug das Zeichen Negrals und marschierte in Richtung der Täler, die durch die Bergpässe führen. Ich habe viele Kutara zu unseren Bergfestungen entsandt, um die dort stationierten Einheiten vor der Ankunft der Armee zu warnen. Unser Wille ist stark, doch haben wir nicht genügend Einheiten, um uns einer solchen Armee zu stellen. Die Lakaien werden ungehindert durch die Berge ziehen, doch wir werden kämpfen, um unsere wichtigsten Routen frei von feindlichen Einheiten zu halten. Wir werden die kleineren Pässe aufgeben, um die grösseren zu befestigen, selbst wenn dies bedeutet, dass es häufiger zu Scharmützeln mit den Söhnen des Kronos kommen wird. Sie sind wenigsten ein ehrenhafter Feind, auch wenn sie mit einer Wildheit kämpfen, die nur von uns, den Schwarzblütern, übertroffen wird.
Doch nun noch zu anderen Dingen:
Als Antwort auf die Bitte des Grosswesirs nach Informationen über die Berserker kann ich folgendes berichten.
Es ist wahr. Einige ihrer Krieger gehen ohne jede Art von Schutzrüstung in die Schlacht, einige sogar nackt und bloss, gerüstet nur mit ihren Waffen und zügelloser Wildheit. Es gab einige haltlose Berichte über die grünhäutigen Giganten, doch ich muss diese Geschichten in das Reich der Phantasie verweisen, denn keiner meienr Soldaten, der zu seiner Einheit zurückkehrte, konnte ihre Existenz bestätigen.
Von den toten Kriegern, die erweckt wurden, um an der Seite ihrer Kamderaden zu kämpfen, weiss ich nichts. Der Grosswesir bezeichnete sie als Lebende Tote. Das würde jedoch eher zu den Methoden der Lakaien passen, bei denen wir in der Tat viele solcher scheusslichen Kreaturen entdecken konnten, besonders in der Armee, die über das Frostmeer kam.
Sobald wir weitere Neuigkeiten über die Söhne des Kronos in Erfahrung bringen können, werden wir den Thron auf der Stelle informieren.
Einstweilen verbleibe ich ergebenst in Erwartung Eurer weisen Befehle.
Tarimek Asis, Statthalter der Nördlichen Provinz.



"Zazen, nun werden wir erfahren, wie gross Eure Weisheit ist. Wir werden sehen, wie stark Euer zerbrechliches Herz ist. Die Lakaien bieten Euch nun das, wofür ihr gestritten habt. Aber Ihr kennt den Preis für dieses Geschenk. Es wird Eure und die Seele Eurer gesamten Rasse sein. Also, Zazen, was ist grösser, Euer Hass auf mich oder die Furcht vor dem Sieg der Lakaien? Ihr habt keine Wahl, denn ich werde Euch keine Wahl lassen. Diesmal gibt es keinen Ausweg, also bindet Euch, Zazen. Verbündet Euch, denn Ihr wisst, dass Ihr keine andere Wahl habt. Wie könntet Ihr auch, wo der Anführer der Lakaien eine untergegangene Seele eines der Euren ist?"

Die Bürde Herzogs Zazens

Herzog Zazen liess die glühende Lotusflamme verblassen. Seine Diener waren vor seinem Zorn geflohen, und es würde die Arbeit vieler Hände erfordern, um die Schäden in seinem Privatgemach zu reparieren, die die Flammen verursacht hatten. Selbst die Steinwände des Gemachs hatten durch die Hitze Risse bekommen und glänzten wie Glas. Doch der Herr des Kristall-Lotus stand unversehrt, wenn auch zitternd vor Wut und Verzweiflung. In einem gebrechlichen Körper, doch bei weitem nicht schwach.

"Mögen die Götter ihn strafen, denn ich schwöre, er zögert, um mich zum Handeln zu zwingen. Selbst der Dümmste kann erkennen, dass die Lakaien gegen ihn marschieren; angeführt von der erbärmlichen Hure, die einst ein Mitglied meines eigenen Hauses war. Ein Krieger mit grosser Leidenschaft, doch nun entstellt von den Mächten der Finsternis. Doch den Berichten zufolge trägt er noch immer die Farben des Kristall-Lotus. Ah, es ist eine Schande. Wie kann ein solch edler Geist so tief fallen? Und nun führt er Nemeths Armee um den Dreifachen See herum, um sich Negrals Armee anzuschliessen und von Norden her in Chronopia einzufallen.
Warum also zögert der Wahrhaftige König? Er muss doch erkennen, dass er sie überhaupt nicht mehr wird aufhalten können, falls er sie nicht an dem Wall der Ahnen stoppt. Sie werden wie eine Plage über seine Länder herfallen und das Tor seines ach so wertvollen Turms aus den Angeln reissen. Über das Schicksal seines Königreiches würde ich mit Sicherheit keine Träne vergiessen ... doch ich habe erfahren, dass Herzog Valymir plant in das Geschehen einzugreifen, obwohl ich ihm davon abgeraten hatte. Er will den Wahrhaftigen König zermalmen und seine Überreste im Wind zerstreuen. Er neigte schon immer eher zur Gewalt als zu einem klaren Verstand.
Die Wahrheit, die kalte und bittere Wahrheit ist, dass wir den Lakaien ohne den Wahrhaftigen König nicht standhalten können, ebensowenig wie er ohne uns. Doch nun sind sie in die Länder der Berserker marschiert, und unsere Cousins im Norden sind für diese wilden Barbaren keine Fremden. Seitdem wir die Kristallhöhlen eingenommen haben, in denen sich das Eisorakel befindet, befinden wir uns mit den Söhnen des Kronos in einer fortwährenden Schlacht. Doch unsere Eishexen werden mit jedem verstreichenden Jahr mächtiger, denn sie verbinden die Weisheit des Orakels mit der Macht der Lotusblüte.
Aber es überrascht mich, dass die Matriarchin des Mutterstammes den Lakaien gestattet, in ihr Gebiet einzudringen, denn die Welt hat ihre wahre Macht noch nicht gespürt. Doch kämpft sie gegen die Stygianer um das Heilige Tal. Und während sie abgelenkt ist, marschieren die Lakaien weiter und der Wahrhaftige König unternimmt nichts. Worauf wartet er, auf ein Zeichen der Götter?
Nun, die Götter helfen denen, die sich selbst helfen. Ich werde den Wahrhaftigen König nicht direkt helfen, doch falls Valymir eingreift, werde ich das Haus des Blutroten Phönix, das dem Haus der Sonne loyal gesonnen ist, darum ersuchen, Negrals Armee in den Bergen aufzuhalten, um dem Wahrhaftigen König wenisgtens Zeit zu verschaffen, zur Besinnung zu kommen."



Ich spüre ihre Anwesenheit, auch wenn ich sie nicht sehen kann. Ich spüre ihre Absicht und frage mich, wann die Zwerge ihre verborgenen Pfade gegen mich einsetzen werden. Das Labyrinth, in dem sie sich so gut auskennen, gleicht in den Augen allen anderen den verschlungenen Pfaden des unergründlichen Schicksals: ein Labyrinth aus sich windenden Pfaden, Sackgassen und bodenlosen Gruben. Die Zwerge sind die Herren der Gewölbe der Unterwelt, doch was das Schicksal betrifft ... Ich halte sein Siegel und den Schlüssel!

Die Rückkehr der Zwerge in den Norden

Es herrschte beinahe völlige Finsternis, und die Höhlen rochen nach sauberer Erde, feuchtem Gestein und dem blutigen Geruch von Kupfer. Das melodische Geräusch tropfenden Wassers und das unheilvolle Rauschen grosser unterirdischer Flüsse war in der Tiefe zu vernehmen. Und dabei das stetige Atemgeräusch und der schmutzige Gestank tausender kampferprobter Zwerge.
Nach vielen zermürbenden Wochen hatte sich das Schicksal zu ihren Gunsten gewendet. Sie waren quälend nah an der zentralen Ringfeste, doch noch näher würden sie nicht mehr herankommen. Die Ringfeste, die sie vor vielen Jahren verloren hatten, war nun das Fundament von Nemeths finsterer Zitadelle und ein Ort grosser Schande.
Die Ereignisse im Land der Zwei Flüsse hat gezeigt, wie wichtig das Labyrinth war und Graugon Kag'n hatte schliesslich seinen Plan enthüllt, die uralten Pfade wieder zu öffnen. Sie würden sich um alle Höhlensysteme kümmern - eines nach dem anderen säubern und sichern, bis das Labyrinth wieder unter ihrer alleinigen Kontrolle stand.
Die erste Kampagne wurde den Gehörnten übertragen. Sie sollten nach Norden ziehen, in das Reich, das nun von den Propheten der Finsternis Nemeth kontrolliert wurde. Die zentrale Ringfeste konnten sie nicht einnehmen, denn sie war Nemeths Machtsitz, doch konnten sie eine der neun Ringfesten im äusseren Kreis erobern. Einen finsteren Ort mit wenig Charme, aber starken Verteidigungsanlagen. Wenn es ihnen gelingen würde, diese Ringfeste unter ihre Kontrolle zu bringen, würden sie im Norden wieder Fuss fassen können, und diesmal würde es keinen Verrat geben, diesmal würde niemand sie mehr vertreiben.
Die Boten würden an der bevorstehenden Schlacht nicht teilnehmen, doch ihre Aufgabe war nicht weniger gefährlich. In dem Labyrinth lebten Kreaturen, die nichts von der Existenz dort oben wussten, und ständig in der Schwärze nach Nahrung suchten, um ihr bleiches Fleisch am Leben zu halten. Für solche Kreaturen war der Unterschied zwischen dem warmen Blut der Zwerge und dem ranzigen Blut der Lakaien nur eine Frage der willkommenen Abwechslung.
Der Anführer der Gehörnten sprach barsch mit den Boten: "Berichtet Graugon Kag'n folgende Worte:

Seit zwei Monaten haben wir mit den Lakaien zu tun und sind nicht einen Schritt zurückgewichen. Wir haben ihre Streitkräfte zermürbt und nun einen Weg in das Herz der siebten Ringfeste des "Kreises der Neun" gefunden. Der Weg ist gefährlich, denn er führt durch einen Tunnel, der von einem unterirdischen Fluss überschwemmt ist. Einhundert Schritte gegen den Striom des Flusses ohne auch nur ein einziges Mal Atem holen zu können. Der Weg ist kalt, beschwerlich und furchteinflössend. Ich weiss das, denn ich bin ihm gefolgt. Aber der Weg ist unbewacht und sollte uns den Sieg einbringen.
Ich kann Euch versichern, Hochkönig, die Zwerge sind in den Norden zurückgekehrt."

Die Boten nickten einmal und spurteten davon. Das schwache Lcht von den leuchtenden Steinen, die sie um den Hals trugen, verblasste, nachdem sie hinter der ersten Kurve des Tunnels verschwunden waren. Dann marschierten eintausend abgehärtete Zwerge in Richtung des Flusses, um in das eiskalte Wasser zu steigen, den Atem anzuhalten, gegen den fürchterlichen Strom anzukämpfen, anschliessend wieder aufzutauschen und die Streitkräfte der Lakaien zu vernichten, die sie dort vorfinden würden.



"Was nun, Grosse Mutter? Meine mutige Schwester schenkte dir in meinen Namen ihr Leben. Aber begehe keinen Fehler. Die Klinge, die sie trug, ist nur ein Abbild der Klinge, die meine Kehle durchtrennen will. Und ich werde nicht mehr vor ihr zurückschrecken, als sie es tat. Durch meine Zögern habe ich mein Leben in deine Hände gelegt. Also wähle: Töte deinen Ziehsohn, den du einst zum Herrscher machtest, oder gewähre ihm mit deinem Schwert in der Hand uneingeschränkten Zutritt zu deinem Reich."

Die Gnade der Matriarchin

Die vier Frauen, die hoch auf dem Gipfel des Felsens versammelt waren, nahmen den um sie tosenden Sturm nicht zur Kenntnis. Moriath, die Matriarchin des Mutterstammes, hatte zu jeder Seite eine Klingenfurie, und vor ihr kniete eine Schwarze Schwester, die langsam dem Tod erlag.
Moriath hatte gleichgültig dabei zugesehen, wie die Schwarze Schwester die vergiftete Klinge über ihre Brust gezogen hatte. Moriath besass das Gegenmittel für das Gift, doch ob sie es verwenden würde, hing von dem ab, was die Schwarze Schwester ihr zu sagen hatte.
"Rede", sagte die Matriarchin.
"Hört mich an, grosse Mutter, denn ich bin die Stimme des Wahrhaftigen Königs", begann die Schwarze Schwester, "ich bin nicht der König der Sieben Winter, den Ihr als Euer eigen beansprucht. Ich wurde von den Berserkern aufgezogen, doch ich erblickte als Herrscher und König der Erstgeborenen das Licht dieser Welt. Ich erweckte die Stygianer, doch ich bin nicht der Grund für ihr Erwachen. Der Grund fällt in diesem Moment in Euer Land ein und setzte bereits die Saat des Verrats ins Herz Eures Volkes. Gestattet mir, Eure Grenze zu überschreiten, und ich werde sie am Wall der Ahnen aufhalten. Versagt mir meine Bitte, und sie werden über mein Land herfallen, mehr als das, sie werden ungestraft durch das Eure ziehen. Also, was gedenkt Ihr zu tun? Werdet Ihr mein Volk zum Tode verdammen und Euren Namen dem Hohn preisgeben, oder werden wir sehen, wie Kilnarach der Schware Hirsch auf dem Feld der Schwüre kämpft?"
Sprecht durch die Flamme, Grosse Mutter, entfacht das Feuer und gewährt mit Euren Segen, denn ich werde nicht ohne ihn marschieren."
Nachdem sie ihre Botschaft überbracht hatte, neigte die Schwarze Schwester ihr Haupt. Ihr Körper hatte zu zittern begonnen, als sich das Gift seinen Weg durch ihre Adern gebahnt hatte, doch weder würde sie um Gnade bitten, noch würde sie schreien, wenn das Brennen anfing, denn sie war ein Kind der Berserker und eine Kriegerin des Wahrhaftigen Königs.
Die Matriarchin sah zu, wie die Schwarze Schwester starb, und neigte ihren Kopf in den Sturm, denn alle Antworten des Lebens lagen in der Verbundenheit mit der Natur.
Die Furien waren überrascht, dass sie die Schwarze Schwester hatte sterben lassen, doch der Zorn der Matriarchin auf den Wahrhaftigen König wurde nur durch ihren Respekt vor ihm übertroffen. Sie wandte sich wieder den beiden zu.
"Der Wolfsbruder hat im Tal der Verborgenen Fälle gesiegt, denn in diesem Moment liegt er in den Armen der Gottmutter. Und auch Steinrabe ist nicht verloren, denn wir spüren, dass sein Herz noch immer schlägt.
In diesen Sekunden ziehen die Lakaien gegen unsere Brüder und Schwester in Nuria, und ihre Klingen sprechen für alle Berserker. Was den Stamm der Göttin angeht, wir können nicht eher gegen die Lakaien in den Kampf ziehen, bis wir die Stygianer im heiligen Tal besiegt haben.
Wieviel Zeit benötigen wir, um das Tal den Echsenteufeln abzunehmen?"
"Mindestens zwei Monate, Grosse Mutter."
Die Matriarchin dachte eine Weile lang nach.
"Ruft den Schwarzen Hirsch", sagte sie bedächtig, "und sagt ihm, er möge sich uns im Heiligen Tal anschliessen."
"Und der Wahrhaftige König?" fragten sie. "Ihr liesst unsere Schwester sterben. Bleibt das Feuer nun kalt?"
Die Matriarchin kniete sich neben die Schwarze Schwester, streichelte den Kopf der toten Frau und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.
"Er war schon immer arrogant, und ich wäre nicht traurig, würde er sterben. Und doch ... unsere Tochter starb einen guten Tod in seinem Namen, oder?"



Der Geist Kronos

"Und so, Grosse Mutter, werde ich in der Nacht nach dem Feuer Ausschau halten. Viele fragen sich, warum ich so lange zögere, einige sind darüber erfreut. Doch ich werde dein Einverständnis abwarten, denn die Feuer der Vergeltung brennen zu heiss, als dass ich mir auch sie noch aufbürden wollte."

Wenn das Land eine Stimme hätte, die das menschliche Ohr vernehmen könnte, so würdet ihr es in diesem Moment schreien hören. Der Marsch der Lakaien brannte dem gesamten Land eine grausame und immerwährende Narbe ein. Als sie das Land der Berserker durchquerten, rammten sie einen Pfahl direkt in das Herz der Steppe. Im Tal der Verborgenen Fälle hinterliessen sie eine Spur aus glühender Asche, und auch in der Granitstadt Nuria entflammte das Feuer des Krieges. Die schwarze Meute teilte sich bei Nuria. Der grösste Teil der Armee rückte in die Steppe vor, an ihrer Spitze der blaue Namenlose und der einhändige Erhabene. Der kleinere Teil brach zur Seite und überschwemmte das steile Tal vor der Stadt Nuria.
Im Grund des Tals standen zwei gewaltige Steine, und hinter diesen Steinen lag die Stadt mit dem Turm der Ewigkeit der Erstgeborenen, der hoch auf dem Felsen über dem Wasser des Spaltsees stand. Es war keine schöne Stadt, doch war sie rauh und stark, aus dunklem Granit, Eis und Schnee.
Die Krieger des Stammes der Dämmerung trafen bei den Steinen auf die Armee der Lakaien. Und fochten eine Schlacht, die dem Ruhm der Söhne des Kronos gerecht wurde. Der Stamm des Schattens kämpfte wild, denn Nemeth hatte ihnen die Stadt Nuria versprochen, doch der Stamm der Dämmerung war stärker, denn er kämpfte um seine Heimat, um die Stadt, die Kronos selbst beinahe zweihundert Jahre zuvor eingenommen hatte. Doch niemand kämpfte wilder oder töte mehr Feinde als der mysteriöse Druide, der scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war, als die Lakaien angriffen. Er trug das Fell des Mutterstammes, und der silberne Anhänger an seinem Hals stellte einen Raben dar.
Seit nunmehr fünf Tagen wurde gekämpft, doch der Stamm der Dämmerung weigerte sich, seine Stadt aufzugeben, denn es war die Pflicht der Krieger, bis zum letzten Atemzug den Feind mit in den Tod zu reissen. Und so wurde der Preis für die Eroberung Nurias mit jeder verstreichenden Stunde höher. Die Verteidiger waren jetzt nunmehr eintausend Krieger, doch es waren die stärksten, denn der Tod holt zuerst die Schwächsten und die Mutigsten, doch an Mut fehlte es auch den Überlebenden sicherlich nicht.
Die Schlacht tobte und stand auf der Kippe, das Schlachtenglück konnte sich jederzeit endgültig wenden und für eine der beiden Seiten den Sieg bedeuten. Doch dann traf eine Botschaft ein; eine Schwarze Schwester: müde von der langen Reise, doch mehr erschöpft von der Bürde, die sie zu tragen hatte, denn sie überbrachte den Befehl zum Rückzug! Einen Befehl von dem Wahrhaftigen König selbst: die Stadt Nuria war aufzugeben, und der Armee wurde befohlen, sich auf den Weg durch die Steppe zu machen, um den Wahrhaftigen König an dem Wall der Ahnen zu treffen.
Der Stamm der Dämmerung zeigte in dieser Stunde des bitteren Ernstes seine wahre Grösse. Eine Welle des Zorns durchflutete seine Reihen, doch auf das Signal von Taranus, dem Nomarch des Stammes, zogen sich die Verteidiger von Nuria zurück. Als sich die Nacht auf ihre Häupter senkte, waren sie weit weg, doch wo die Stadt Nuria lag, schien der Himmel rot im Widerschein des Feuers ihrer Plünderer. Sie hatten keine Zeit, um den Untergang ihrer Stadt zu betrauern. Sie mussten den Wall der Ahnen erreichen, bevor Nemeths Armee ihn überschritt. Aber Nemeths Armee war viele Tage voraus und der Stamm des Schattens würde seinen Feind auf dem kürzesten Weg verfolgen. Sie kannten die Steppe, und würden es dem Stamm der Dämmerung nicht erlauben, den Wall rechtzeitig zu erreichen. Es schien keine Möglichkeit zu geben, die Forderung ihres geliebten Herrn zu erfüllen.

"Es gibt eine Möglichkeit", sagte der mysteriöse Druide des Mutterstammes.
Die Krieger des Stammes der Dämmerung drehten sich misstrauisch in seine Richtung, doch Taranus trat nach vorne.
"Rede", sagte er.
"Wir könnten die Armee, die durch unser Land marschiert, nicht aufhalten. Doch wir können den Wall der Ahnen vor ihr erreichen."
"Wie?"
"Wir müssen den Spaltsee überqueren und die Tränen der Göttin besteigen."
Ein Raunen ging durch die Reihen der Krieger der Dämmerung. Die Tränen der Göttin waren das Reich der Geister, und nur die Erstgeborenen des Mutterstammes konnten zu diesem Ort aufsteigen, ohne dem Wahnsinn zu verfallen.
"Diesen Weg können wir nicht folgen."
"Ihr könnt, wenn ihr mir folgt", sagte der Steinrabe, "Ihr habt euch von der Gottmutter abgewandt, doch ihr seid noch immer ihre Kinder. Ich werde zu ihr beten, und mit ihrer Gnade und eurem Mut werden wir die Reise unversehrt überstehen und den König auf dem Wall der Ahnen treffen."
Taranus sah keine Täuschung in den Augen des Druiden. Die beiden Männer tauschten die Klingen und zogen sich gegenseitig einen einzigen Schnitt in die Brust. In der Steppe der Berserker waren sie noch immer Feinde, aber hier und jetzt hatte der Stamm der Dämmerung sich mit dem Stamm der Göttin verbunden. Sie entfernten sich von der gefallenen Stadt Nuria, bis ihnen der Spaltsee den Weg versperrte, doch das eiskalte Wasser hielt sie nicht auf. Einige Krieger erforen während der Tage der Überquerung und erreichten niemals die gegenüberliegende Küste, doch die meisten zogen sich schliesslich an das steile Ufer. Weitere Tage verstrichen, als sie die Hügel hinaufstiegen und immer höher in die Tränen der Göttin marschierten.
Ihr Weg war beschwerlich, und in den Nächten waren die leisen Stimmen der Krieger zu hören, die im Halbschlaf redeten. In all den schrecklichen Nächten blieb der Steinrabe wach. Er wachte über die Seelen seiner Brüder, und auch, wenn sie nicht von seinem Stamm waren, bewunderte er ihre Stärke und ihren Glauben.
Während die Verteidiger von Nuria die heiligen Berge bestiegen, marschierten die Lakaien um den Dreifachen See herum. Die verstreuten Clans der Berserker versuchten vergeblich, sie aufzuhalten. Sie waren kleine Gruppen aus Kriegern, die ihr Heim verliessen, um sich der gewaltigen Armee zu stellen, die ihr Land niedertrampelte.
Weit im Norden traf der Mutterstamm im Heiligen Tal den Schwarzen Hirsch. Er konnte spüren, wie die Lakaien durch sein Land marschierte, und sein entfesselter Zorn würde Berge zu Fall bringen,. Doch zunächst galt es die Stygianer zu besiegen. So viele Jahre hatten sie die Steppe reingehalten, doch nun fegte der Krieg wie ein Feuer durch das Land. Die Berserker marschierten wieder - und der Geist des Kronos war erwacht.



Die Schlacht um den Wall der Ahnen

Die Mitternacht am ersten Tag des Eisernen Mondes war kalt, mondlos und wurde vom leuchtenden Sternen erhellt. Drei Tage lang war der Richter in dem hohen Turm von Aregath geblieben, ohne Nahrung und ohne Schlaf, um auf das in Flammen geschriebene Zeichen zu warten, das seinem Herrn und König retten sollte.
Plötzlich beugte er sich nach vorne und hielt sich an der Brustwehr fest, als am Horizont eine winzige Flamme wie ein neugeborener Stern aufleuchtete. Er war kein Mann der Eile, und so wartete der Richter. Er war kein Mann der Eile, und so wartete der Richter. Er wartete, bis es heller wurde, bis es jeden anderen Stern am Himmel überstrahlte. Es war klein, es war weit entfernt, doch unverwechselbar: das Alte Feuer.
Der Richter drehte sich um und schlug seine Axt gegen den Stein. Funken sprangen in den wartenden Zunder, und wie durch Magie entzündete sich das Signalfeuer von Aregath. Es dauerte keine Minute, bis im Südosten, hoch auf einem Hügel eine weitere Stimme des Feuers in die kalte Nacht schrie. Von Aregath bis nach Chronopia entfachten sich die Signalfeuer.
Der Wettlauf zum Wall der Ahnen hatte begonnen. Doch falls Herzog Valymir vom Haus der Schwarzen Schlange den Angriff auf den Wahrhaftigen König befahl, würde er verlieren. Valymir hatte nur eine kleine Streitmacht in den Bergen, die sicher in den unzugänglichen Gipfeln stationiert war. Aber eine kleine Streitmacht würde ausreichen, um die Erstgeborenen in den felsigen Tälern aufzuhalten, die sich in den Bergen auf viele Meilen erstreckten. Sie griffen mit perversen Vergnügen an, genau wissend, dass sie den Wahrhaftigen König nicht besiegen konnten; doch das war auch gar nicht nötig. Wenn ihnen gelänge, den Wahrhaftigen König vom Wall der Ahnen fernzuhalten, würden den Rest die Lakaien erledigen.
Die Rassen kämpften mit fürchterlichen Hass, und auch wenn die Elfen zurückgedrängt wurden, konnten die Erstgeborenen nicht durchbrechen.
Während der gesamten Schlacht erschien der Wahrhaftige König auf seltsame Weise abwesend. Er schien damit zufrieden zu sein, die Elfen zu zerreiben, obwohl er wertvolle Tage verlor. Er blickte nach Norden in den kalten Wind, als würde er auf ein weiteres Zeichen warten.

In der Traumwelt der Lotusblume verfluchte der Herzog Zazen Valymir. Der ehrlose Angriff des abtrünnigen Herzogs liess ihm keine andere Wahl, als Heliacs Verbündete darum zu ersuchen, Negrals Armee in den Bergen aufzuhalten. Er erschien dem Herzog des Blutroten Phönix im Schlaf, der seinen Worten konzentriert lauschte.
Als er erwachte, gab er den Befehl zur Mobilmachung seiner gesamten Streitmacht. Bald darauf verliess sie die Sicherheit ihrer Inselfestung Solas, um den Bergpass zu besetzen und dem Vormarsch der Lakaien Einhalt zu gebieten.
Zazens Zorn war kalt wie der eisige Steppenwinter. Er wünschte, er selbst könnte die Lakaien aufhalten und den Körper des "Mannes" vernichten, der sie anführte - seines gefallenen Untertanen. Er wünschte, er könnte den Wahrhaftigen König tot sehen, ohne dadurch alles zu verlieren; er wünschte, Valymir würde seine lüsterne Wut zügeln - er wünschte viele Dinge. Doch für den Moment galt, sei es nun zum Guten oder zum Schlechten, dass er dem Wahrhaftigen König geholfen hatte. Und mochte es auch nicht genügen, um ihn zu retten, so war es doch geschehen.

Der Wahrhaftige König öffnete seine Augen, ein böses Lächeln umspielte seine Lippen. Er sah auf seine Armee hinab, während diese die kleinere Streitmacht der Elfen bekämpfte. Die Zeit der Spiele war nun vorbei. Er rief seinen Königlichen Scharfschützen Befehle zu, woraufhin die Paladine endlich ins Getümmel einfielen. Tödliche Pfeile schossen durch die Luft, und die Schwarzen Lotushexer fielen.
Doch die Elfen hielten sie eine weitere Nacht und einen weiteren blutigen Morgen auf, und der Wahrhaftige König begann sich zu fragen, ob er richtig oder falsch geurteilt hatte. Die Lakaien würden in Kürze den Wall erreichen, und noch immer waren er und seine Streitkräfte eine Woche oder mehr von dort entfernt. Sein Herz begann zu rasen, als Bilder einer fürchterlichen Zukunft in seinem Verstand aufblitzten. Er bewegte sich im Sattel hin und her und versuchte, im Geist nach einem Bild zu greifen, das stark genug war - auf das er seinen Glauben ausrichten konnte. Und dann sah er es: Schnell wie der Wind. Sie kamen aus Nuria, die Söhne des Kronos antworteten seinem Ruf. Starke Herzen ... grosse Herzen. Wenn die Lakaien den Wall der Ahnen erreichen, würden sich ihnen die Söhne des Kronos in den Weg stellen. Ihre Klingen würden ihn retten.

Das Feld der Schwüre war breit und flach. Im Osten erhoben sich die Berge, im Westen der überwältigende Gipfel von Asals Sitz. Im Norden wurde das Feld von einem dichten Wald eingegrenzt, und im Süden, wo sich ein felsiger Gebirgskamm erhob, dort war der Wall der Ahnen. Wie ein Pfad, auf dem Giganten wandeln, erstreckt er sich von dem grossen Bergmassiv zu den Felsen von Asals Sitz und versperrte selbst den Mutigsten den Weg. Er war uralt. Errichtet von den Söhnen der Göttin, den grossen Ahnen der Menschen. Er trug nicht nur die Narben der Jahrhunderte, er trug auch die Narben des Krieges und schien mindestens so sehr ein Teil der Erde zu sein wie der felsige Gebirgskamm, auf dem er einst errichtet worden war.
Die Lakaien strömten heran. An ihrer Spitze ritt der Fürst mit der eisernen Faust und neben ihm der Namenlose mit dem blauen Mantel. Zusammen führten sie Nemeths Armee auf das Feld der Schwüre. Es gab keine Spur von Negrals Streitmacht, und der Namenlose fragte sich, wodurch die Armee aufgehalten wurde, mit der er hier zusammentreffen wollte. Er war jedoch einerlei, dachte er, denn der Ruhm für seinen Meister Nemeth würde um so grösser sein, wenn er den Sturz des Wahrhaftigen Königs alleine vollbringen konnte.
Ohne Zögern führte er seine Armee zu dem Wall der Ahnen. Er lächelte, denn es gab keinerlei Anzeichen der Anwesenheit des Wahrhaftigen Königs - keinerlei Anzeichen für irgendeinen Widerstand. Der Wall war trotz seines uralten Rufes lediglich ein Haufen Geröll, den es zu überqueren galt. Er teilte seine Streitmacht und befahl ihr, durch die vielen Spalte zu marschieren, die sich an den Stellen befanden, wo Zeit und rohe Gewalt Teile der grossen Barriere zerstört hatten.
Der Namenlose beobachtete, wie seine Armee zu den Rissen in dem Wall marschierte, doch dann tauchte plötzlich eine einzige Gestalt auf dem Wall der Ahnen auf. Ein Druide, der die Farben des Mutterstammes trug. Zwar trugen alle Druiden die gleiche Gewandung, doch er erkannte ihn dennoch. Es war der Druide, dem er bereits vor so vielen Wochen in dem Tal der Verborgenen Fälle begegnet war. Andere Gestalten erschienen an seiner Seite: Gestalten des Stammes der Dämmerung. Sie versiegelten die Risse so sicher wie Felsblöcke. Es waren nicht viele, vielleicht eintausend Söhne des Kronos. Sie erhoben sich, als wären sie aus einem erholsamen Schlaf erwacht. In Wirklichkeit hatten sie den Wall der Ahnen erst wenige Stunden zuvor erreicht. Sie waren dem Ruf des Wahrhaftigen Königs in der Annahme gefolgt, hier auf ihn zu treffen. Nun sahen sie die gewaltige Armee der Lakaien, doch nicht den Wahrhaftigen König. Kein Fluch, kein Vorwurf kam über ihre Lippen. Es war nicht ihre Aufgabe, nach dem Warum zu fragen; es war ihre Aufgabe zu kämpfen, niemals nachzugeben und den Sieg für ihren König zu erstreiten.
Die Lakaien schwärmten vor, und der Namenlose liess sie marschieren. Monatelang hatte er ihre Instinkte unterdrückt. Nun entfesselte er sie, und eine schwarze Wand stürmte auf den Wall los. Und als die Horde der Lakaien den Wall erreichte, prallte sie auf die Söhne des Kronos. Sie prallte gegen Stahl, Stein und das Blei wirbelnder Schleudern. Sie prallte gegen Speerspitzen und Äxte, stahlbewehrte Fäuste, die Wildheit und unbändigen Kampfeslust der Söhne des Kronos. Die Berserker kämpften anmutig, glichen todbringenden Tänzern. Der Sturm der dunklen Horde brach sich und kam zum Halt.
Der erste Angriff wurde niedergeschmettert, und die Lakaien zogen sich zurück. Der Namenlose war nicht beunruhigt. Er hatte nur neinen Bruchteil seiner Streitmacht verloren, doch die Söhne des Kronos würden den Verlust jeder einzelnen Klinge spüren. Als die Getreuen wieder gegen die Risse in dem Wall stürmten, beschworen die Nekromanten Skelettkolosse und Untote Ritter. Die Ritter schienen aus der blossen Luft aufzutauchen, während sich die Skelettkolosse aus der Erde erhoben. Die Reihen der Getreuen teilten sich, als die Untoten die Söhne des Kronos angriffen. Viele Kämpfer wären vor solch fürchterlichen Erscheinungen geflohen, doch die Söhne des Kronos fürchteten einen Feind nicht, bloss weil er kein Blut hatte, das sie vergiessen konnten, solange er Knochen hatte, die sie zermalmen konnten.
Die Kämpfe dauerten einen Tag und eine Nacht hindurch bis spät in den nächsten Tag hinein an, und noch immer war es den Lakaien nicht gelungen, die Reihen der Söhne des Kronos zu durchbrechen. Es gelang ihnen nicht, ihre zahlenmässige Überlegenheit zum Tragen zu bringen, und die Berserker kämpften mit unermüdlicher Wildheit. Die Nacht brachte starken Regen und zornige Wolken, die mit Blitz und Donner die Kämpfenden verfluchten. Der Morgen war von Nebel verschleiert, und die Sonne bemühte sich vergelblich, den Dunst zu durchbrechen. Die dünne Verteidigungslinie wurde im Laufe des Tages noch dünner, und dennoch kämpften die Söhne des Kronos jenseits der Grenzen sterblichen Fleisches. Sie kämpften, weil sie nicht wussten, wie sie aufhören sollten. Und doch starben sie einer nach dem anderen. Ihre Körper wurden gebrochen, ihre Seelen freigelassen. Und die Lakaien rückten unaufhaltsam nach.
Eine weitere sternenlose Nacht wich einem trüben Morgen mit niedrig hängenden Wolken und Nieselregen. Die Lakaien hatten sich von dem Wall zurückgezogen. Sie warteten noch immer in Massen vor den Rissen in dem Wall, doch sie griffen nicht an. Statt dessen näherte sich der Fürst mit der eisernen Faust, in seinem Gefolge die Druiden seines Stammes. Jeder der Druiden hatte seine eigene Haltung eingenommen, doch sie widmeten sich der gleichen Aufgabe. Ihre leisen Worte huschten über das Feld der Schwüre wie das Geflüster von Geistern, und als würden sie antworten, erklangen verzweifelte Schreie aus den Reihen der Verteidiger an dem Wall.
Die Druiden des Stammes des Schattens streckten ihre geistigen Arme in das Reich der Toten aus. Der Steinrabe konnte ihre Macht spüren und auch die Falschheit ihres Handelns. Und als die Schreie des Unglaubens auf der Mauer erschallten, wusste er, was vor sich ging: Die Druiden hatten die Lebenden Toten aus dem Reich der Toten erweckt.
Die Söhne des Kronos mussten sich nun ihren eigenen gefallen Brüdern stellen, die noch immer die Wunden trugen, durch die sie getötet worden waren. Aber weder lebten sie durch das Schlagen eines Herzens, noch konnten sie durch das Vergiessen von Blut sterben. Die Söhne des Kronos zögerten mit dem Angriff auf ihre Waffenbrüder, und dieses Zögern kostete sie die Mauer. Die Lebenden Toten schritten schwerfällig, aber nicht unnachgiebig. Man konnte einen Lebenden Toten nicht töten. Man konnte sie nur zerbrechen oder in Stücke hacken. Viele Krieger fielen, bevor sich der Stamm der Dämmerung von dem Schock erholt hatte. Doch zu diesem Zeitpunkt rückten die Lakaien stärker voran als je zuvor. Der Stamm der Dämmerung verzweifelt, die Risse in dem Wall geschlossen zu halten, doch sie waren zu wenige und die Zahl der Gegner zu immens. In der Nähe der Mitte des Walls fiel eine der grössten Öffnungen in dem Wall unter der Kontrolle der Lakaien, und sie ergossen sich gleich einer Flut über die dahinterliegenden Grashänge. Das Gebrüll der Sieger hallte immer wieder durch den gebirgspass, doch als es verblasste, stieg ein neues Geräusch in dem Tal an. Es war das Geräusch von menschlichen Stimmen die im Chor erklangen, als zählten sie die Schritte einer befehligten Legion.
Die Krieger des Stammes der Dämmerung waren einen kurzen Blick nach Süden, denn das Geräusch war nun lauter und näher, als sie zunächst angenommen hatten. Als erstes erblickten sie die Standarte, die hinter einem Hügel auftauchte. Es war die Standarte der Eisernen Garde.
Sie marschierten aus dem tiefen Tal in das helle Licht der untergehenden Sonne. Ein gigantischer stählerner Keil, der in die Reihen der Lakaien schnitt und der die entstandene Öffnung in den Reihen der Berserker schloss. Auf beiden Seiten sprinteten Krieger voran, Krieger aus dem Stamm der Dämmerung, die das Leben in der Steppe aufgegeben hatten, um in der Armee des Wahrhaftigen König zu dienen. Sie sprinteten über das gefrorene Gras, um ihren Brüdern am Wall zu Hilfe zu eilen. Sie ignorierten die Lakaien, die den Wall bis jetzt überquert hatten; ein anderer würde sich um sie kümmern - der Kriegsherr, der in diesem Moment den Gipfel einer niedrigen Anhöhe auf der östlichen Seite des Walls emporstieg.
Auf seiner weissen Stute setzte der Kriegsherr seinen Helm der Söhne des Kronos auf, warf seinen mitternachtsblauen Mantel ab und zog das Schwert, das ihm die Matriarchin des Mutterstammes gegeben hatte. Er trug nur wenig Rüstung, denn die Berserker ziehen Geschwindigkeit und Freiheit einer zweiten Haut aus Stahl vor. Denn, bevor er der Wahrhaftige König wurde, war er Beserker, bevor er über die Erstgeborenen herrschte, war er der Kriegsherr der Söhne des Kronos. Nun kämpfte er in dem Land, in dem er aufgewachsen war, und er würde als Kind dieses Landes kämpfen. Er beruhigte sein euphorisches Pferd, lockerte sein Schwert und fiel über die Lakaien her. Und in seinem Kielwasser donnerten fünfhundert Paladine der Erstgeborenen.
Die Krieger des Stammes der Dämmerung sahen ihn, und ihre Herzen schlugen schneller, als sie seine prächtige Ankunft sahen. Irgendwo in ihrem nneren fanden sie neue Reserven, die Öffnungen in dem Wall füllten sich langsam wieder mit Körpern von Toten, und der Vormarsch der Lakaien geriet ins Stocken.
Während der Wahrhaftige König die Lakaien niedermetzelte, traf der Hauptteil der Armee der Erstgeborenen ein. Die Schützen stiegen die Stufen des Walls hinauf, während die Ritter der Schwerter und Streitkolben fest entschlossen waren, sich nicht von den Söhnen des Kronos übertreffen zu lassen, und sich in die Schlacht warfen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren kämpften und bluteten die Söhne des Kronos gemeinsam mit den Erstgeborenen. Der Wahrhaftige König sah dies, und sein Herz schlug höher beim Anblick der Erstgeborenen, die mit den Söhnen des Kronos kämpften. Sie verband eine gemeinsame Geschichte mit vielen finsteren Wendungen. Doch für jede Wunde, die seine Untertanen hier erlitten, sah er, wie eine ältere und tiefere Wunde geheilt wurde.
Als die Sonne unterging, befand sich der Wall der Ahnen fest in der Hand der Erstgeborenen. Die Lakaien hatten sich zurückgezogen; trotz ihrer grösseren Streitmacht war es ihnen nicht gelungen, die Gegenwehr der Erstgeborenen zu brechen. Endlich konnten die Krieger des Stammes der Dämmerung ruhen, und während sie schliefen, wachten die Erstgeborenen über ihren Schlaf und fragten sich, wie sie so lange durchhalten und Widerstand hatten leisten können. Sie schliefen, um ein wenig Kraft wiederzugewinnen, denn der Wahrhaftige König plante, die Lakaien am nächsten Tag anzugreifen. Sie jubelten über diesen Entschluss, denn dies entsprach dem Geist der Berserker: immer hart und immer als erstes zuzuschlagen.
Doch als auf dem Feld der Schwüre der Morgen anbrach, schien es, als sei alles verloren. Die Armee Negrals war in der Nacht eingetroffen, wodurch die dunkle Horde auf über dreissigtausend anschwoll, wo dem Wahrhaftigen König kaum sechstausend zur Verfügung standen. Fünf Tage lang hatten die Elfischen Phönixkrieger sie in den Bergen aufgehalten, bevor sie beiseite gefegt wurden. Diese fünf Tage hatten es dem Wahrhaftigen König ermöglicht, die kalt berechnete Attacke Valymirs abzuwehren und den Wall rechtzeitig zu erreichen, um ihn zu retten - wenigstens für einen Tag.
Der Wahrhaftige König ritt langsam vom Wall der Ahnen hinweg. Seine Armee wartete gespannt auf seine Entscheidung, denn ein Angriff auf die Lakaien wäre der pure wahnsinn. Die Sinne strich warm über seine Haut, als sein Blick nordwärts auf die schwarze Schaar fiel. Dann richtete er seine stahlharten Augen auf den dichten Wald, der das Feld im Norden abschloss. Und wusste, wie er vorgehen würde. Es reichte nicht, die vergiftete Klinge zu ziehen, er musste sie benutzen und würde weder jammern, wenn der Schmerz kam, noch im Angesicht des Todes um Gnade bitten.
Der Wahrhaftige König trieb sein Pferd an, und ihm folgten die Erstgeborenen und die Söhne des Kronos. Vorsichtig rückten sie auf dem unstetigen Boden voran, und als er hörte, wie sich die Ritter ihm anschlossen, liess er sein Pferd in einem leichten Trab fallen. Er konnte sehen, wie überall entlang des Walls die Erstgeborenen und die Söhne des Kronos hervorkamen und ruhig vorrückten, ohne Hast und gelassen in Erwartung eines guten Kampfes und eines frühen Todes.
Die Lakaien stürmten voll finsterer Vorfreude auf sie zu. Der Namenlose lachte, fühlte sich jedoch irgendwie um den wahren Sieg betrogen. Selbst in seiner Niederlage hatte der Wahrhaftige König das Schlachtgeschehen dominiert. Und aus den letzten Fetzen seiner verdammten Seele stieg ein unangenehmes, lange vergessenes Gefühl hervor - Respekt, gar Bewunderung? Mit einem hasserfüllten Schrei schüttelte der Namenlose seinen Anfall von Schwäche ab, trieb seinem dämonischen Ross die Sporen in die Seite und galoppierte auf den Wahrhaftigen König zu.
Die Söhne des Kronos und die Erstgeborenen mussten den Wall nun nicht mehr verteidigen und griffen die Lakaien voller Leidenschaft an. Doch auch wenn sie zahllose Lakaien töten und nur wenige von ihnen fielen, wussten sie, dass ihr Angriff zum Scheitern verurteilt war. Es gab einfach zu viele Lakaien.
Doch der Wahrhaftige König wollte nicht alle, er wollte nur einen. Er stürmte voran, und der Namenlose an der Spitze der Lakaien der Lakaien erwiderte seinen Angriff mit gleicher Kraft. Ihre Schwerter trafen aufeinander und barsten in ein Meer von Funken; unter der Wucht ihres Zusammenpralls gingen ihre Reittiere beide zu Boden. Das Pferd des Berserkers erholte sich als erstes: Es bäumte sich auf und rammte seinen stählernen Huf in die Zähne des dämonischen Reittiers. Die Kreatur gab ein zischendes Geräusch von sich, schlug mit ihren langen Klauen wild um sich und hinterliess drei grosse Wunden auf der Brust der weissen Stute. Unterdessen kämpften der Namenlose und der Wahrhaftige König miteinander. Der Wahrhaftige König verlor seinen Helm, und die Klinge des Namenlosen brachte ihm einen Schnitt über der Braue bei, der sein Gesicht in Blut tauchte. Er wich dem tödlichen Schlag aus und schlug gegen die Taille des Namenlosen. Der Kommandant der Lakaien krümmt sich nach hinten, und die Klinge des Wahrhaftigen Königs schnitt durch seine Kehle. Der Namenlose fauchte einen erstickten Fluch und fiel aus dem Sattel.
Der Wahrhaftige König wandte sich ab, um zu sehen, wie seine Armee gegen die Lakaien fiel, sie zog sich nicht zurück, sie wurde einfach überwältigt.
Der Steinrabe kämpfte tapfer, doch er wusste, dass sich das Ende näherte. Dann spürte er eine grosse Woge der Macht in der Erde, und trotz all seines Mutes hatte er Angst, denn die Macht der Natur sollten alle Kreaturen fürchten. Ein schwacher Nebel bildete sich wie aus dem nichts, und er wusste, dass er den Drachenodem spürte. Er spürte, wie die Luft vibrierte, und erschauerte.
Sein Blick fiel auf die tiefen Schatten des Waldes im Norden.
"Bei der Göttin", hauchte er, "sie ist gekommen."
Über das Donnern der Schlacht erhob sich ein Geräusch. Es war das Geräusch von Stein und Holz, das unter fürchterlichern Druck zerspringt. Die Natur selbst entfesselte ihren Zorn. Der Druide blickte nach unten und sah wie riesige Wurzeln zwischen Felsen und Erden hervorbrachen. Sie wanden und drehten sich, schlugen peitschend nach dem verdorbenen Fleisch der Lakaien. In seiner unmittelbaren Nähe knallte eine Wurzel wie eine Peitsche und wickelte sich um das Bein eines Getreuen. Der Mann blickte angsterfüllt auf die Erde und versuchte, die Ranke zu durchtrennen. Doch die Wurzel schnellte nach unten, und das Bein des Getreuen brach. Der Mann stürzte und kreischte, doch weitere Wurzeln schlängelten sich um das Gesicht des Mannes und erstickten und erwürgten ihn.
Auf dem gesamten Schlachtfeld schossen gierige Wurzeln in die Reihen der Lakaien. Einige schossen nach oben, andere schlangen sich um Gliedmassen und rissen ihre Opfer langsam auseinander. Plötzlich verschwanden die Wurzeln. Sie zogen sich in das Erdreich zurück, und eine merkwürdige Stille machte sich auf dem Schlachtfeld breit. Die Lakaien starrten misstrauisch auf den Boden, während der Stamm der Dämmerung und die Erstgeborenen die Gelegenheit nutzten um sich umzugruppieren. Sie waren dankbar für die kurze Unterbrechung, auch wenn sie nicht wussten, wem sie diese Verschnaufspause zu verdanken hatten.
Der Steinrabe blickte nach Norden, wo er die Präsenz der Matriarchin spüren konnte. Dann tauchte ein Erhabener aus den Bäumen auf. Er ritt auf einem gewaltigen schwarz glänzenden Hirsch... Und mit ihm kamen die Viridianischen Fürsten, grosse Krieger aus den heiligen Wäldern - menschliche Wesen, aber mehr als das. Der Geist der Wildnis floss in ihren Adern, und ihre grünhäutigen Körper besassen die Stärke der mächtigsten Eichen. Sie traten aus dem Wald heraus und stellten sich an die Seiten des Erhabenen. Mit ihren Füssen standen sie so fest auf dem Boden, dass sie beinahe unbeweglich zu sein schienen. Sie trugen grosse geschwungene Äxte und blickten mit grenzenlosem Hass auf die Reihen der Lakaien.
Als nächstes erschien eine Reihe Streitwagen. An ihren Rädern glänzten tödlich geschwungene Klingen. Ein Streitwagen fuhr an ihre Spitze und hielt neben dem Schwarzen Hirsch an. Die Frau auf dem Streitwagen hatte die Erscheinung einer Königin und in ihren Augen blitzte das Versprechen des Todes. Es war Moriath, die Matriarchin des Mutterstammes. Sie war gekommen, um das Eindringen in ihr Reich zu rächen. Sie hob ihre Arme und rief ihre Söhne in die Schlacht. Zu Tausenden strömten sie aus den Wäldern und fielen über die Lakaien her.
Der Stamm des Schattens zog nach Nordosten, um die Berge im Rücken zu haben, doch der Fürst mit der eisernen Faust bewegte sich nicht. Er sass in seinem Sattel und starrte auf den Schwarzen Hirsch, der sich ihm näherte. Er mochte den grossen Sieg an die Matriarchin verloren haben, doch er war kein Feigling. Er akzeptierte die unausgesprochene Herausforderung und stürmte auf den Hirsch zu. Der schwarze Hirsch hielt einen Moment lang inne und wühlte den Boden auf, als er schliesslich nach vorne sprang. Die zwei grossen Hirsche stürzten aufeinander zu. Als sie aufeinanderprallten, hallte das Geräusch ihres Aufpralls wie Donner durch die Luft. Die beiden Erhabenen blieben im Sitz, denn sie hatten beide schon viele Schlachten geschlagen. Die beiden ehrfurchtgebietenden Reittiere pflügten die Erde um, als sie gegeneinander kämpften. Ihre Geweihe waren ineinander verhakt, und jeder der gewaltigen Hirsche versuchte todesmutig, die Oberhand über den anderen zu gewinnen. Währenddessen kämpften ihre Herren auf ihren Rücken. Sie setzten ihre grossen Speere mit unübertroffener Gewandtheit ein. Sie wirbelten, schlugen und parierten, während sich ihre Reittiere unter ihnen aufbäumten. Plötzlich schleuderte der schwarze Hirsch seinen rot bemalten Gegner herum, und die Spitzen seines Geweihs bohrten sich durch das dicke Fell der Bestie. Der Fürst mit der eisernen Faust spürte, dass sein Reittier verlor, und stach mit seinem Speer in die Schulter des schwarzen Hirsches. Der schwarze Hirsch taumelte leicht, und der rote Hirsch gewann wieder die Oberhand.
Kilnarach der Schwarze Hirsch knurrte vor Wut, denn es verstiess gegen die Regeln eines Duells, dass Reittier des Gegners zu verletzen. Der Schwarze Hirsch warf seinen grossen Speer fort, erhob sich aus seinem Sattel und sprang über die Geweihe der kämpfenden Bestien. Der Fürst mit der eisernen Faust brachte seinen Speer hoch, als der Schwarze Hirsch auf ihn zusprang, doch der Schwarze Hirsch griff nach dem Stiel des Speers und zog den Fürsten mit der eisernen Faust aus dem Sattel. Sie prallten neben den stampfenden Hufen ihrer Reittiere auf den Boden. Der Fürst mit der eisernen Faust schlug mit dem eisenbewehrten Stumpf gegen den Helm des Schwarzen Hirsches, doch der mächtige Erhabene ignorierte den Schlag. Er kniete sich auf seinen Gegner und schlug ihm wild in die Kehle. Er entriss den Speer dem Griff des erstickenden Erhabenen, erhob sich auf die Füsse, wirbelte den grossen Speer geschickt durch die Luft und versenkte die Klinge tief in der Brust des Fürsten mit der eisernen Faust.
Der Schwarze Hirsch drehte sich um und sah, wie sein Reittier den roten Hirsch auf die Seite warf. Der rote Hirsch versuchte verzweifelt, auf die Beine zu kommen, und floh. Der schwarze Hirsch verfolgte seinen Gegner nicht, statt dessen wendete er sich zu seinem Herrn. Der Schwarze Hirsch sprang in den Sattel und kehrte zu der Schlacht zurück, um seinen Anteil an den Lakaien zu bekommen.
In der gewaltigen Armee der Lakaien war Verwirrung ausgebrochen. Ihr Kommandant war tot, und nun war dieser neue Feind aus dem nichts aufgetaucht. Doch anstatt einem Kommandanten folgten sie nun ihren Instinkten. Und ihr Instinkt hiess sie, zu töten. Die Schlacht dauerte noch eine Nacht und einen Tag, und alle Söhne des Kronos trugen ihren Teil zu der Schlacht bei. Viele mutige Krieger starben, doch sie starben ruhmreich, denn eine solche Schlacht hatte die Steppe seit vielen jahren nicht mehr gesehen. Schliesslich waren die Lakaien gebrochen. Ein stärkerer Instinkt hatte sich in ihren gepeinigten Geistern breitgemacht. Ein Instinkt, der vom Überleben und leichteren Opfern zur Befriedigung ihres Blutdurstes sprach. Die Söhne des Kronos vertrieben die Lakaien vom Schlachtfeld, doch nichtsdestoweniger überlebten Tausende von ihnen, die sich in den rauhen Bergen und tiefen Tälern versteckten konnten. Es würde nicht die letzte Schlacht der Söhne des Kronos gegen die Lakaien gewesen sein.
Der Wahrhaftige König zog seine Einheiten zurück zu dem Wall der Ahnen. Er blickte den Wall hinab, und seine Augen trafen die der Matriarchin des Mutterstammes. Und die Krieger beider Stämme hielten in Erwartung einer weiteren Schlacht den Atem an.
Die Matriarchin blickte zu dem Wahrhaftigen König hinauf. Sie hatte gesehen, wie er den Namenlosen erschlagen hatte, und sie hatte gesehen, wie er in die Reihen der Lakaien gestürmt war, gleichwohl er wusste, dass er nicht gewinnen konnte. Und sie fragte sich, ob er gewusst hatte, dass sie in der Deckung des Waldes gewartet hatte. Das spielte keine Rolle, dachte sie, es war nichtsdestoweniger eine mutige Tat gewesen. In sich trug er die Essenz eines Kriegsherrn der Berserker, doch in ihrem Herzen wusste sie, dass er ein Erstgeborener war. Er war nicht der König der Sieben Winter, und sie hatte keinen Anspruch auf sein Leben. Sie zog ihr Messer und zog es über ihre Brust, und als sie sah, dass der Wahrhaftige König das gleiche mit dem Schwert tat, das sie selbst ihm gegeben hatte, lächelte sie und entfernte sich mit ihrem Streitwagen von dem Wall der Ahnen.
Der Wahrhaftige König konnte nicht lächeln. Er blickte über das Schlachtfeld. So viele waren gestorben, so viele verstümmelt. Nuria war verloren und lag in Ruinen. Und die Schlacht selbst war einfach zu knapp ausgegangen ... Er wendete sein Pferd und ritt nach Süden aus der Steppe der Berserker. Zurück nach Chronopia, um auf die nächste Welle des Unglücks zu warten, die über seine Grenze schwappte.



Jeder Erfolg hat seinen Preis

"Oh wie es schmerzen muss, seinem Ziel so nahe zu kommen; so viel zu riskieren und alles zu verlieren. Bei all Eurer Stärke bewegt Ihr Euch auf dem Schachbrett so ungeschickt wie ein Kleinkind. Und doch frage ich mich, warum nur wzei Propheten und nicht vier? Dann hättet Ihr Erfolg gehabt. Und nun, wo Ihr versagt habt, erleidet ihr die Schmach alleine. Doch Ihr hättet nicht so viel riskiert, ohne einen Ausgleich für Euren Schmerz zu bekommen. Irgend etwas entzieht sich meiner Aufmerksamkeit. Ich kannte Euch, bevor Ihr die Finsternis verfielt, bevor ich euch vertrieb, und ich kenne Euch zu gut, um Euch zu unterschätzen."

Nemeth schreibt über bittere Zeiten

Die Schreie befriedigten Nemeth nicht mehr, sie störten ihn nur noch, also befahl er, die Folter zu beenden. Mit müder Hande hob er seinen Stift und verfasste seinen neuesten bitteren Eintrag für die Schriften des Totenreiches.

"Unsere Armeen hätten erreicht, was von ihnen verlangt wurde, wäre Negral rechtzeitig auf dem Feld der Schwüre eingetroffen. Die Verzögerung verschaffte dem Wahrhaftigen König die Zeit, die er brauchte, um den Wall zu erreichen und unsere Invasion zu verzögern. Trotz seines strategischen Vorteils rieben wir ihn auf und standen kurz davor, seine Reihen zu durchbrechen, als Negrals Armee eintraf. Mit dieser Verstärkung hätten wir den Wahrhaftigen König sicherlich vernichtet, doch das Schicksal hatte sich gegen uns verschworen.
Die genauen Ursachen der Ereignisse, die dann folgten, liegen noch immer im dunklen, doch es scheint so, als wurden wir das Opfer eines merkwürdigen Naturphänomens. Berichte über verzauberte Wurzeln, die sich aus der Erde erhoben, sind sicherlich übertrieben, doch es steht fest, dass die Lakaien diesem ungewöhnlichen Phänomen zum Opfer fielen. Trotz dieser katastrophalen Wendung der Ereignisse gelang es unseren Streitkräften noch immer, das Schlachtfeld zu kontrollieren. Erst die Ankunft dieses Stammes der Hurengöttin wendete das Schicksal gegen uns, und unsere Armee musste das Schlachtfeld räumen. Sie marschierte in die Berge, wo sie auf Schwarzblüter und Elfen traf. Und so stiessen wir auf einem einzigen Feldzug auf den Widerstand aller Rassen der Welt. Die Stygianer bereiten uns noch immer Schwierigkeiten, und wir suchen noch immer nach einer Möglichkeit, sie zur Finsternis zu locken. Und die Zwerge, verflucht seien ihre stockigen Knochen, fanden einen verborgenen Pfad in eine der niedrigen Ringfesten, und sie werden nicht leicht zu vertreiben sein.
Sie jubeln über die Vorstellung, uns einen Schlag versetzt zu haben. Sie sollen ruhig glauben, sie hätten uns besiegt, doch ihr Jubel wird bald verstummen, denn während wir die Aufmerksamkeit des Wahrhaftigen Königs auf den Norden lenkten, konnten Aleha und Lokoth ihre Arbeit im Süden verrichten - unbemerkt.
Sollen sie über diesen flüchtigen Moment des Erfolges jubeln. Er wird nicht mehr als ein vergessener Traum sein, wenn wir unsere Fäuste ballen und ihre bedeutungslosen Nationen zermalmen. Denn die Zeit ist gekommen, und die Sonne wird untergehen und nie wieder am Horizont erscheinen. Dann wird der Fürst des Leidens in die Welt kommen und seine gläubigen Diener belohnen. Dann wird die Seele des Wahrhaftigen Königs unser sein."

Die Stimme Nemeths,
Eingebrannt in lebendes Fleisch, Auszug aus den Schriften des Totenreiches.
Nemeth überreichte dem Schriftsetzer das Manuskript. Der Prophet der Finsternis bestimmte persönlich den "Auserwählten". "Ein Zwerg", sagte er zu dem Hüter der Grube. Bei diesen Worten huschte ein finsteres Lächeln über Nemeths Gesicht. "Man kann die Worte um so viel tiefer in die Haut eines Zwerges brennen", dachte er.



"Oh wie sich der Blutthron über unser Unglück amüsiert. Es scheint beinahe so, als wäre der Adel oberflächlich, Nisar. Denn so sehr Ihr auch nach Grösse strebt, Euer Blut wird immer schwarz bleiben. Grösse wird nicht mit Gold gewonnen und auch nicht durch die schärfere Klinge. Und sie liegt auch nicht im Blut, denn ich habe den Puls vieler Herrscher gespürt. Grösse liegt in der Seele, und die Seele ist eine Konstante im Zyklus des Lebens. Also, Nisar, wenn Ihr jetzt keine Seele besitzt, werdet Ihr mit Sicherheit niemals eine erringen."

Depesche von Tarimek Asis

"Also, Bokhir. Der Statthalter bestätigt Eure Gerüchte über die Berserker. Sie erwecken Krieger aus ihren Gräbern, und die grünhäutigen Männer sind mehr als nur ein Mythos oder eine Legende. Sagt, wie ist Euch gelungen, als erstes zu dieser Information zu gelangen? Zweifellos durch den Orden des Leuchtenden Sterns, nicht wahr?"
"Ein Gefangener, Herr. Ein Elf aus dem Drachengrat-Gebirge. Wir hielten ihn für wahnsinnig und töteten ihn. Es scheint, als hätten wir ihm zu früh das Leben genommen."
"Ich würde das nicht über jeden Elfen sagen, Bokhir, aber vielleicht hätten wir von diesem mehr erfahren können." Der Ogerkaiser zögerte einen Moment. "Dieser Statthalter. Können wir diesem Asis trauen, Bokhir?"
"Er ist loyal bis in den Tod, mein Herr."
"Gut. Holt ihn an den Hof! Ich Ich weiss seine Loyalität zu schätzen und will ihn für sein gutes Urteil betreffend unsere Probleme in dem Verlorenen Land entlohen. Er würde einen guten Botschafter abgeben, oder?"
"In der Tat, mein Herr. Doch was wird aus den Nördlichen Provinz?"
"Wir werden einen anderen diese Pflicht aufbürden. Einem, der die Söhne des Kronos eher herausfordert, asntatt auf seinem Posten zu bleiben und sie zu bewundern. Die Nördliche Provinz wird noch eine Zeitlang in Gefahr sein, also müssen wir unsere Position stärken. Die Überbleibsel von Negrals Armee werden sie einen bitteren Pfad zu ihrer Brutstätte schlagen, und ich will nicht noch mehr Aussenposten an sie verlieren. Ausserdem gibt es eine Machtverschiebung in der Steppe, und wir sollten genau wie die anderen unsere Ansprüche durchsetzen. Ich bedauere lediglich, dass wir in den grossen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit keine grössere Rolle gespielt haben. Nach dem Bericht des Statthalters Asis zu urteilen, war die Schlacht um den Wall der Ahnen ein Augenblick grossen Ruhmes."
"In der Tat, mein Herr. Und wer hätte damit gerechnet, dass die Söhne des Kronos so eine Kraft aufbieten könnten?"
"Fürwahr, wer hätte damit gerechnet ..." Der mächtige Kaiser erhob sich von seinem Hof. Er schien nachdenklich zu sein. "Ich weiss, es ist unbesonnen von mir, Bokhir, doch es erfüllt mich mit grosser Freude, den Wahrhaftigen König in solcher Not zu sehen. Er wird noch dafür bezahlen, die verfluchten Stygianer geweckt zu haben. Unser Cousin Tabukhar scheint die Stygianer im Süden nicht in Schach halten zu können, und die "Echsenteufel" aus der roten Pyramide blockieren noch immer unsere Handelsrouten zu dem Feuerland."
"Er hätte beinahe den höchsten aller Preise bezahlt, ein Herr. Der Orden des Leuchtenden Sterns hat die Himmelskarten hinsichtlich der grossen Schlacht studiert, und die Gelehrten sagen, es gab keine wie auch immer geartete Neigung zum Sieg oder zur Niederlage. Sie sagen, ein solches Ereignis entscheide sich an dem Punkt der Wahl und stehe daher nicht in den Sternen geschrieben."
"Lies diesen Abschnitt aus dem Bericht des Statthalters noch einmal, Bokhir."
Der Grosswesir räusperte sich.
"Mit einer zweifellos mutigen, aber mit Sicherheit törichten Entschlossenheit stürmte der Wahrhaftige König auf die Horde der Lakaien zu, die ihn sicher vernichtet hätten, wenn nicht ..."
"Das reicht, Bokhir.
Die ihn sicher vernichtet hätten." Er grübelte, und seinen dunklen Augen sinnierten darüber, was hätte sein können.



"Wohl gehandelt, Zazen, und mutig. Ärgert Euch nicht über die Hilfe, die Ihr mir gabt, denn Ihr tatet es nicht für mich. Das Schicksal Eurer Rasse und der egsamten Welt stand auf dem Spiel, und ich weiss, ihr hättet mich sterben lassen, wenn der Preis nicht so hoch wäre.
Tatsächlich wette ich, dass die Versuchung für Euch trotz allem gross war. Hättet Ihr ohne mich gegen die Lakaien ebstehen können? Die Antwort lautet nein, hättet ihr nicht. Warum sonst sind sie zu mir gekommen und nicht zu Euch, mein gebrechlicher Gegner?"


Eine unbezahlte Schuld

Zazens Gemach war nach seinem Zornesausbruch neu eingerichtet worden, doch die Wände waren nicht renoviert worden. Er genoss das matte Leuchten des geschmolzenen Steins, denn die trübe Spiegelung war eine ständige Erinnerung an seine Schwäche und die Macht, die ihm dennoch unterstand. Er zögerte mit dem Öffnen der Schachtel, die vor ihm lag, denn sie stammte von dem Wahrhaftigen König. Und wer konnte wissen, welche Giftschlange im Inneren der Schachtel auf ihn lauerte? Widerwillig entfernte er die Verpackung aus Samt. Was im Inneren auf ihn wartete, traf ihn wie ein körperlicher Schlag. Es war ein höhnischer Scherz und eine edle Geste des Respekts zugleich. Es war der blaue Mantel des Kommandanten der Lakaien, des verlorenen Elfen aus dem Haus des Kristall-Lotus, der zu einem der Namenlosen geworden war. Zazen legte seine Hand auf den blutgetränkten Mantel und verfluchte den Wahrhaftigen König.

"Glaubt ja nicht, Ihr könntet Euch hinter diesem Zeichen des Anstands verstecken. Ich weiss, dass Euer Herz schwarz vor Hass auf mich ist, denn das gleiche gilt für mich. Die Entscheidung, Euch zu helfen, wird mich bis zu dem Ende meiner Tage verfolgen, und das Haus der Schwarzen Schlange wird mir niemals vergeben, dass ich mich gegen es stellte. Ich wählte das geringere der beiden Übel, als ich die Wahl hatte zwischen den Erstgeborenen und den Lakaien. Fürwahr eine schwere Wahl.
Es zerreisst meine Seele, dass die Welt so voller Feinde ist, dass die Gefahr einesa Bruderzwistes unter den Elfen noch immer so bedrohlich lauert. Zumindest beugt sich das Haus des Blutroten Phönix der Weisheit des Kristall-Lotus, auch wenn sich Valymir weigert. Die Garnision in der Inselstadt Solas ist stark dezimiert worden, doch sie berichtet, dass die Einstellung der Berserker sich von offener Aggression zu passiver Feindseligkeit gewandelt hat.
Es scheint fast so, als schätzen die Söhne des Kronos die Vorstellung von Blutsbande,d as aus dem Kampf gegen einen gemeinsamen Feind erwächst. Und das ist gut so, denn die Menschen aus der Steppe sind zahlreicher und mächtiger, als irgend jemand vermutet hatte. Doch die Söhne des Kronos hielten nichts von dem gedanken der Expansion. Sie versuchten nur, das Land zu beschützen, in dem sie geboren waren. Ein rauhes Land, doch gefüllt mit Schönheit und Macht. Ich wundere mich, dass der Wahrhaftige König es nicht für sich beansprucht hat. Doch ich weiss auch, dass er viele Jahre lang unter den Berserkern gelebt hat. Sicherlich war er sich über die Stärke im klaren, und nun schützten sie seinen Rücken vor den Lakaien - gegen alle, die aus dem Norden kommen würden.

Jeder Schlag und jede Wendung des Schicksals erwies sich zu seinen Gunsten. Doch dieses Kapitel wurde durch die Gnade unseres Hauses geschrieben, und das werde ich ihn niemals vergessen lassen. Die Welt war in Konflikte getaucht, und auch in der Zukunft sollte es noch genügend Auseinandersetzungen geben, bei denen er die Schuld der Vergangenheit bezahlen kann. Und er wird bezahlen, das schwöre ich. Und er kann versichert sein, diesmal wird nicht er den Zeitpunkt bestimmen.
Schlaft gut, grosser König, denn Ihr werdet niemals wissen, wann das Rad des Schicksals von Euch verlangt, den Preis zurück zu zahlen. Und bei all Eurer verachtenswerten Arroganz bin ich mir sicher, dass Eurer Stolz es Euch verbieten wird, Eure Pflicht zu leugnen."



"Es ist ein grosser Fehler, Widerwillen mit Geduld und Sturheit mit Vorsicht zu verwechseln. Es ist ein grosser Fehler, die Zwerge zu unterschätzen. Während wir um jede Meile Land kämpfen, bewegen sich die Zwerge ungehindert unter unseren Füssen. Während wir unsere Bauern verlieren und grössere Figuren einsetzen, manövrieren sie ihre Figuren in eine günstige Stellung. Dieser Graugon Kag'n führt die Zwerge mit eisernem Willen, denn er ist nicht von geringerer Grösse als sein Vater Kahlin Kag'n."

Die Zwerge kehren in den Norden zurück

Die Ratskammer vibrierte beim Klang der Jubelrufe der Zwerge, und Graugon Kag'n liess sie diesen Moment des Sieges geniessen. Bald würde er sie zur Ordnung rufen.
"Hört mich an, grosse Hochkönige. Wir waren erfolgreich, und unser Dank gilt den Gehörnten, denen es gelang, die Ringfeste Nemeths schwarzen Klauen zu entreissen."
Das Oberhaupt des besagten Clans applaudierte bei diesem Dank, und Kag'n lächelte, als er die Eintracht der Clans wahrnahm.
"Ja, wir waren erfolgreich, und nun müssen wir unsere Stellung festigen, bevor wir unser Reich weiter ausdehnen."
Auf einmal verstummten die Beifallsrufe, und Misstrauen durchdrang die Luft.
"Heisst das, Ihr wollt das Labyrinth noch immer geschlossen halten?"
Kag'n blickte um sich und sah steinerne, anklagende Gesichter.
"Ja, so ist es."
Die Reaktion fiel erwartungsgemäss aus.
"Wie könnt Ihr es wagen?" polterte der Anführer des Wolfsclan. "Erst öffnet Ihr die Krallenportale in der Wüste, und dann öffnet Ihr das Labyrinth der Gehörnten. Was ist mit dem Rest von uns, wir leiden nicht weniger als die anderen."
Der Hochkönig der Dunklen Hauer atmete tief durch.
"Aber ich habe das Labyrinth der gehörnten nicht geöffnet."
"Was?" Der Hochkönig der Gehörnten sprach leise, doch seine Stimme drang durch die gesamte Kammer.
"Das Labyrinth bleibt geschlossen. Es werden nur die Routen geöffnet, die dazu dienen, unsere Position zu stärken."
Der Anführer der Gehörnte platzte beinahe vor Wut.
"Es waren die Zwerge meines Clans, die den Lakaien die Ringfeste entrissen. Wie könnt Ihr es wagen, uns die Belohnung für unseren Sieg zu versagen?"
"Und welcher Clan öffnete die Route in den Norden? Welcher Clan verbrachte Monate damit, das Reich zu erkunden, das wir verloren hatten? Welcher Clan verlor mehr als alle anderen, um die Stellen mit der geringsten Gegenwehr zu finden?"
In der Kammer herrschte Schweigen, denn Kag'n beanspruchte niemals Anerkennung für seine Leistung. Und man zollte Respekt für seine Bescheidenheit, denn sie fiel einem Zwerg nicht leicht.
"Bruder der Wölfe", fragte er mit erschöpfter Stimme, "Wie viele Eurer Kriege fielen bei den Toren von Totengraft?"
Der Anführer des Wolfsclan errötete vor Unbehagen.
"Beinahe eintausend", gab er zu, "doch woher sollten wir wissen, dass in den grossen Höhlen eine stygianische Pyramide lag?"
"Ganz genau, Bruder: Ihr konntet es nicht wissen. Und ebensowenig kann irgend jemand von uns die Folgen voraussehen, die auf uns warten, wenn wir das Labyrinth öffnen, bevor wir stark genug sind, um es zu kontrollieren."
"Was schlagt Ihr also vor?" fragte der Anführer der Gehörnten, und Kag'n respektierte die Überwindung, die ihm diese Frage gekostet haben musste.
"Ich schlage vor, dass die Gehörnten Nemeth im Norden eien weitere Ringfeste abnehmen. Ich schlage vor, dass sie nicht ruhen, sondern unermüdlich daran arbeiten, das eroberte Gebiet zu sichern, wenn wir unsere Stellung nicht ein zweites Mal verlieren wollen."
Durch die Kammer hallten einige zustimmende Rufe, und die nüchternen Zwerge nickten immerhin.
"Und dann sollten wir weiter in die Ferne blicken. Bald wird es an der Zeit sein, in die Dschungel der östlichen Länder vorzudringen, deren grosse Höhlen reich an wertvollen Erzen sind. Dann, wenn unser Reich alle Ecken des Landes umfasst, werden wir das Labyrinth öffnen und der Welt eine andere Welt zeigen, in der wir Zwerge die unbestreitbaren Herren sind."



"Wir werden uns nicht wieder begegnen, Grosse Mutter ... zumindest nicht in diesem Leben. Die Herrscher dieser Welt verfluchen aufs neue meinen Erfolg. Doch die Geschichte wird nicht von Vorurteilen und Hass besudelt blöeiben. Letzendlich wird sie nur von dem Tag berichten, dem grossen Tag, an dem ein kriegsherr der Söhne des Kronos zu einem verzweifelten Schlag gegen die verdorbene Finsternis ausholte und dabei sein Leben verloren hätte, wäre da nicht der Stamm der Göttin und ihre Matriarchin gewesen."

Im Herzen der Steppe

Die Matriarchin bestieg den Gipfel des Berges und stand neben dem grossen Steinen. Die untergehende Sonne schien golden am Horizont, doch die Luft war klar und eiskalt. Sie strich mit ihrer Hand über die jüngste Narbe auf ihrer Brust. Nachdem sie so lange den Hass auf den Wahrhaftigen König in ihrem herzen getragen hatte, fiel es ihr schwer, ihn weichen zu lassen. Sie verfluchte ihn noch immer dafür, die Stygianer erweckt zu haben, denn sie konnte das Land nicht für immer durch den Winter schützen.
Sie konnte gerade noch die weit entfernten Berge ausmachen, die das Heilige Tal umschlossen. Dort war es ihnen gelungen, die Stygianer in Schach zu halten, doch sie wendete ihren Blick nach Nordwesten, in die Richtung der Trauerfälle, des grossen Wasserfalls, der mehrere hundert Ellen in die Tiefe stürzte. Ein Ort der Besinnung. Wer hätte vermutet, dass hinter dem donnernden Wasser eine stygianische Pyramide lauerte? Ihren Kriegern war es im Kampf gegen die Stygianern nicht gut ergangen.
Moriath hörte ein raschelnde Bewegung und drehte sich in die Richtung der Klingenfurie, die sie als Kundschafterin in die Steppe geschickt hatte.
"Hat er unser Reich verlassen?" fragte sie augenblicklich.
Die Klingenfurie verbeugte sich kurz und stellte sich an die Seite der Matriarchin.
"Ja, Grosse Mutter. Er verliess unser Reich, ihne auch nur eine Stunde zu zögern. Nur die Krieger der Dämmerung sind geblieben. Ihr Stamm versucht, im Osten des Dreifachen Sees wieder zu Kräften zu gelangen. Auch die übrigen Angehörigen des Stamms der Dämmerung verlassen ihre Heimat im westen, denn das Land dort scheint ebfleckt zu sein, unrein. Sie hegen keinen Groll gegen diejenigen, die ihre grosse Stadt aufgegeben haben. Statt dessen scheinen sie eher enttäuscht zu sein, nicht selbst auf dem Feld der Schwüre gekämpft zu haben."
"Und das sollten sie auch", sagte die Matriarchin streng, "denn es war eine ruhmreiche Schlacht." Sie wusste, dass der Stamm der Dämmerung um Nuria trauern und den Tag der Niederlage niemals vergessen würde, doch sie wusste, dass es keinen Zweck hatte, sich nach dem Vergangenen zu sehnen. Denn der Lauf der Natur ist ein ewiger Zyklus von Wachstum und Verfall.
"Was ist mit dem Stamm des Schattens und den Lakaien?" fragte sie.
"Die Lakaien wandern überall in Gruppen durch das Land, sowohl in kleinen als auch in grossen Meuten. Sie kämpfen wie in die Enge getriebene Tieren und werden uns weiteren Schaden zufügen."
Die Matriarchin war noch immer erzürnt, weil so viele von ihnen von dem dem Feld der Schwüre entkommen waren, doch die Armee war riesig, und die Lakaien waren mitnichten schwache Gegner.
"und was den Stamm des Schattens betrifft", setzte die Klingenfurie ihren Bericht fort, "er hat fürchterliche Verluste hinnehmen müssen, denn er hat sich auf leere Versprechungen eingelassen. Ihm gehört nun Nuria, wie man es ihnen versprochen hat, doch Nuria besteht nur noch aus Geröll und rauchenden Ruinen. Doch die Versuchung der Finsternis sitzt noch immer tief in ihren Herzen, denn sie sind ehrgeizig und überheblich."
"Gibt es Neuigkeiten über den Steinraben?"
"Nein, Grosse Mutter. Er zog in die Steppe. Man erzählt, er ging mit den Viridianischen Fürsten."
Die Matriarchin lächelte über das Gerücht.
"Wie auch immer", sagte sie, "der Rabe hat eine grosse Seele und er selbst muss seinen Pfad wählen, wie auch wir den unseren gewählt haben. Zumindest haben wir unseren König der Sieben Winter: Kilnarach der Schwarze Hirsch ist nun der Ard-Rhy. Er soll sieben Jahren regieren. Und am Ende seiner Herrschaft wird er sich das Leben nehmen, auf dass seine Seele dorthin zurückkehren mag, woher sie einst stammte."



Epilog

"Drei Ziele gilt es zu erreichen:
Eine Entscheidung, die die Forderung aus dem Weg räumt, die zwischen uns steht.
Eine Bindung, die ihn zu der Einsicht bringt, dass er nicht ohne uns bestehen kann.
Und Vergeltung für das Verbrechen, Gewalt über unser Land zu bringen.

Freier Wille: die Nemesis der Prophezeiung. Gäbe es nicht die Freiheit der Wahl, die Zukunft wäre festgeschrieben wie die Vergangenheit. Und wo die Prophezeiung versagt, muss Urteilsvermögen genügen. Doch Urteilsvermögen lässt sich nicht in Ellen messen und gibt keine vollständigen Hinweise auf die nahende Gefahr. Urteilsvermögen hängt von dem Herzen und dem Verstand ab sowie von den Motiven, die sie antreiben. Diesmal diente mir das Urteilsvermögen gut, und ich erreichte alle meine Ziele. Doch wenn ich schlafe, sehe ich die Runen Nurias; sehe ich mich, wie ich bei einem Feind in tiefer Schuld stehe, der mich vernichten will und von dem ich auch nichts anderes erwarte - denn alle Ziele haben ihren Preis.

Dieser Sieg durch Loyalität und Respekt errungen. Die Loyalität derer, die uns dienen; und den Respekt von einer Macht, die man nicht unterschätzen darf: der Macht der Erdgöttin und der Söhne des Kronos, die in ihrem Namen kämpfen. Ihr Geist ist mächtig, und ich bin stolz, ihr Erbe in meienr Seele zu tragen. Doch mein Schicksal darf nicht durch traditionen ebschränkt werden. Zu einer anderen Zeit, in einer anderen welt, da würde ich mit den Söhnen des Kronos reiten und mit Kilnarach dem Schwarzen Hirsch um den Titel des Hochkönigs kämpfen. Zu einer anderen Zeit, in einer anderen Welt, da würde ich nicht die Bürde des Schicksals der Welt und jeder lebenden Seele, die in ihr lebt, auf meinen Schultern tragen.
Soviel zu dem, was sein könnte. Es spielt keine Rolle, was unser Herz begehrt, denn unter all diesen existierenden Möglichkeiten gibt es nur eine, die ich will. Und ich werde nicht versagen, ich darf nicht versagen, wenn ich meine eigene Zukunft schaffe.

An den Säulen der Zeit steht mein Erster Diener Montadimus als Wache. Wie ein massiver Fels des Glaubens, der mich in Zeiten des Zweifels trägt. Seit einer Ewigkeit erfüllt er seine Aufgaben und er wird sie eine weitere Ewigkeit erfüllen. Doch ich weiss, und die Erdgöttin weiss, dass, wenn ich einen erwähle, der dient, wenn andere zweifeln, der steht, wenn andere stürzen, einen, dessen Stärke niemals versagen wird, ich ein Kind der Steppe wählen werde, einen Sohn des Kronos, einen Krieger der Berserker. Ich wähle Montadimus El'Ildanach, denn während ein Krieger Zeit zum Atmen hat, ist es seine Pflicht zu kämpfen und nicht aufzugeben."


© Copyright 2001 - 2007 Chronopia Deutschland. All rights reserved. Impressum