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Blumen aus Träumen und anderen Schreckgespinsten

Quelle: Chronicles - Die neue Ära #1
Autor: Mark Brendan

Silberne Lichtfinger schwangen durch das dichte Dschungeldach des Verlorenen Landes wie Himmelslianen. Ihr unwirkliches Strahlen inmitten der dichten Dunkelheit des Waldbodens schnitt durch gleißende Wolken aus Pollen und Sporen und hauchte der Luft selbst Leben ein. Die wächsernen Blätter des Unterholz glänzten, als wäre der Dschungelwuchs mit Diamanten besetzt. Das konstante Summen und Trillern der uferlosen Fauna und die allgegenwärtigen Insekten verliehen der Szenerie eine fast hypnotische Wirkung.
Die versunkene Schönheit der Lichtung ging an Ginka und Te jedoch völlig verloren. Die beiden jungen Brüder des Malovanti-Stammes hatten ihr gesamtes Leben in diesem trügerischen Paradies verbracht, und sie nahmen nur die Gefahren und Hindernisse wahr, die der Dschungel auf jedem Tritt und Schritt bereithielt. Sie hatten erst kürzlich die Initiationsriten ihres Stammes gemeistert und galten nun als Erwachsene. Wie alle jungen Erwachsenen waren sie zunächst in den Reihen der leichten Speerkämpfer des Stammes aufgenommen worden. Ginka und Te waren auf einer wichtigen Mission für ihren Kampfverband. Sie sammelten das Mittagessen für Einheiten der Sumpf Goblins, die mit ihnen in der Gegend stationiert waren, die die anderen Rassen den Rand der Welt nannten.
Die schweigsamen Brüder bahnten sich vorsichtig und wachsam ihren Weg durch die verschlungenen Wurzeln gigantischer Myriaden von Lianen und kaum durchdringlichem anderen Gewächs, ständig darauf bedacht, die gefährlichen giftigen und fleischfressenden Pflanzen zu umgehen, die praktisch überall lauerten. Es gab Pflanzen, die ihre giftigen Dornen bis zu zehn Meter weit schleudern konnten, von den Fallgruben der wirklich großen fleischfressenden Flora ganz zu schweigen. Die ganze Zeit hielten Ginka und Te mit ihren scharfen Augen Ausschau nach allem, was der Dschungel ihnen als Beute anzubieten hatte. Ihre Madibelspeere dienten ihnen als Wanderstöcke auf dem beschwerlichen Weg durch das feuchte und verklebte Gestrüpp, und ihre Chitinschilde waren die Körbe, in deren Schalen sie Haufen von Wurzeln, Beeren, saftigen Blättern sowie frische Larven, Maden und Käfer einsammelten.
Ein plötzlicher Ausbruch von Bewegung vor ihnen ließ die beiden Sumpf Goblins erstarren, und nur die schwarzen Stecknadeln ihrer Pupillen in den gelben Schlitzen ihrer Augen ruckten noch hektisch hin und her. Die Quelle der Unruhe war ein Schwarm von leuchtend bunten Geiern, der sich kreischend und protestierend gen Himmel erhob. Mit einem schnellen Nicken beschlossen die Brüder lautlos, den Jäger, der die Geier aufgestört hatte, in Ruhe zu lassen und woanders nach Nahrung zu suchen. Zuviel Neugier war nicht gut in diesem Dschungel.
Sie hatten kaum zwei Schritte getan, als ihnen der Dschungel ins Gesicht explodierte. Zur linken der Brüder brachen vier Jäger des feindlichen Stammes, der Zagnesti, aus dem Unterholz. Ihr Netz senkte sich schon über Ginka, bevor dieser überhaupt mitbekam, daß sein Bruder zu Boden ging, gefällt von einem kruden Blasrohrpfeil. Die Eintrittsstelle an Tes Kehle verfärbte sich dunkelblau und seine Augen traten tief aus den Höhlen hervor. Sein verzweifeltes Krächzen wurde von dem Knall übertönt, mit dem sein toter Körper auf dem Boden aufschlug. Der Proviant für seine Stammesmitglieder verteilte sich auf dem Boden, doch zwei Jäger begannen ohne zu zögern, die kostbare Nahrung aufzusammeln.
Mit dem fest verschnürten Ginka in ihren Netzen verschwanden die Zagnestijäger kaum eine Minute später so spurlos in der grünen Hölle, wie sie gekommen waren. Sie verschwanden in die Richtung, die zu meiden Ginkas und seines verstorbenen Bruders letzte freie Entscheidung war, und diesmal gab es kein Entrinnen mehr für Ginka.

Unter den Bäumen, von denen die Geier aufgeschreckt waren, befand sich eine Lichtung, und hier hielten Ginkas Häscher an. Als er sah, welches Schicksal ihn erwartete, begann der gefesselte Malovanti sich zu winden und an seinen Fessel zu reißen, sie durchzuscheuern und an ihnen zu nagen, denn inmitten der Lichtung lagen zwei gigantische geflügelte Reptilien. Es konnte keinen Zweifel geben. Elfenkrieger in den brutalen, nichtdestoweniger eleganten Rüstungen des Jadehauses traten vor, um die Zagnestijäger zu begrüßen. Ginkas Verstand rotierte angesichts dieser verrückten Situation. Alle Warnungen dagegen, jemals einem Elfen zu vertrauen, waren mit einem Schlag wahr geworden. Sie waren seelenlose Söldner, die für den Gelben Lotus, von dem ihre Art abhing, alles tun würden. Doch was in des Dschungels Namen konnten sie mit ihm wollen?
Eine hühnenhafte Himmelsstürmerin trat vor den zusammengesunkenen Haufen von Jägern, dessen Anführer das Wort erhob, während die Elfe scheinbar unbeteiligt abwartete.
"Jadeelf, hier ist Euer Gefangener. Wie versprochen." Dann nahm der Zagnesti drei Beutel von seinem Gürtel ab und gab sie der Himmelsstürmerin. "Und hier ist der Gelbe Lotus. Damit ist unser Handel vollständig."
Der Elfe lächelte humorlos, während ihre Augenbrauen in Erwartung des Lotus eine Winzigkeit nach oben wanderten. Mit einer Hand bedeutete sie ihren Männern, näherzukommen, ohne sich umzudrehen.
"Sehr gut, Mem. Dies hier sind die Söldner, um die du gebeten hast." Sie deutete auf die vier elfischen Axtkämpfer. "Sie werden dir im Kampf gute Dienste leisten. Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, werde ich mehr Kämpfer mitbringen, und du wirst mir zwei Gefangene und sechs Beutel Lotus überreichen. Hast du verstanden?"
"Ja. Ein gutes Geschäft, Elf." Der Sumpf Goblin wich zwei Schritte zurück und bedeutete den elfischen Axtkämpfer, ihm zu folgen. Gemeinsam verschwanden die Zagnesti und die Axtkämpfer im Dschungel und ließen den hoffnungslos in seine Fesseln verwickelten Ginka zurück.
Nur die beiden Himmelstürmer blieben von der elfischen Delegation zurück, und sie hielten einen Moment lang inne, um einen der Lotusbeutel zu öffnen. Sie wählten zwei reife Blüten aus, ließen sie langsam in ihre Münder gleiten und schluckten schließlich bedächtig, sogar andächtig. Fast sofort verschwanden die harten Linien auf den Gesichtern der Elfen, die ihre Anspannung und Erregung, und ihre Züge wurden weich und träumerisch.
"Wieder einmal erste Ware, nicht war, Valon?" fragte der Elfe, die den Handel mit den Goblins abgewickelt hatte.
"In der Tat, Strix. Es sollte unseren Zwecken zu dienen tatsächlich hervorragend geeignet sein. Doch nun zu unserem kleinen Freund hier." Mit diesen Worten wandte er seinen kalten Blick dem gefesselten Sumpfgoblin zu.
"Unser kleiner Freund." Der andere Elfe kicherte auf einmal wie ein kleines Mädchen.
Valon stieß zu den beiden und beugte sich über Ginka, der sich sofort zu einem Ball zusammenrollte und wegduckte.
"Was ist los, mein kleiner Freund?" fragte Valon und stach dem wehrlosen Ginka seinen langen Zeigefinger in den Rücken. "Hast du etwas zu verbergen?"
"Mein Bruder ist wegen Euch getötet worden!" stieß Ginka hervor. "Eines Tages werde ich Euch töten!"
Strix heulte vor Lachen wie ein tollwütiges Tier, und Valon kringelte sich, als stünde er kurz davor, die Kontrolle über seine Blase zu verlieren. Während das laute Lachen der Elfen nur langsam erstarb, sah Ginka, wie es von einem üblen Leuchten in den Augen der Elfen abgelöst wurde. Dann stieß eine der Drachenreißer ein ohrenbetäubendes Heulen der Ungeduld hervor, was die Elfen für den Moment ablenkte. Selbst Strix wurde wieder sachlich und kniete sich neben den Gefangenen, um ihn abzuklopfen und nach versteckten Waffen zu durchsuchen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, trug sie Ginka hinüber zu ihrem Reittier, an dessen Sattel und Zaumzeug sie den Sumpfgoblin mit geübter und harter Hand festband.
Ohne Vorwarnung schwangen sich die Elfen dann selbst in ihre Sattel, und Strix schrie gellend: "Jiippiieee!"
Mit einem trockenen Flappen ihrer riesigen ledernen Flügel erhoben sich die Monstren in die Luft und stiegen gemächlich in Richtung des scheinbar endlos weiten blauen Himmels auf, der zwischen den Wipfeln gerade einmal zu erkennen war.

Der Nachthimmel über der Stadt der Türme war pechschwarz, gesprenkelt mit Tausenden und Abertausenden von Sternen, und die beiden Himmelstürmer lenkten ihre Flugbestien über die Wipfel der Palisadenberge und begannen mit einem leichten Sinkflug. Die phantastische Architektur der Jadeelfen erhob sich majestätisch über die Spitzen der Berge, als wollten ihre Türme den Himmel selbst aufspießen und so zwingen, seine Geheimnisse hinabzubluten.
Ginka konnte kaum atmen, so hart und laut war das Tosen des Flugwindes und seine Angst vor der schieren Höhe und Geschwindigkeit. Fast schien es ihm, als würde das Wasser, das aus seinen Augen lief, durch den Wind wieder zurück in die Höhlen gezwungen.
Die beiden Lenker der Drachenreißer steuerten die Freudenschreie ausstoßenden Monstren in engen Kurven durch die Schluchten zwischen Türmen und Zinnen, und mehr als einmal hatten die Flugbestien kaum mehr als einen Meter Platz auf jeder Seite ihrer Flügel. Endlich schienen sie das Ziel ihrer Reise zu erreichen, denn die Bestien kreischten ein letztes Mal ihre Begeisterung in die Nacht, als sie endlich zum Landen ansetzen durften, in schwindelerregender Höhe eines schmalen Vorsprungs am Rande eines größten Türme der Stadt. Sofort nach der Landung krochen die Drachenreißer durch den niedrigen Eingang, sich mit ihren Flügeln und den kurzen Hinterbeinen abstützend wie riesige Vampirfledermäuse. Ginka fürchtete so sehr, zwischen den enormen Reittieren der Elfen und dem harten, kalten Stein zerquetscht zu werden, daß er gellend aufschrie, doch sein Ende ließ weiter auf sich warten. Nachdem sie den engen Tunnel durchquert hatten, gelangten sie in eine riesige Halle, in der Dutzende der Flugbestien auf Galerien hockten und ihre Gefährten mit ohrenbetäubendem Gebrüll begrüßten, und die Kreatur richtete sich wieder auf. Die Hitze und der Gestank der saurischen Exkremente hätte die meisten Außenseiter sofort überwältigt, doch Ginka hatte in der Gluthölle des Dschungels und seinen Sümpfen schon weit schlimmeres durchgemacht. Doch selbst er fand die Atmosphäre mehr als ungemütlich.
Diener strömten von allen Seiten hervor, um den ermatteten, doch jubilierenden Himmelstürmern zu Diensten zu sein, und Glinka wurde unsanft von seinem Monstrum losgebunden, damit das Tier weggeführt und gefüttert werden konnte. Während man seine Netze entfernte, kam eine andere Elfe dazu, offensichtlich von hohem Status, vermutlich eine der legendären Lotushexer, jedenfalls ihrer bestickten Smaragdrobe nach zu urteilen. In ihren schlanken, beringten Fingern trug sie zwei juwelenbesetzte Trinkschalen, und ihre bleichen, vollen Lippen ersprangen zu einem verschlagenen Grinsen und perlend weißen Zähnen, als sie Ginka auf dem Boden zwischen den Sklaven liegen sah.
"Gegrüßt, Strix, Valon", sagte sie und reichte den beiden Himmelsstürmern je eine der Trinkschalen, aus denen die beiden tiefe Züge nahmen.
"Ein wahrlich belebender Trank, Erisyan. Wie habt ihr den Lotus diesmal zubereitet?"
"Nun, Valon. Ich ließ die Blüten im Saft der Adrenalindrüsen unserer Drachenreißer tränken, bevor sie gemahlen und dem Wein hinzugefügt wurden. Die Essenz ist erhalten und rein, wie Ihr es liebt."
"Wahrlich exzellent. Es wird Euch zweifellos freuen zu erfahren, daß wir in der Lage waren, einige frische Blumen mit nach Hause zu bringen, samt der intakten Wurzeln für Eure Experimente", fügte Strix hinzu und bedeutete Valon, ihr die Beutel zu überreichen.
Erysiyan nahm die Lederbeutel an sich und löste vorsichtig die Bindung des Ersten. Während sie den Duft des Beutels inhalierte, trat ein Ausdruck der Ruhe und Abgeschiedenheit auf ihre Züge, und sie hauchte kaum hörbar das Wort: "Perfekt."
"Sofort ins Laboratorium damit." Sie fuhr herum und richtete ihre kalten Augen auf die anderen Sklaven und Ginka. "Folgt mir und nehmt dieses Wesen mit euch."
Der Sumpfgoblin versuchte vergeblich ein weiteres Mal, seinen Fesseln zu entkommen, sicher, daß er nicht zu wissen brauchte, was ein Laboratorium war, um dort nicht hin zu wollen.
"Das werdet ihr nicht tun." Er schrie, als die Sklaven ihn überwältigten. "Ich werde euch alle töten oder es versuchen und dabei selbst sterben"
Ein Schlag mit der Rückhand eines der größeren Sklaven raubte ihm für einen Moment die Sinne, und bevor er erneut gegen ihre gnadenlosen Hände ankämpfen konnte, spürte er, wie ihm ein Leinensack über den Kopf glitt und am Hals festgebunden wurde. Ohne Sicht wurde Ginka sofort still, genau wie die meisten Kreaturen, die ihres primären Sinnes beraubt sind. Er hörte auf, zu treten, kratzen und zu beißen, und ergab sich den zwei Dienern, die seine Rüstung entfernten und ihn zwischen sich trugen.

Als ihm der Sack von den Augen glitt, blinzelte Ginka angestrengt in die Helligkeit und brauchte einen Moment, um seine Nerven zu zwingen, ihm ein klares Bild von seiner Umgebung zu vermitteln. Er lag in einem großen Eisenkäfig, und der Diener, der gerade seine Fesseln löste, zog sich sofort aus dem Käfig zurück, bevor Ginka wieder so sehr zu Bewußtsein kam, daß er die Stiuation hätte ausnutzen können. Mit einem Krachen fiel die eiserne Gittertür ins Schloß, und der große Schlüssel drehte sich klickend und metallisch in seinem Schloß.
Der Malovanti befand sich in einer langgezogenen, niedrigen Steinkammer, und an einer der Wände befand sich neben dem seinen noch eine Anzahl von weiteren Käfigen. Die meisten waren leer, doch zwei Käfige weiter saß ein anderer Sumpfgoblin an der Rückwand seiner Zelle. Sein Kopf hing fast auf seinem Schlüsselbein, und ein langer Faden von Geifer hing an seinen blutleeren Lippen und führte zu einer kleinen Pfütze auf seinem Bauch. Mehrere Käfige weiter versucht ein weiterer Sumpfgoblin scheinbar mit bloßen Händen, die Steine im Boden seines Käfigs herauszukratzen. Selbst aus der Entfernung konnte Ginka das Blut an seinen Händen und den Dreck an seinem Körper sehen. Am Ende der dreieckigen Kammer befanden sich mehrere Reihen der gelben Lotusblume in einem Becken mit Muttererde, und über ihnen hing an einem Fleischerhaken der Körper eines weiteren Sumpfgoblins. Seine Kehle war irgendwann durchgeschnitten worden, und die Tropflinien waren längst eingetrocknet und verkrustet. Die Pflanzen darunter sahen verdorrt und alt aus.
An der gegenüberliegenden Wand befand sich eine lange Planke, auf der Phiolen und Gläsern mit seltsamen Flüssigkeiten und Pulvern, ein großer Glaskolben mit dem zweiköpfigen Fötus einer Ziege, Stößel und Mörser aus dem Schädel eines Elfen und so weiter. Auf der Bank am entfernten Ende des Raumes befand sich die bislang schlimmste Grausamkeit dieses Horrorkabinetts: ein immer noch lebender Sumpfgoblin starrte Ginka mit flehenden Augen an, gefesselt mit dicken Lederriemen. Lange, horizontale Schnitte waren an seinem Rücken zu sehen, und aus ihnen quoll Erde hervor, in denen die gelben Lotusblüten der Elfen steckten. Genau wie die Pflanzen unter den aufgehängten Leichen, so waren auch diese tot und verdorrt.
Ginka sank angesichts dieser Szenerie in sich zusammen, und schließlich begannen seine Augenlider zu zittern vor lauter Erschöpfung und Furcht.
"Was versuchen sie nur zu erreichen? Wissen diese Elfen nichts über den Lotus?" fragte sich Ginka. Obwohl er das schamanische Geheimnis ihres Anbaus nicht selbst kannte, wußte er, daß diese makabre Pfuscherei der Jadeelfen ihnen nichts bringen würde, denn die Pflanze wuchs nunmal einfach nicht außerhalb des Verlorenen Landes.
Erysian kam zu seinem Käfig und starrte ihn durch die Gitterstäbe hinweg an.
"Gut. Schlaf, solange du kannst, Kreatur. Denn morgen wirst du uns zu Diensten sein."

In der Nacht träumte Ginka davon, wieder zurück in seinem Dschungel zu sein. Er scherzte und lachte mit seinem Bruder und anderen Angehörigen seines Kampfverbandes, während sie um ein kleines Feuer herumsaßen und Käfer über den züngelnden Flammen rösteten. Dann tranken sie den Saft des Gelben Lotus, bis sie alle fröhlich und schließlich schläfrig wurden.
Ein hartes, metallisches Klappern riß ihn aus seinem Reich der Ruhe, und seine Augenlider öffneten sich ein weiteres Mal, um die schrecklichen Szenerie seiner Gefangenschaft wie Schmerzimpulse an sein Bewußtsein zu leiten. Eine stählerne Schüssel mit dampfendem Brei war unter seiner Zellentür durchgeschoben worden, doch Ginka hatte keinen Appetit. Er war fiebrig und krank und blieb zitternd und schwitzend in der Ecke seines Käfigs liegen. Jede Faser in ihm sehnte sich nach den süßen, heilenden Blüten des Gelben Lotus, nach der lieblichen Linderung allen Leidens. Nie zuvor hatte Ginka so lange ohne die Gelben Lotusblüten auskommen müssen, denn selbst in den Brüsten seiner Mutter in ihrem Leib war ihre Essenz konstant geflossen. Er brauchte es wie die Luft zum Atmen, und es gab keinen Ersatz dafür.
Die nebulöse Gestalt Erisyans driftete in sein Wahrnehmungsfeld, doch ihr Bild verlor sofort die Schärfe.
"Keinen Hunger, hmm?" fragte sie. Nun, später habe ich etwas, das du mit Sicherheit herunterschlingen wirst, als wäre es deine erste Mahlzeit seit Wochen."
Ginka betrachtete sie durch die Schlitze seiner halb verschlossenen Augen, als sie zu der Bank hinüberglitt und mit dem grauenhaften Stößel und Mörser arbeitete. Seine Stimmung erhellte sich ein wenig, als seine wildnisgeschärften Sinne den Duft frisch zerstoßener Lotusblüten wahrnahmen, und Ginka schleppte seinen zitternden Körper zur Front des Käfigs, um Erisyan beobachten zu können.
Etwas später betraten Valon und Strix das Labor, geführt von einem Diener Erisyans. Beide strahlten förmlich und hatten offensichtlich einen anregenden Abend in des anderen Gesellschaft genossen.
"Wir kamen nur vorbei, um Euch zu einer herausragenden Mischung zu gratulieren und um zu sehen, wie es unserem Gast geht.", sagte Valon.
"Genau", fügte Strix hinzu. "Das Adrenalin der Drachenreißer war ein Geniestreich, dadurch bekam die Erfahrung eine Qualität, an die ich mich noch lange erinnern werde."
"Nun, vielen Dank. Was die Kreatur in unserer Zelle hier angeht, ich habe ihn noch nicht benutzt, aber ich habe etwas besonderes mit ihm vor."
"Ach, tatsächlich? Und?"
"Nun, nehmt Platz und ich werde versuchen, es Euch verständlich zu machen. Außer den Anbaumethoden, die auf Blut und lebenden Fleisch von Sumpfgoblins basieren, wie Ihr hier seht, habe ich noch in einige andere Richtungen geforscht, denn bislang konnte ich nicht ergründen, was das Geheimnis ist, das diese beiden Arten verbindet ..
Nehmt beispielweise diese beiden Goblins in den anderen Käfigen. Derjenige am Ende wurde mit einer konzentrierten Dosis des Gelben Lotus gefüttert, gemischt mit Auszügen des Roten und einigen Katalysatorreagenzen. Wir haben versucht, die bewußtseinsverändernde Wirkung des Gelben mit der Elementarwirkung des Roten zu kombinieren. Es ist zwar nicht der Effekt eingetreten, den ich mir erhofft hatte, doch bestimmte Verhaltensmuster des Goblins haben sich tatsächlich verändert. Er scheint schier auszubrennen. Momentan verbaucht er seine Energie mit einer Geschwindigkeit, die er bis heute Abned auf keinen Fall durchzuhalten kann. Er wird sterben.
"Bei allen Herzögen!" rief Strix. "Irre ich mich, oder versuchst du tatsächlich, zu den Elementarebenen vorzudringen, ohne unsere Lotushexer?"
"In der Tat, Strix. Dieser hier in der Mitte wurde mit einer Mixtur aus Gelbem und Blauen Lotus gefüttert, und seine Körperfunktionen sind eingefroren. Wenn ich nur einen Weg finden könnte, diese Veränderungen kontrolliert und vorhersehbar einzusetzen ... könnt Ihr Euch die Anwendungsmöglichkeiten überhaupt vorstellen?"
"Das Jadehaus wäre imstande, ganz Chronopia in weniger als einer Dekade zu nehmen", fügte Valon nüchtern hinzu.
"Und wie paßt die Kreatur ins Bild, die wir gestern für Euch mitgebracht haben?" fragte Strix.
"Ich bin davon überzeugt, daß der einzigartige Metabolismus dieser Wesen, deren Wiege im Meer des Lotus liegt, uns die Antwort liefern kann. Mit diesem hier", sie zeigte auf Ginka, "werde ich etwas besonderes versuchen. Etwas ganz besonderes."
"Seht Ihr den Inhalt dieser Flasche?" Erisyan deutete auf eine halbvolle Phiole mit dicker, schwarzer Flüssigkeit, die direkt neben Stößel und Mörser stand. "Sie enthält einen Auszug des seltenen Schwarzen Lotushybriden, gerettet aus dem Ödland vor dem Fall des Hauses der Schatten. Es fokussiert den Verstand nicht auf die Elementare Erdebene wie normaler Schwarzer Lotus. Seine Fähigkeiten ähneln mehr dem Gelben Lotus die von Träumen und Illusionen ist, dann zieht diese Pflanze die schlimmsten dieser Alpträume in unsere Realität."
"Was hofft Ihr, dadurch zu erreichen?" fragte Strix leicht befremdet.
"Ungeahnte Erkenntnisse, meine Lieben", erwiderte Eriysan mit spitzem Lächeln.
"Es gibt Gefahren", sagte Valon.
"Man muß Risiken eingehen, um Fortschritte zu erziehlen", antwortete Eriysan. Wir stehen an der Schwelle wahrer Größe, zur Erleichterung dieser unerträglichen Tristesse des Lebens. Werdet Ihr dem Experiment beiwohnen?"
Die Augen der Himmelsstürmer leuchteten. Als Adlige des Jadehauses hatten sie jedem Exzeß gekostet, der einem Sterblichen offenstand, und die Herausforderung des Unbekannten war das einzige, was an Begeisterung an ihrem Leben verblieb. Das und der allgegenwärtige Gelbe Lotus, dem sie hoffnungslos verfallen waren. Erisyan deutete ihr Lächeln als Zeichen des Einverständnisses.
Ein Sklave griff in Ginkas Käfig und zog die Schale mit Brei zurück, um sie Erisyan zu geben. Der kleine Malovanti war zu schwach, um dem Impuls zu folgen, der ihn dazu trieb, den Sklaven anzugreifen, weshalb er nur zusehen konnte, während der Sklave den Brei wegschüttete und die Schale Erisyan reichte. Der Lotushexer goß die schwarzgelbe Substanz aus dem Schädel in seine Schale, die der Sklave daraufhin wieder in seine Zelle schob.
"Jetzt wird er´s schon essen", frohlockte Strix.
Ginka schlurfte zur Rückseite seines Käfigs und sah mürrisch drein, während ihn die Elfen gespannt anstarrten.
Es dauerte volle fünf Minuten, bis Ginka zerbrach und sich auf die Schale warf. Mit beiden Händen schaufelte er die fremdartige Substanz in sich hinein, die endlich den gelobten Lotus enthielt.
"Was immer Ihr mir für ein Gift untergejubelt habt, ich werde Euch töten", versicherte Ginka zwischen zwei Bissen.
"Jetzt schaut genau hin", sagt Erisyan.
Die Wirkung setzte binnen weniger Momente ein, und die Realität, wie Ginka sie kannte, verschwand. Die Stangen des Käfigs zerflossen vor seinen Augen, und wenige Momente später folgte auch alles andere in seinem Sichtfeld diesem Schicksal und wurde abgelöst durch eintöniges Grau. Ginka wanderte alleine und verwirrt durchs Grau und versuchte, Sinn in seine Sinneswahrnehmung zu bringen, doch seine Gedanken zersplitterten und rasten in die Nacht davon wie ein Haufen verrückter Vögel bei Sonnenuntergang, Sonnenuntergang ...
Das Wort Sonnenuntergang besaß eine Bedeutung, die aus dem Ungewissen und der Leere herausstach. Als sein Geist einen Moment innehielt. Als sein Geist einen Moment innehielt, konzentriert er sich auf den Klang des Wortes in seinen Gedanken.
Plötzlich nahm die Welt um ihn herum Gestalt an. Der undurchsichtige Nebel, in dem er sich befunden hatte, wurde schwarz und hart und weitete sich aus wie hervorsprudelndes Blut. Im Boden unter seinen Füssen krachte es und spinnennetzartige Risse breiteten sich um ihn herum aus. Große, obsidianfarbene Gestalten, verbogen und fremd, schälten sich aus der Leere heraus, zwischen ihnen dunkle, geflügelte Silhouetten, und über allem der Gestank süßlicher Fäulnis. Der Himmel explodierte in Blut und Feuer, und das Heulen der Verdammten füllte Ginkas Kopf bis zum Zerbersten.
Der Sumpfgoblin fiel auf die Knie und landete auf verbrannter Erde, während er fühlte, wie Panik und Abscheu über ihn hinwegspülten.
Entsetzlich kalte Fühler purer Dunkelheit streckten sich nach ihm aus, angezogen wie Motten vom Licht. Er konnte in der Kakophonie ihres Flüsternis den Schmerz und Haß nicht nur hören, sondern spürte, wie es nach ihm griff, um ihn zu absorbieren.
"Lebt es?"
"Wo ist es hergekommen?"
"Benutzt es! Benutzt es!"
"Wie können uns befreien! Wir können fliehen!"
Und dann verging die Welt in einem Meer von Schmerz und Feuer, als die Schatten mit ihm verschmolzen, einer nach dem anderen, mit seinem Körper, seinem Geist, seiner Seele.

Die Elfen warteten gspannt auf die erste Reaktion der kleinen Kreatur in ihrem Käfig, die Sekunden zuvor scheinbar ohnnmächtig geworden war. Mit einem Mal flogen die Augenlider des Sumpfgoblin nach oben, als habe sie eine unsichtbare Hand von seinen Augen weggerissen, und er wurde von Krämpfen geschüttelt.
Als seine Bewegungen immer frenetischer und abgehackter wurden wichen die Elfen einen Schritt zurück, doch plötzlich stand der Goblin aufrecht vor ihnen und wirbelte wie ein Derwisch in seinem Käfig umher.
"Es funktionert", haucht Erisyan voller Ehrfurcht.
Dann explodierte der Körper des Goblins von innen heraus, schneller mutierend und sich verändernd, als das bloße Auge ihm folgen konnte. Scheußliche wirbelnde Massen von Tentakeln und sich aufblähenden Massen faulenden Fleisches wälzten sich aus Wunden, die überall an seinem Körper aufplatzten, während aus seinen Augen ein unglaubliches Grauen sprach. Schon Sekundenbruchteile später versperrten die höllischen Wucherungen den Elfen den Blick auf das Gesicht des ehemaligen Sumpfgoblins, und die ersten Mutationen schossen durch die Gitterstäbe des Käfigs. Ein grelles Kreischen durchschnitt die Luft des Laboratoriums, und wo es die metallischen Gitterstäbe passierte, färbten sich diese schwarz und wurden porös. Noch während der Todesschrei des ehemaligen Goblins verklang, trat ein fremdartiges Blubbern und Brodeln an seine Stelle, das an Brennen von Fleisch in harter Säure erinnerte.
Die entsetzten Himmelstürmer und ihre Sklaven versuchten zu rennen, kamen jedoch nur wenige Schritte weit. Erisyan katapulierte sich mit einem Hechtsprung in Richtung ihrer Lotusstabes, doch die aufplatzende organische Masse holte sie alle in bloßen Sekundenbruchteilen ein und donnerte sie gegen die Wände und preßte sie auf den Boden. Noch bevor der Schmerz des Aufpralls kam, spürte Erysian schon, wie ihr das Fleisch von den Knocken geätzt wurde, wie sich Dinge in ihren Körper bohrten, die ihn veränderten. Ihr Körper starb, doch auch ihr Bewußtsein fand Eingang in die monströse amorphe Masse. Das Geräusch von zerreißendem Fleisch, splitternden Knochen und der Gestank von in Säure aufgelöstem Fleisch waren die letzten Empfindungen, die alle Lebewesen innerhalb des Raumes verspürten, bevor sie vergingen.
Und dann, so schnell wie es passiert war, war es vorbei. Ein wirbelnder schwarzer Sturm, durchzogen von krachenden, purpurnen Blitzen, wirbelte durch Ginkas Käfig und saugte sowohl die Monstrosität wie auch das halbe Laboratorium auf und verschwand an den Ort, von dem es gekommen war, mit einem lauten Plopp! Ginka hatte sein Versprechen gehalten. Er hatte sie alle umgebracht.

Als die bewaffnete Patrouille der Jadeelfen die Tür aufbrach, fanden sie nur zerbrochene Möbel, zerstörte und zerfressene Gitterstäbe, zerbrochene Phiolen und zerfetzte Schriftrollen sowie einen Gestank, der ihnen die Tränen in die Augen trieb. Keine Kreatur hatte überlebt.


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