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Die ewige Stimme der Toten

Quelle: Box "Der Wachturm der Erstgeborenen"
Autor: Peter Flannery

Zwei Ritter trugen den verwundeten Kartenmacher durch den strömenden Regen, während die anderen Mitglieder der Gruppe sich schützend um sie formierten. Der Pfad durch den Wald war kaum noch zu erkennen, so sehr hatten der Regen den Grund unter ihren Füssen aufgeweicht. Sie hasteten weiter und folgten dem breitesten Weg zwischen den Bäumen, hofften darauf, dass dies tatsächlich der Weg war, der zum Turm führen würde. Es war deutlich zu hören, dass die Lakaien aufholten. Sie mussten jetzt auf ihrer Höhe sein und überholten sie wahrscheinlich schon. Schon bald würden sie den Rittern den Weg abschneiden und sie umzingeln.

Nur der Anwesenheit des Erleuchteten hatten sie es überhaupt zu verdanken, daß sie noch einmal die Chance bekommen hatten, dem Hinterhalt zu entrinnen, den die Lakaien ihnen gestellt hatten. Schlimm genug, dass sie einen Verräter in ihrer Mitte hatten, doch zwei? Sie waren jetzt natürlich tot, doch sie hatten es geschafft den Kartenmacher zu verwunden, bevor der Erleuchtete sie erwischt hatte. Der Kartenmacher würde überleben. Er musste überleben. Die Informtionen, die er besaß musste wertvoller sein als sie geglaubt hatten, wenn die Lakaien einen solchen Aufwand trieben, um sie zurückzubekommen.

Plötzlich schrie einer der Späher auf. Hinter den triefenden Bäumen vor ihm, hoch über dem Waldboden war das schwache Leuchten eines Feuers zu erkennen, und das konnte nur bedeuten, dass sie den Turm schliesslich doch noch gefunden hatten.

Zu ihrer rechten, durch die Bäume, leuchteten die flatternden weißen Roben der Getreuen Lakaien, die sie verfolgten. In der Dunkelheit sahen sie aus wie Gespenster. Sie versuchten verzweifelt, eine Flucht des Kartenmachers zu verhindern, während die Ritter fest entschlossen waren ihn sicher zur Festung der Erstgeborenen zu bringen. Der Turm würde ihnen nur für eine gewisse Zeit Schutz bieten, doch er war unendlich viel besser als ein Kampf auf offenem Gelände.

Die Ritter brachen auf die Lichtung um den Turm hervor und rannten, wild nach dem Torwächter schreiend, auf das Haupttor zu. Doch plötzlich tauchten aus dem Schatten vor ihnen die Augen des Finsteren auf und stürmten auf den kleinen Trupp zu. Sechs der Ritter lösten sich, um sich ihnen zu stellen, während der Rest weiter eilte. Sechs Schwertkämpfer würden die Augen des Finsteren nicht besiegen können, doch sie konnten den anderen die benötigte Zeit verschaffen.

Plötzlich krachte es im Unterholz zu ihrer Rechten, und einer der Verdammten brach auf die Lichtung. Das riesige Biest polterte vorwärts und donnerte in die rechte Flanke der Gruppe. Einer der Schwertkämpfer riß seinen Schild nach oben, um den Angriff abzuwehren, doch der Dreschflegel des Verdammten zuckte viel zu schnell herab und zerschmetterte den Helm des Ritters. Ein weiterer Kämpfer sprang vor und schlug nach der Kreatur, drang jedoch nicht durch ihre Abwehr. Ein Armbrustschütze im hinteren Teil der Gruppe hielt jedoch inne, erhob seine Armbrust und feuerte. Der Bolzen drang in die Schulter der Kreatur ein, die laut aufheulte. Die Ritter rannten weiter.

Die Lichtung war jetzt voll von Kriegern der Lakaien, die auf die Ritter zurannten und ihre haßerfüllten Schreie über die Waldblöße gellen ließen. Der erste der Ritter erreichten den Turm, als gerade die Tore aufschwangen, doch statt hinein zu rennen, fuhr er sofort wieder herum, um die Ankunft der anderen Kampfverbände und der Ritter, die den Kartenmacher trugen, zu decken. Die Langbogenschützen bezogen ebenfalls Stellung vor dem Tor, um die gefährlichsten Verfolger auszuschalten.

Unter den haßerfüllten Schreien der Lakaien wurde endlich der Kartenmacher durchs Haupttor gebracht, und die verbleibenden Ritter folgten. Die Langbogenschützen, die das Tor sicherten, stolperten in die Sicherheit des Turms zurück, und eine Stimme von obenschrie: "Jetzt!" Gerade, als die Verdammten und eines der überlebenden Augen des Finsteren das Tor erreichten, kippte ein Schwall siedenden Öls aus einer Öffnung über dem Tor herab, und die Möchtegern-Eindringlinge schrien auf vor Schmerz. Die Tore fielen donnernd zu, und der Turm war versiegelt.

Zornschreie hallten über die Mauern, als die Langbogenschützen des Turms Position an den Schießscharten und Fenstern der oberen Stockwerke bezogen. Der Erleuchtete bereitete die Ritter auf einen sofortigen Großangriff vor, da die Lakaien nicht gerade für Vorsicht und ausgefeilte Pläne bekannt sind. Als jedoch kein Angriff erfolgte und die Wachen berichteten, die Lakaien zögen sich zurück in den Wald, zeigte sich der Erleuchtete besorgt. Er verteilte seine Männer auf dem Turm. Eine Handvoll von Armbrustschützen bezog Stellung im ersten Stock, unterstützt von einigen Langbogenschützen. Den Rest der Langbogenschützen verteilte er auf die Fenster und Schießscharten des restlichen Turms. Wenn die Lakaien den Turm stürmen wollen, würden sie einen hohen Preis bezahlen müssen. Seine Schwert- und Streitkolbenkämpfer wies er an, den Turm nach Schwachstellen abzusuchen und aus den Vorräten Verpflegung bereitzustellen. Die Verletzungen des Kartenmachers wurden bereits versorgt und in diesen Sekunden wurden außerdem Brieftauben mit der dringenden Bitte um Verstärkung auf ihren Weg geschickt. Der Kartenmacher und seine wertvollen Informationen waren noch nicht außer Gefahr, doch hier im Turm waren sie für den Moment sicher.

Als ihm nichts mehr übrig blieb als zu warten, ging der Erleuchtete über die Treppe nach oben und näherte sich einem der großen Fenster. Es handelte sich eigentlich mehr um eine mit Zinnen versehene Wand, über der sich ein Dach befand, als um eine echte Fensterreihe. Die Öffnungen bildeten jedoch gute Aussichtspunkte für Bogen- und Armbrustschützen, und sie waren groß genug, daß man hindurchklettern konnte, wenn die Lakaien es bis in den Turm schaffen würden. Der Erleuchtete lehnte sich gegen die Mauer und starrte angestrengt in die Schatten unter den Bäumen. Er konnte draußen etwas spüren. Irgendetwas, das gerissen und stark genug war, seine Lakaien in die Deckung des Waldes zurückzuziehen, bevor seine Männer sie ernsthaft verletzen konnten.

Der Anführer der Lakaien konnte den suchenden Blick des Erleuchteten spüren. Die Schnelligkeit und Entschiedenheit seiner Handlungen im Augenblick des Verrats hatten ihn beeindruckt. Der Erleuchtete hatte es gewußt, die Gerüchte waren also wahr. Er hatte zwei Tage, um den Turm einzunehmen, bevor die Verstärkung eintraf; mehr als genug Zeit. Er würde mit Anbruch des Tages angreifen und den, der gesehen hatte, was er nicht hätte sehen dürfen, zum Schweigen bringen. Der Anführer der Lakaien würde nicht versagen. Er war einer der Namenlosen, doch was noch wichtiger war: Er war einer der Jäger.

Am Morgen war der Turm in Nebel gehüllt. Die schwachen Strahlen der frühen Sonne fielen auf widernatürliche Gestalten, die weit von denen der normalen Kreaturen des Waldes entfernt waren. Die Lichtung war totenstill, nicht einmal das Singen von Vögeln störte die Grabestille. Doch plötzlich erhoben sich Stimmen. Der tiefe Klang finsteren Chors, der in einer alten und abstoßenden Sprache sang, hallte durch die Nebelschwaden - das Morgengebet der Getreuen Lakaien. Die Stimmen wurden lauter und lauter, und schließlich fiel noch das dämonische Heulen der Gepeinigten und Verdammten in sie ein, bis der Frieden des Waldes endgültig in ihrer höllischen Kakophonie unterging. Unvermittelt brachen über vierzig Getreue aus den Bäumen hervor und stürmten, immer noch die Lobpreisungen des Finsteren singend, auf das Haupttor des Turmes zu.

Von den Mauern sangen die Bögen, und viele Getreue fielen, um prompt von ihren Brüdern niedergetrampelt zu werden. Als die Getreuen nur noch zwanzig Meter von dem Turm entfernt waren, erstarb der Pfeilhagel langsam, denn die Bogenschützen im Turm hatten ihren Schusswinkel verloren. Bei zehn Meter Entfernung flog krachend das Tor auf. Zwei Reihen von Schützen erschienen innerhalb des Torweges und entfesselten wie ein Mann eine sirrende Pfeilsalve. Die erste Welle der Getreuen ging, wie von einer Riesenfaust getroffen, zu Boden. Sie fielen ihren Brüdern direkt vor die Füße, was den Schützen die Gelegenheit zu einer zweiten Salve gab. Die Getreuen fielen wie die Fliegen, doch plötzlich erschien ein tosender Malstrom direkt vor dem Hauptportal. Obwohl er den Getreuen den Eintritt versperrt, bedrohte er die Schützen, die sich schleunigst hinter das zudonnernde Tor zurückzogen. Das wütende Heulen des Sturmes schien dagegen protestieren zu wollen, doch das erste Scharmützel hatten die Erstgeborenen gewonnen.

Wenig später führten die Getreuen den zweiten Vorstoß an, doch diesmal stürmten sie auf die Mauern seitlich des Tores zu. Viele wurden niedergemäht, als sie über die Lichtung rannten, ihre weißen Roben befleckt von leuchtendem Rot, als sie auf dem Boden aufschlugen, doch viele erreichten die Mauern des Turmes und begannen, in Richtung des Tores vorzudringen. Ein weiteres Mal flog das Tor auf, und die Schwertkämpfer stürmten heraus, um sich den Getreuen im Kampf Klinge gegen Klinge zu stellen. Zwischen den Bäumen sahen die Lakaien ihre Chance, die Ritter aus dem Turm herauszuziehen, und stürmten auf die Lichtung. Die Ritter hielten die Flanken des Tores, selbst als der Feind auf sie und das offene Tor zustürmte. Sie konnten ihre Position nicht verlassen, bis sie den Befehl erhielten, denn sonst würden sie in den tödlichen Schußwinkel vor dem geöffneten Tür geraten, in den die Getreuen und Verfluchten nun hinein liefen. Einer der Verdammten hatte sich ihrem Angriff angeschlossen. Es war der gleiche, der in der Nacht zuvor von dem Armbrustbolzen in die Schulter getroffen worden war. Er rannte mit Höchstgeschwindigkeit auf das offene Tor zu, als ein Pfeil seinen Hals durchbohrte. Er stürmte noch weiter vor, bis sich ein weiterer in seinen rechten Oberschenkel bohrte und er das Gleichgewicht verlor. Der Dreck spritzte auf, als er fiel und noch die Getreuen direkt vor sich mitriß, die ebenfalls verzweifelt versuchten, die schutzlosen Schwertkämpfer und die verhaßten Bogenschützen innerhalb des Turmes zu erreichen.

Trotz ihrer Verluste kamen die Lakaien der kritischen Zone immer näher; und schließlich erscholl das Kommando zum Rückzug. Als sich die Tore noch schlossen, brachen einige Getreue hindurch und begannen, ihre unmenschliche Wut an den Bogenschützen auszulassen, bevor sie von den Streitkolbenkämpfern niedergemacht wurden, die sich genau für den Fall eines solchen Durchbruchs im inneren toten Winkel des Tores verborgen hatten. Die Lakaien vor dem Tor begannen, mit ihren Äxten und Schwertern auf das Tor einzuhacken, doch nicht sehr lange. Der Kessel über dem Tor war neu gefüllt worden, und über die Rinne ergoß sich ein weiteres Mal ein Schwall siedendes Öl auf die Angreifer.

Die schmerzerfüllten Schreie der Angreifer und das entstehende Chaos vor dem Portal hielten die Verteidiger nicht davon ab, als ein weiteres Mal das Tor zu öffnen, für eine weitere todbringende Salve ihrer Bogenschützen. Auch die zweite Welle der Lakaien stockte und mußte sich zurückziehen.

Zwischen den Bäumen umspielte ein finsteres Lächeln die Züge des Jägers, und er zollte Taktik der Erstgeborenen Ritter stillen Beifall. Der Erleuchtete befehligte seine Männer ausgezeichnet. Es war eine Schande, daß ihm keine größere Streitmacht der Lakaien zur Verfügung stand, mit der er seinen Widersacher zu noch einfallsreicheren und verzweifelteren Verteidigungsmanövern hätte zwingen können. Doch die Zeit drängte, und er konnte es sich nicht leisten, zu viele Einheiten zu verschwenden. Der nächste Angriff würde genau zum richtigen Zeitpunkt stattfinden, perfekt ausgeführt sein und ihm Zugang zum verfluchten Turm verschaffen. Er würde warten, bis die Schatten der untergehenden Sonne seinen Einheiten helfen würden. Bis dahin würde er die Erstgeborenen auf die Probe stellen und zur Erschöpfung treiben.

Der Erleuchtete war stolz auf seine Männer. Er wußte, das diese halbherzigen Attacken seine Verteidigungsstellungen auf die Probe stellen und seine Männer ermüden sollten, aber sie waren nichtsdestoweniger gefährlich. Wenn sie noch einen weiteren Tag aushalten würden, konnten sie mit Verstärkung rechnen, mit der sie die Lakaien massakrieren würden. Der Kartenmacher hatte sich von seinen Verletzungen erholt und arbeitete hart daran, mit den kargen Mitteln, die ihm der Turm bot, sein Wissen aufzuzeichnen. Die kleineren Angriffe hatten sich über den Tag fortgesetzt, und langsam zog die Nacht herauf. Der Erleuchtete befürchtete, daß eine ernsthafte Attacke bevorstand. Er sollte recht behalten.

Die Lakaien griffen von allen Seiten gleichszeitig an. Wie zuvor fielen viele in der Todeszoneum den Turm, während sie versuchten, den toten Winkel direkt vor den Mauern zu erreichen. Als dieses Mal das Tor aufflog, stürmten die Langbodenschützen hervor, um auf beiden Seiten des Portals Reihen zu bilden. Die Schwertkämpfer formieren sich an den vorderen Enden ihrer Reihen, um einen schnellen Rückzug decken zu können, wenn es dazu kommen sollte, doch bis dahin sangen die Langbögen ihr düsteres Lied, als die Schützen versuchten, so viele Lakaien wie möglich für immer daran zu hindern, den Turm zu erreichen.

Ein Kampfverband der Verfluchten stürmte direkt auf das Tor zu, und hinter ihnen ragte die riesige Gestalt eines Gepeinigten auf. Der Befehl zum Rückug erscholl, und die Erstgeborenen Ritter fielen zurück. Sie glitten in den Turm zurück, doch eine Handvoll von Schwertkämpfer wurde von den ersten Lakaien gestellt und schaffte es nicht mehr hinter das Tor bis es sich schloß. Es dauerte nicht lange, bis ihre Kampfschreie verstummten und die ersten Lakaien sich dem Tor näherten. Ein weiteres Mal spuckte die Ölrinne ihr flüssige Feuer, und in die Rauchschwaden vermischten sich namenslose Schmerzensschreie. Dann, plötzlich, erbebte der gesamte Turm, als sich der Gepeinigte gegen das Tor warf. Erfüllt von grauenhaften Schmerzen und halb verbrannt warf der Gepeinigten gegen das Tor warf. Erfüllt von grauenhaften Schmerzen und halb verbrannt warf der Gepeinigten seinen aufgedunsenen Leib immer wieder gegen das Tor und genoß die Intensität des unendlichen Schmerzes.

Der Erleuchtete befahl rasch die Hälfte seiner Schützen und die Hälfte der Ritter auf das höhere Geschoß. Als die anderen noch ihre Stellung bezogen, knackte das Tor und barst auf. Der Gepeinigte heulte in dem offenen Portal, und eine Welle der Panik drohte die Standhaftigkeit der Ritter wegzuspülen. Doch der Erleuchtete trat vor und versenkte mit einem gewaltigen Schlag seine Axt im Gesicht des Gepeinigten. Die monströse Bestie knallte zu Boden wie ein nasser Sack, und der Erleuchtete sprang zurück. Verlorene kletterten über die Leiche des Gepeinigten und warfen sich auf die Bogenschützen. Zwei von ihnen wurden von Pfeilen gefällt, doch zwei kamen durch. Ihre wirbelnden Äxte brachten zwei der Schützen sofort den Tod. Die Schwertkämpfer versuchten, in die Bresche zu springen, doch die finstere Silhouette des Anführers der Lakaien sprang durch die Rauchschwaden und erteilte ihnen eine Lektion in Sachen Tod. Der kraftstrotzende und schwer gepanzerte Jäger war ganz in seinem Element. Ein Schwertkämpfer der Erstgeborenen warf sich ihm entgegen, doch der Jäger parierte seinen Schlag mit einer Axt und spaltete mit der zweiten den Schädel des Ritters.

Der Jäger und der Erleuchtete versuchten, einander zu erreichen, doch die einfachen Kämpfer standen zwischen ihnen. Der Jäger tötete einen weiteren Schwertkämpfer und hackte einen Bogenschützen das Bein ab, als er versuchte, in den oberen Teil des Turmes vorzudringen. Gleichszeitig parierte der Wahrheitsfinder des Erleuchteten einen niedrigen Schlag und versank sofort darauf bis zum Stil in der Hüfte des Verlorenen, der den Schlag geführt hatte. Für einen Moment lang steckte die Axt im Becken des Sterbenden fest, und der Erleuchtete riß an ihr, um sie wieder freizubekommen. Genau in diesem Moment griff der Jäger an. Seine beiden Äxten sausten auf den Erleuchteten herab, der seine Axt noch immer nicht freibekommen hatte. Mit der Gelassenheit, die nur ein Richter besitzt, griff der Erleuchtete in den Zeitstrom - auf eine Art, wie sie nur die Chronomanten vollbringen konnten. Der Jäger wurde sofort an die Stufen des Zugangs zum darüberliegenden Stockwerk versetzt, immer noch angriffsbereit.

Der Erleuchtete riß seine Axt los, als der Jäger auf surreale Weise ein zweites Mal genau den gleichen Angriff ausführte. Der Erleuchtete duckte sich unter dem ersten Hieb hindurch und sprang in Richtung der Treppe, doch die zweite Axt des Jägers schnitt in seine Hüfte. Er rollte sich ab und gelangte wieder auf die Füße, woraufhin er sofort nach oben zu steigen begann. Der Jäger warf sich nach vorne, um die Flucht seiner Beute zu verhindern, doch ein Pfeil aus dem Obergeschoß grub sich in seine Schulter und warf ihn zu Boden. Bis er wieder auf die Füße gekommen war, hatte der Erleuchtete das Obergeschoß erreicht. Es wäre Selbstmord gewesen, in einen Raum voller Schützen vorzudringen, also zog sich der Jäger zurück, um seine verletzte Schulter zu behandeln und überließ es seinen Truppe, die Erstgeborenen die Nacht über auf Trab zu halten.

Am nächsten Morgen befand sich der Turm, immer noch in den Händen der Erstgeborenen. Wenn sie noch ein wenig länger aushalten würden, würde ihre Verstärkung eintreffen, und alles würde verloren gehen. Frustration erfüllte den Jäger, bis sich plötzlich eine Idee herauskristallisieren begann. Er ging um den Turm herum und fand einen guten Aussichtspunkt auf einem der Steinhaufen. Von hier aus hatte er einen besseren Blick durch die großen Öffnungen an der Spitze des Turms. Als die ersten Strahlen der Morgensonne auf das Dach des Turmes fielen, gab er den Befehl, bis zum nächsten Stockwerk vorzurücken. Die Verluste würden groß sein, doch sie konnten es sich nicht erlauben, die Erstgeborenen auszuhungern oder sie auszuräuchern, da das Holz des Turmes mit einer Substanz behandelt war, die nicht brannte. Nein, sein Weg war der bessere.

Der Tumult innerhalb des Turmes wurde lauter, als der schwere Ansturm begann, und die Erstgeborenen würden mit Sicherheit ihren kostbaren Kartenmacher nach oben verlegen, um ihn in Sicherheit zu bringen. Sie brachten ihn weit genug weg von der Falltür, die zu dem bedrohten Geschoß führte. Weit genug weg, in die Nähe der von Zinnen unterbrochenen Mauer, hoch über den Waldboden.

Der Erleuchtete begann zu glauben, daß sie bis zum Abend aushalten könnten. Trotz des geistlosen Ansturms der Lakaien wurden ihre Attacken schwächer. Ihnen fehlten einfach die Truppen, um ihren schweren Ansturm aufrechtzuerhalten. Seine Männer waren allerdings dem Zusammenbruch nahe. Ihre Pfeile waren ebenso verbraucht wie ihre Kräfte. Doch sie hielten ihre Stellung, und für den Notfall blieb ihnen immer noch das oberste Geschoß. Es gab sicherlich ein Grund zu hoffen. Doch dann, plötzlich, traf den Erleuchteten die Ahnung einer bevorstehenden Katastrophe. Als er herumwirbelte, um sich ihrer Quelle zuzuwenden war er verwirrt. Die Bedrohung für den Turm war unten, doch die Gefahr, die er spürte, kam von außerhalb des Turms, von einem Felshaufen im Südosten. Er ging hinüber zu einer der Schießscharten und sah zu seiner Bestürzung den Jäger, der just nach dem Turm griff. Entsetzt raste der Erleuchtete zum Dach des Turms.

Der Jäger wartete geduldig. Es war nur eine Frage der Zeit. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten erschien der Kartenmacher und bewegte sich wie ein gefangenes Tier im Käfig im Dachstuhl des Turms hin und her. Der Jäger griff mit seinem Geist nach dem Verstand des Kartenmachers, der nicht schwach war, jedoch nicht stark genug, um sich ihm zu widersetzen. Nach einem kurzen Kampf übernahm der Jäger die volle Kontrolle über den Geist des Mannes. Es war einfach, ihm die entscheidende Suggestion einzupflanzen.

"Sie kommen! Du kannst sie nicht aufhalten, genauso wenig die die Ritter! Spring, rette dich in Sicherheit! Es ist der einzige Weg."

Der Jäger war fast enttäuscht davon, wie einfach der Sieg schließlich gewesen war. Nach einem Kampf von über zwei Tagen hatte der Kartenmacher nicht einmal geschrien, als er in den Tod gestürzt war.

Der Jäger machte sich nicht mehr die Mühe, den Angriff abzublasen. Seine Aufgabe war erfüllt. Ob der Turm nun fiel oder gehalten wurde, war für ihn nicht mehr von Bedeutung. Er lauschte, bis der Kampflärm schwächer wurde, und merkte nichts mehr von der eintreffende Verstärkung der Erstgeborenen, durch die die letzten Ritter im Turm gerettet wurden.



Bevor der Erleuchtete den Turm verließ, sammelte er die Papierfetzen auf, an denen der Kartenmacher während der Belagerung Stunde um Stunde verbracht hatte. Auf den ersten Blick machten sie für ihn keinen großen Sinn, doch dann erkannte er die Bedeutung dessen, was der Kartenmacher noch unbedingt hatte aufzeichnen wollen

"Mein Gott!" hauchte er. "Oh mein Gott."

Der Kartenmacher war tot, doch das Geheimnis, das ihm den Tod gebracht hatte, lebte weiter. Diese Information würde die Leben Tausender retten, und er erinnerte sich an ein Sprichwort, das er in seiner Zeit bei den Chronomanten kennengelernt hatte: "Das geschriebene Wort ist dir ewige Stimme des Toten."


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