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Land Der Zwei Flüsse

Schatten der Zeit

Am Anfang war Stille und Dunkelheit ... so wurde mir erzählt. Doch bei der Geburt der Welt war Donner und Feuer ... und dies weiß ich wohl, denn ich war dort!

Ich bin Montadimus, Erster Diener des Wahrhaftigen Königs, Schüler des Lebenden Gottes, ein Chronomant. Ich wurde von meinem Herrn erwählt und bin der letzte und zugleich der erste Chronomant. Ich stehe an den beiden Säulen der Zeit, an Anfang und Ende. Ich wache über das Schicksal meines Herrn, auf das niemand sich dem Unausweichlichen in den Weg stelle und er seine heilige Aufgabe vollende. Ich bin Montadimus, Erster Diener des Wahrhaftigen Königs, und werde meinen Herrscher nicht enttäuschen.

Ein finsterer und gewaltiger Sturm braut sich über dem Fluß der Zeit zusammen. Die Würfel sind geworfen, und niemand kann sagen, wie sie fallen werden. Selbst in den Visionen des Wahrhaftigen Königs gibt es Lücken - Schatten, die selbst sein mächtiger Blick nicht durchdringen kann. Wir stehen einem uralten feind gegenüber, den Stygianern. Die Stygianer waren bereits alt, als die jüngeren Rassen noch nicht auf der Erde wandelten. Sie waren uralt und grausam und herrschten bereits seit tausend Jahren, genährt von der Opferung anderer, schwächerer Rassen. Wäre einst nicht die Zeit des großen Kriegers gekommen, sie würden noch immer herrschen.
Doch heute verhüllt die Nebel der Zeit die Ereignisse der Vergangenheit, und alle Rassen behaupten, der große Held sei einer der Ihren gewesen. Dabei können sie sich nicht einmal erinnern, wer er war und was genau wir ihm verdanken. In der zwergischen Mythologie ist er breitschultrig und kräftig und kämpft mit Zwergenstahl. Für die Elfen ist er groß und anmutig, und sein elfisches Runenschwert brachte seinen Feinden den Tod. Bei den Schwarzblüter ist er ein Heiliger, dessen goldener Helm noch heute verehrt wird - ein Meister des Zweikampfes mit juwelenbesetztem Krummschwert. Doch all dieser Streit ist bedeutungslos, denn der Geist seiner großen Taten ist überall der gleiche. Er setzte dem Töten ein Ende, indem er den Stygianernihren Opferritus nahm. Nachdem die Stygianer keine Macht mehr aus ihren Opferzeremonien ziehen konnten, mußten sie langsam den anderen Rassen weichen, und der große Krieger konnte sie zum Rückzug zwingen. Die geschwächten, aber längst nicht besiegten Stygianer zogen sich in ihre geheimnisvollen Städte zurück. Sie schlossen sich ein in Berge aus Stein, gewaltige Grabmäler, die Pyramiden ihrer Rasse. Die Stufenpyramiden reichen ebenso tief in die Erde, wie sie in den Himmel ragen. Durch ihre Niederlage waren sie schwer angeschlagen, doch ihre Rasse war uralt und verfügte über die Geduld und Weisheit des Alters. Sie wußten, einst würde ihre Zeit wiederkommen, denn so stand es in den Tafeln des Schicksals geschrieben, den großen Steintafeln, in denen die prophetischen Runen eingemeißelt sind, deren Bedeutung bis heute nicht einmal mein Herr entziffern und ebensowenig verleugnen kann.
Jahrhunderte verbrachten die Stygianer im tiefen Schlaf, eingekerkert und von der Welt vergessen. Der Dschungel eroberte ihre Pyramiden im Osten und verbarg sie vor dem Rest der Welt. Im Süden verschlang der Wüstensand ihre Grabmäler und tilgte ihre Spuren vom Antlitz der Erde. Im Norden umschloß das Eis ihre Verstecke, und was im Westen ruht, wissen einzig die Lakaien. Doch nun wird geschehen, was in den Tafeln des Schicksals geschrieben steht: Die Stygianer werden sich erheben, und die Welt wird auf ihren Opferaltären bluten.
Im Land Der Zwei Flüsse sind die Stygianer zurückgekehrt ... HABT ACHT!


Von den Altären strömt Blut - Die Stygianer erwachen

Im Jahre 321

Der Wahrhaftige König sandte sie nach Süden in das Land Der Zwei Flüsse; er sandte sie in den sicheren Tod. Doch seine Visionen hatten es so verlangt, denn die sagenumwobene Stadt Ipkur-Kesh war bereit, ihr Geheimnis preiszugeben. Die Zeit war gekommen, eine alte Gefahr war dabei sich erneut zu erheben, und er mußte handeln, bevor es zu spät war. Er hatte nur einhundert Ritter ausgesandt. Eine größere Einheit hätte das Mißtrauen der anderen Rassen erweckt, und er konnte es sich nicht leisten, den Preis teilen zu müssen, der ihn erwartete, sollte er Erfolg haben. Darin liegt die Größe des Wahrhaftigen Königs. Nicht darin, daß er auf den Pfaden der Vergangenheit und der Zukunft wandelt, sondern in seinem weisen und unerschrockenen Umgang mit den Zeiten der Ungewißheit. Also schickte er seine Männer in den Tod- Um aber sicherzugehen, daß er die Information erhielt, die er erhalten mußte, sandte er den Chronomanten Sarragud. Und um sicherzugehen, daß ihn die Information auch erreichten, schickte er zwei seiner besten Nachtstreiter - der tödlichen Assassinen, die sich wie Geister unsichtbar und lautlos durch das Land bewegen können.
Ihr Schiff landete an der zerklüfteten Küste, die nur ein kleines Stück nördlich von dem Ort lag, an dem sich die verlorene Stadt befinden sollte. Gewaltige Stürme, die von der Wüste zur Küste zogen, machten es schwer, einen sicheren Ankerplatz zu finden, doch schließlich fanden sie eine geschützte Bucht und erreichten die Küste. Die Wüste ist hart zu normalen Reisenden; zu den gepanzerten Rittern des Wahrhaftigen Königs war sie die Hölle. Mit der ihnen eigenen Disziplin und Entschlossenheit schritten sie unter sengender Hitze über den glühenden Sand. Nachts schützten sie ihre Mäntel kaum vor der eisigen Kälte. Am Mittag des zweiten Tages erschien am Horizont ein merkwürdiger Schatten, doch ihre einheimischen Führer zogen ihre Kopftücher nur noch weiter über ihre Gesichter. Der Sandsturm traf sie wie ein Peitschenhieb, verbrannte die ungeschützten Stellen ihrer Haut, und drang ihnen in Mund, Nase und Augen. In der Nacht des sechsten Tages entkamen sie dem Sturm und schüttelten erstmals wieder die Dunkelheit und die schlimmsten Schmerzen ab. Der Himmel über ihren Köpfen war erleuchtet vom Licht der Sterne und des Mondes, der in nur einem Tag seine volle Größe erreichen würde. Der Wüstensand leuchtet wie Silber.
Am folgenden Tag, nachdem sie ein Woche lang durch die Hölle marschiert waren, erreichten sie den Fuß einer großen Düne. Hier verließen sie ihre Führer. Die Einheimischen marschierten lieber in den fürchterlichen Sturm zurück, als diesen Ort des Schreckens zu betreten. Und so bestiegen die einhundert Ritter des Wahrhaftigen Königs den Sandberg. Der Chronomant Sarragud ging an der Seite des Anführers der Ritter. Die Nachtstreiter folgten unbemerkt. Ihre schwarze Rüstung war mit klebrigen Harz bedeckt, den sie anschließend mit Sand bestreut hatten. Sie kletterten, bis die Sonne hoch im Himmel stand, doch schließlich hatten sie die Düne erklommen. Sie starrten staunend und voller Ehrfurcht auf die verlorene Stadt Ipkur-Kesh. Unter ihnen hatte der Wind ein Tal in die Wüste getrieben. Und in diesem Tal befand sich ein Berg aus Stein. Eine gewaltige Stufenpyramide, die sich Hunderte von Metern vom Boden des Tals in den Himmel erstreckt, und deren weißer Stein in der Sonne glänzte, als sei er gerade erst gehauen worden. Sie war größer sogar als die Burgen von Chronopia, und ihr Anblick ließ Besorgnis in der Kompanie aufkommen, denn niemals zuvor hatte einer der Ritter auch nur etwas ähnliches gesehen. Vorsichtig stiegen sie zu der Pyramide hinab, wobei sie sich einer der vier Konstruktionen näherten, die als Tor zu dienen schienen. Als sie den Boden des Tals erreichten, bemerkten sie, daß die Eingänge von gewaltigen Steinen blockiert waren, die mit Bronzeplatten bedeckt waren. Es schien keine Möglichkeit zu geben, die Pyramide zu betreten.
Der Anführer der Ritter bat Sarragud, die Steine zu untersuchen und herauszufinden, wie sie den Eingang öffnen konnten. Sarragud trat vor, schloß seine Augen und versetzte seine Wahrnehmung in die Zukunft. Er sah vier Klingen, die wie Klauen gebogen waren und in Öffnungen steckten, die sich im Stein befanden. Er sprach und benutzte seine Hände, um den Rittern Anweisungen zu erteilen. Aber während er mit seinem geistigen Auge sah, wie die Tür sich öffnete, fühlte er einen großen Sog im Fluß der Zeit und schrie laut auf. Einer der Nachtstreiter fing den stürzenden Chronomanten auf und zog seinen zuckenden Körper in den Schatten. Sarragud war ins Delirium gefallen. Nach dem Zusammenbruch des Chronomanten machte sich Unruhe in der Kompanie breit, doch der Anführer der Ritter war ein disziplinierter Soldat. Er befahl einem Ritter, sich um Sarragud zu kümmern, und den anderen, die Klingen nach der Beschreibung des Chronomanten anzufertigen. Als er die Klingen besaß, ging er persönlich zu der Portalkonstruktion. Er mußte sich weit in die Höhe recken, bevor er die beinahe unsichtbaren Löcher ausmachen und die behelfsmäßigen Klingen darin versenken konnte. Er vernahm ein klickendes Geräusch, das beinahe wie das Brechen eines kleinen Knochens klang, und die Tür glitt nach unten und nach außen, bis sie schließlich wie ein Pflasterstein zur Ruhe kam und den Blick auf den dunklen Tunnel freigab, der sich dahinter befand. Ein muffiger, beißender Geruch wehte ihnen aus der Finsternis ins Gesicht. Es roch beinahe nach Wein und Gewürzen, durchaus vertraut, aber in dieser unfruchtbaren Wüste völlig fehl am Platze.
Die Abenddämmerung nahte, als der Anführer fünf Freiwillige hervortreten ließ, um einen ersten Blick in die Pyramide zu werfen. Während der Rest der Kompanie begann, das Lager zu errichten, betraten sie die alten Gewölbe von Ipkur-Kesh.
Sie folgten einem abfallenden Gang, der sich in die Dunkelheit hinab schlängelte. Stunden vergingen, und noch immer bewegten sie sich auf das Herz der Pyramide zu. Sie hatten Befehl nach zwei Dingen Ausschau zu halten: Artefakte jeglicher Art, aber, noch wichtiger, nach Steintafeln. Große Mühlsteinen ähnelnd, mit fremdartigen Inschriften. Und trotz der bedrückenden Dunkelheit und der erdrückenden Steinmassen über ihnen weigerten sich die Ritter, diesen Ort ohne den Lohn für ihre Schmerzen zu verlassen.
Schließlich, als sie schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten, erreichten sie eine Kammer. Durch die Decke fiel kaltes Mondlicht in den Raum und erleuchtete etwas in der Mitte des Raums, das wie ein Altar aussah. Vorsichtig betraten die Ritter den Raum. An der gegenüberliegenden Mauer befand sich ein Durchgang, der mit Bronze überzogen und genau wie der Haupteingang verziert war. Die Ritter schenkten dem Durchgang jedoch kaum Beachtung, denn in jeder Ecke des Raums befanden sich, in die Wand eingelassen, große Steintafeln. Sie hatten gefunden, wonach sie gesucht hatten. Einer der fünf Ritter drehte sich nach links und bestieg die Stufe, die sich vor der Steintafel befand. Er wollte sie aus ihrer Befestigung lösen und zusammen mit den anderen zurück an die Oberfläche rollen. Seine Kameraden folgten ihm, aber als er in die Nische greifen wollte, um die Tafel zu berühren, blitzte plötzlich Stahl auf. Zwei Senden zuckten durch das blasse Licht. Eine der Klingen zischte über den Stein und durchschnitt den Arm des Ritters direkt hinter seinem Handgelenk. Die andere traf ihn am Knie. Sie durchschnitt Rüstung, Fleisch und Knochen und er verlor im Bruchteil einer Sekunde beide Beine. Kreischend ging er zu Boden, und das Echo seiner qualvollen Schreie peitschte wieder und wieder durch die Kammer.
Seine Kameraden sahen derartige Verletzungen nicht zum ersten Mal und erholten sich schnell von dem schrecken, den ihnen dieser plötzliche Ausbruch eingejagt hatte. Gemeinsam hoben sie den verstümmelten Körper auf, und um ihn bei Licht zu betrachten, hoben sie ihn auf den Altar. Während sie sich schnell um den verletzten Ritter kümmerten, verlor dieser viel Blut, doch nichts von diesem Blut tropfte auf den Boden. Im fahlen Mondlicht sah das Blut schwarz aus, als es von dem Altar aufgesogen wurde und spurlos verschwand. Als die Blutung endlich gestillt war, erklang ein Geräusch, das klang, als würde ein Siegel brechen, und die bronzene Tür glitt zurück und beiseite. Die Dunkelheit, die hinter der Tür lag, schien noch undurchdringlicher zu sein und wirkte unheilvoll und bedrohlich. Die Ritter zogen ihre Schwerter. Einer näherte sich dem Durchgang und sah angestrengt in das dahinter liegende Dunkel. Das Mondlicht, das durch die Decke in den Raum sickerte, fiel an ihm vorbei, und in der Dunkelheit blitzte etwas auf. Der Ritter kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, worum es sich bei dieser fremdartigen Erscheinung handeln könnte. Er sah, wie das schwache Licht auf schwarze Schuppen fiel. Er bekam nur einen flüchtigen Eindruck - eine Nüster, eine Braue und ein unheilverkündendes Schlitzauge. Eine Kreatur, dachte er, vielleicht eine Schlange oder eine Echse, aber groß. Das Ding näherte sich und das Geräusch, das die Schuppen auf dem Stein verursachen, klang wie das Rauschen von Wasser.
Der Ritter machte einen Schritt zurück, als sich der große, echsenartige Kopf aus der Dunkelheit schälte. Er war mit bronzenem Schmuck verziert. Kein Tier, durchzuckte es ihn, ein intelligentes Wesen! Die Kreatur näherte sich langsam. Das Mondlicht enthüllt einen kräftigen Körper, der in eine prunkvolle Rüstung gehüllt war. Stark, dachte er. Stark und gefährlich. Die Kreatur erhob ihre muskulösen Arme, als würde sie ihn begrüßen wollen, nein, fast, als würde sie beten. Und von einer Sekunde auf die andere befand sich in jeder ihrer beiden gewaltigen Hände eine sichelförmige Klinge - scharf und bestialisch gekrümmt.
Der Ritter fuhr herum, um seinen Kameraden eine Warnung zuzurufen, doch im selben Moment schlug die Kreatur schon zu. Die erste Klinge schlitzte seine Eingeweide auf und drang wie ein Stachel aus Eis in seinen Magen ein. Er schrie und stieß mit seinem eigenen Schwert zu, doch die Kreatur wich seinem Hieb geschickt aus. Es ist schnell, dachte er noch. Es war zu schnell. Die zweite Klinge der Kreatur fand eine Lücke in seinem Brustpanzer und glitt tief in seine Brust. Sein Schwert fiel zu Boden und er würgte Blut als die Kreatur - der Stygianer - ihn in die Luft hob.
Seine Gefährten wichen erschrocken zurück, als sie sahen, wie ihr Kamerad hoch in die Luft gerissen wurde. Zwei Ritter hoben das Opfer der Falle auf, während der dritte ihren Rücken deckte, als sie zurückwichen. Der Stygianer beobachtete ihre Flucht mit kalten, reptilartigen Augen. Bedächtig glitt er zurück in die Kammer und sanft --fast beinahe zärtlich - legte er den sich windenden, wehrlosen Körper des Ritters auf den Altar. Das Blut des Ritters floß schwarz in das Mondlicht und versickerte im Opferstein. Der Stygianer schloß seine Augen, als sei er unsagbar müde oder zufrieden, und die Ritter flohen.

An der Oberfläche berichteten die Wachen, daß bereits die Morgendämmerung anbrach, und der Spähtrupp noch immer nicht zurückgekehrt war. Der Anführer der Ritter weckte das Lager auf, und befahl die Bildung eines Suchtrupps. Die Sonne erhob sich über die Düne, die das Lager umgab, und stieg strahlend über die Pyramide. Plötzlich wurde es unruhig im Lager, denn der Spähtrupp stolperte aus dem Eingang der Pyramide. Der Anführer sich sofort zu den verwundeten Rittern, und im gleichen Moment erschien ein Nachtstreiter mit der Nachricht, daß Sarragud das Bewußtsein wiedergewonnen habe. Ob der Chronomant etwas gesagt habe, begehrte der Anführer der Ritter zu wissen. Nur ein Wort huschte über die Lippen des Nachtstreiters - FLIEHT!

Ein Schrei hallte von den Rittern in der Nähe des Eingangs herüber, und der Anführer fuhr herum. Eine gewaltige Kreatur erschien in dem Durchgang. Sie schien halb Schlange und halb Mensch zu sein. Sie war weiblich, und ihre Bewegungen besaßen eine majestätische Autorität. In einer Hand hielt sie einen langen Stab und in der anderen einen gewundenen Dolch. Auf ihrem Rücken trug sie eine Steintafel, eine große, mit tief eingravierten Runen verzierte Scheibe. Wären die Ritter des Wahrhaftigen Königs in der Lage gewesen, sie zu entziffern, hätten sie ihr eigenes Schicksal gesehen, denn auf der Tafel stand ihr Tod geschrieben.
Die Stygianerin blickte die versammelten Ritter an. In ihren Augen war keine Anspannung zu erkennen. Sie stieß ein durchdringendes Zischen aus, ein schmerzhafter Laut, und von einem Moment auf den anderen war die wüste mit dem Geräusch rauschenden Wassers erfüllt. Der Nachtstreiter erschien an der Seite des Führers, denn er hatte eine Mission zu erfüllen. Alarmiert von einer Art sechsten Sinn, der ihm sagte, daß der Tod nahte, hatte sein Kamerad in der Zwischenzeit den Chronomanten sicher zu ihrem Herrn zu bringen. Einer sollte ihn begleiten und der andere ihre Spuren verwischen. Sie verschwanden.
Verzweiflung erfüllte die Ritter, als am ebenen Rand der Düne eine unregelmäßige Reihe von Stygianer erschien. Tausende tauchten um sie herum auf. Ihre mit Bronze überzogenen Rüstungen glänzten in dem ersten Sonnenlicht wie kostbarer Schmuck. Sie kamen näher. Langsam zunächst, als wollten sie die Angst der zum Tode verdammten Ritter bis ins letzte auskosten. Die Ritter bildeten einen Kreis aus Stahl. Sie wußten, daß sie verloren waren, doch die Erstgeborenen Ritter leben, um zu kämpfen. Sie wußten schließlich, wem sie gegenüberstanden: den Stygianern. Einer uralten Rasse, verloren im Antlitz der Zeit, vermeintlich ausgelöscht, doch nun zurückgekehrt in die Welt, über die sie einst herrschten. Und nun waren die Ritter des Wahrhaftigen Königs die ersten, die auf sie trafen - die ersten, die ihnen zeigen mußten, daß die Eroberung der Welt keine leichte Aufgabe mehr war. Welch großartige Ehre, das erste Blut eines uralten Feindes zu vergießen, der von allen Rassen Chronopias aus gutem Grund gefürchtet wurde. Weit entfernt und für den Moment in Sicherheit, bestand der Chronomant Sarragud auf eine kurze Rast. Die Nachtstreiter hielten nervös Wache, als sich ihr Schützling in Trance begab und seinen Geist in eine alternative Zeitlinie versetzte, in der er das Blutvergießen dieser ersten Begegnung beobachtete, bei dem er ebensogut sein Leben hätte verlieren können. Es war eine Auszeichnung für seine Fähigkeiten, daß er so viel sah, und doch noch rechtzeitig floh. Denn ganz gleich, wie viele Zeitlinien auch existieren mochten, selbst Chronomanten sterben nur einmal.
Er weinte über den Todesmut der Männer, die an diesem Tag gestorben waren, und über die Grausamkeit ihres Schicksals. Entschlossen standen sie wie ein Mann, als die Stygianer über sie herfielen. Die Wüste schien lebendig zu werden, und es wimmelte nur so von sensenartigen Klingen und fauchenden Schlangen. Einige schienen sich aus der leeren Luft zu materialisieren, während andere unter den Füßen der Soldaten aus dem Sand hervorbrachen. Wieder andere sprangen über die Ritter hinweg, um sie von hinten niederzumetzeln. Viele Soldaten wurden von einer brennenden Säure geblendet, die ihnen das Fleisch von den Knochen fraß. Andere, entweder tot oder zu stark verletzt, um sich noch zu wehren, wurden verschlungen, als sie wehrlos im Sand lagen. Die bösartigen Echsen labten sich an dem noch immer warmen Blut. Doch das fürchterlichste Schicksal von allen erwartete diejenigen Ritter, die lebendig nach Ipkur-Kesh gebracht wurden. Man versagte ihnen einen ehrenhaften Tod und zog sie unter den Sand in das Herz des bergähnlichen Tempels. Dort wurden sie der großen Schlangengöttin zum Opfer dargebracht und stärkten noch im Tod die Wiedergeburt der stygianischen Rasse.

Gewalt in einer gewalttätigen Welt

Negral diktiert die Schriftrollen des Totenreiches

"Ich fürchte nichts und niemanden, außer der Unsicherheit. Ich hoffe, mein Urteil wird genügen. Ah, ihr Lakaien. Diener des Finsteren, ich habe euren Herrn persönlich besiegt, warum sollte ich mich vor seinen geistlosen Marionetten fürchten? Ich weine um all jene, die dem Schatten verfallen sind, aber am Ende werde ich die Schuld für ihr Leiden eintreiben und ihre Seelen befreien."

Die Haut spannte sich stramm und glatt über den Rahmen, ein Zeichen für gute Qualität - die Qualität der Jugend. Gerade gut genug für die Schriften des Totenreiches: die wahre Geschichte der Welt, im Gegensatz zu den konfusen Unwahrheiten der anderen Rassen. In Namen des Finsteren forderten die Lakaien die Zukunft, und die Schriften des Totenreiches würden einst erzählen, wie sie in der Vergangenheit ihr Ziel erreicht hatten. Der blinde Schreiber erhob seine blutgetränkte Feder und schrieb:

"Wir haben die Welt die wahre Bedeutung der Angst gelehrt. Selbst ihre Chroniken bezeichnen unsere Ankunft als den Tag des Schreckens. Die Hungersnöte und die Seuchen, die sich überall in ihren Ländern ausbreiteten, waren die Vorboten unserer Armeen. Nun stoßen wir aus den vier Ecken der Erde ins Herz der Welt vor. Angeführt von den Propheten der Finsternis zermalmen wir ihren Widerstand. Zahllose haben sich dem Finsteren unterworfen und ihre nichtswürdigen Existenzen in SEINE Dienste gestellt.
Im Süden und im Osten trennt Lokoths Armee die Zwergenclans der Wölfe und der Blutknochen, und jeden Tag rückt er näher in Richtung der Elfenländer und der Stadt Helio vor, die eine hervorragende Trophäe abgeben wird. Im Westen wird der eiserne Griff, mit dem Nemeths Streitkräfte die Länder der Dunklen Hauer umklammern, immer fester, und lange wird es nicht mehr dauern, bis ihr Widerstand bricht. Im Süden wird der Charme Alehas, der Verführerischen, den Geierclan, schon bald zu Fall gebracht haben, denn wer könnte ihrer finsteren Anmut schon widerstehen ... Schließlich habe ich, Negral, hier im Norden einen blutigen Keil zwischen den Schwarzblüter und die verfluchten Erstgeborenen getrieben und kann mich nur über ihre Schwäche wundern. Den Schwarzblütern werden ich ob ihrer Arroganz eine Lektion in Sachen Demut erteilen. Die Erstgeborenen sind eine größere Herausforderung. Sie fallen gegen die Lakaien wie die Schafe, und doch bleibt da ihr Anführer, der angebliche Wahrhaftige König. Nie zuvor wandelte ein feigerer und verräterischerer Mensch über diese Erde. Unsere Streitkräfte bedrängen ihn an der östlichen Grenze seines Reiches, und der Wahnsinnige entsendet noch immer Soldaten in Richtung Süden, als hätte er nichts Besseres zu tun. Der Verdacht, daß er verrückt ist, scheint mehr als begründet, denn während er mit seiner lächerlichen Suche scheitern wird, nehmen wir sein Land in Besitz. Berichte über eine Armee, die sich um Chronopia sammelt, sind aus der Luft gegriffen. In diesen Tagen werden wir endlich mit dem Wahrhaftigen König abrechnen und den Tag genießen, an dem wir seine Stadt in die Höllen auf Erden und seinen Körper in einen Tempel des Schmerzes verwandeln."

Aus den Schriften des Totenreiches
Persönlicher Eintrag von Begral, Prophet der Finsternis, in seiner Zitadelle im Frostmeer

Eine Audienz mit Nisar Blutband

"Nisar Blutband, edler Herr der Schwarzblüter, Eure Selbstherrlichkeit wird Euer Untergang sein. Da Ihr zu stolz seid, Euch der Herrschaft eines Stärkeren zu beugen, werde ich Euch vernichten, wenn ich muß - doch nur, wenn ich muß."

"Was geht bloß in ihm vor, hat er nach all den Jahren schließlich doch seinen Mut verloren?"
"Verurteilt ihn nicht zu schnell, mein Herr. Wir sprechen über einen Mann, der selbst den Tod hereinlegen konnte."
"Du wagst es, mir zu widersprechen, Bokhir? Der Wahrhaftige König ist ein Scharlatan und ein Feigling. Er zieht seine Armee von seiner Ostgrenze ab, setzt somit den Lakaien kaum noch Widerstand entgegen, und überläßt es uns, ihren Vormarsch zu stoppen."
"Das scheint tatsächlich der Fall zu sein. Aber ich denke, sein Verhalten wird kalkuliert und nicht erzwungen sein. Wie ihr befohlen hattet, hat der Orden des Leuchtenden Sterns am Himmel seine Schritte verfolgt. Euer Seher erkennen ein komplexes Muster, subtile Verknüpfungen in teils vollendeter Ordnung und teils in kompletten Durcheinander. Er folgt einem größeren Plan, doch er spielt ein gefährliches Spiel."
"Gefährlich, in der Tat ... den Lakaien Boden abzutreten. Doch du hast wie immer recht, Bokhir. Ich befahl dem Orden des Leuchtenden Sterns, ihn zu studieren. Denn sollte er tatsächlich der Wahrhaftige König sein, gegen den sich unsere Vorfahren einst verschworen, dann müssen wir ihn mit Argusaugen beobachten. Denn dann wird er sicherlich versuchen, die Rassen wieder gegeneinander auszuspielen, wie er es schon einmal getan hat. Er wird warten wie ein Aasgeier, bis wir uns gegenseitig geschwächt haben, um dann schließlich selbst anzugreifen. Denn wer auch immer er sein mag, er hat keine Ehre. Ich fürchte, daß uns ein weiterer Krieg bevorsteht, sobald wir die Lakaien zurückgedrängt haben - ein Krieg gegen die Erstgeborenen. Unser Volk wird von Hungersnöten geschüttelt, unsere Armeen durch die endlosen Horden der Lakaien dezimiert. Es wäre tatsächlich ein gewaltiger Triumph, unter solchen Umständen siegreich zu sein. Ich erzähle dir dies im Vertrauen, Bokhir. Beim jetzigen Stand der Dinge würde ich keinen Krieg beginnen, aber ich werde auch vor keinem Krieg davonlaufen."
"Tapfer gesprochen, mein Herr. Ihr werdet dem Thron, auf dem Ihr sitzt, gerecht."
"Du bist ein ergebener Diener, Bokhir. Jetzt berichte mir die Neuigkeiten über das Schiff, das er nach Süden geschickt hat. Was will er mit nur einem Schiff erreichen?"
"Das Schiff hatte nicht mehr als einhundert Ritter an Bord, mein Herr. Eine kleine Sturmtruppe. Sie landeten an der Küste der südlichen Wüste, aber wir können nicht sagen, aus welchem Grund. Unser Vetter im tiefen Süden beauftragte Spione, ihren Spuren zu folgen, aber sie verloren die Kompanie in einem starken Sandsturm und kehrten zur Küste zurück. Dort wollten sie auf die Rückkehr der Sturmtruppen warten. Sie warteten bereits drei Wochen, als das Schiff plötzlich ohne Vorwarnung die Segeln setzte und in See stach."
"Wie interessant, unser verbannter Vetter teilt Information mit uns!" Nisar versank für einen Moment in Gedanken und schwieg. "Und was ist mit den Rittern, kehrten sie nicht zu dem Schiff zurück?"
"Nein, mein Herr. Sie kehrten nicht aus dem Sturm zurück."
"Und es kehrte niemand zu dem Schiff zurück?"
"Die Spione haben niemanden gesehen."
"Also hat er seine Männer auf eine Todesmission geschickt, auf die Suche nach einer seiner sogenannten Visionen."
"So scheint es, mein Herr."
"Und was hat es dann mit der Streitmacht auf sich, die sich um Chronopia sammelt? Ist das nicht weitaus bedeutender als einhundert Ritter?"
"Wir sind uns nicht sicher. Es ist unwahrscheinlich, daß Bezek oder Azaghur ihr Ziel ist. Eher würde er den Elfenherzog Valymir auf Baal Hasor angreifen. Es wäre zu viel der Hoffnung anzunehmen, daß er Negrals Streitmacht an der Küste angreift."
"Unsere Städte sollte er jedenfalls besser meiden, denn er hätte wenig Erfolg. Was auch immer er unternimmt, wir werden niemals seine Herrschaft anerkennen. Wir sind Schwarzblüter - wir leben, um zu herrschen, oder wir leben überhaupt nicht."

Die Gedanken von Herzog Zazen

"Ich spüre das Feuer Eures Blickes, Zazen, und ich spüre das Gewicht Eurer Zweifel. Von allen Herrschern der Welt hätte ich Euch am meisten zu offenbaren. Doch wie Eure Rasse, so sind auch Eure Gedanken gespalten. Jetzt bietet ihr mir Unterstützung an, denn zur Zeit scheint es Euch geraten. Doch wir Eure Rasse, so sind auch Eure Gedanken gespalten. Jetzt bietet Ihr mir Unterstützung an, denn zur Zeit scheint es Euch geraten. Doch gäbet Ihr Euren Gefühlen nach, so würde der Haß Eurer Rasse auf die meinige in Eurem Herzen ein Feuer entfachen, das nur mit dem Blut Erstgeborener zu löschen sein würde. Mit der Zeit vielleicht, vielleicht mit der Zeit. Doch einstweilen bleiben wir Feinde, wie wir es immer waren."

Herzog Zazen, Herrscher über das Haus des Kristall-Lotus, blickte über das Innere Meer. Hoch über der Erde, zwischen den Kristalltürmen von Elymris, blickte er voller Besorgnis in die Ferne.
"Sollte ich die Zeichen so falsch gedeutet haben?" fragte er sich. "Nein, ich habe keine Wahl. Ich muß dem Wahrhaftigen König und den Schwarzblütern helfen, so wie meinen Vetter Heliac unterstütze, der an der Seite der Zwergenclans kämpft. Den Lakaien muß Einhalt geboten werden, obwohl dies manchmal unmöglich zu sein scheint. Aber nun zieht er wieder die Aufmerksamkeit aller auf sich, wie er es schon einmal getan hat.
So viele Jahre sind vergangen, seit Herzog Chropus den Bund anführte und den Wahrhaftigen König tötete, und so viele Jahre lang hielten wir ihn für tot, für besiegt. Und doch ist er zurückgekehrt. Wenn auch viele an seiner Herkunft zweifeln mögen, seine Wiedergeburt für eine Lüge halten ... ich hatte meine eigenen Visionen. Und mögen sie auch schleierhaft und dunkel sein, sie lügen nicht. Er ist der Wahrhaftige König, er wandelt erneut auf dieser Welt. Doch wird er das Chaos bringen, oder kommt er, um es zu bekämpfen? Alle Rassen dieser Welt befinden sich im Krieg, vereint nur durch die Bedrohung der Lakaien. Selbst der Hof der Elfen ist gespalten. Der Schatten um meinen Vetter Valymir wird immer schwärzer, und ich werde langsam überdrüssig Herzog Heliac zur Zurückhaltung zu ermahnen. Ohne mich hätte er bereits einen mutigen, aber verhängnisvollen Feldzug gegen die Lakaien geführt, und sie würden bereits jetzt durch die Straßen von Helio marschieren.
Und nun, inmitten all dieses Durcheinanders, richtet der Wahrhaftige König seinen Blick Richtung Süden. Es wird mir übel bei dem Gedanken, daß er unbehelligt das Innere Meer durchsegelt. Aber schlimmer noch ist, daß er seine eigenen Ziele verfolgt, ohne sich darüber mit den anderen Rassen zu beraten. Warum nur die südliche Wüste? Und warum jetzt? Herzog Heliac und Kaiser Nisar wittern Verrat. Sie sehen die Armee, die sich um Chronopia sammelt, und fürchten sie. Sie fürchten einen Angriff auf ihre Länder. Immerhin sind seit dem letzten Versuch der Erstgeborenen, eine Elfenstadt einzunehmen, kaum vierzig Jahre vergangen. Sie scheiterten, und doch, durch die Macht der Lotusblume habe ich gesehen, wie der Wahrhaftige König sein Ziel erreichte. Herzog Heliac auf den Thron der Stadt Helio zu setzen. Ich mache mit ebenfalls Sorgen, wenn ich die Armee sehe, die sich bei der Hauptstadt des Wahrhaftigen Königs sammelt, aber ich wei0ß, wohin sie ihre Aufmerksamkeit richten wird. Nicht auf den Norden, sondern auf die Wüste im Süden, auf das Land Der Zwei Flüsse.
Aber was will er in der großen unwirtlichen Wüste schon angreifen? Selbst die Lakaien ignorieren die Wüste, also warum nur? Was hat er gesehen? Hat er den Sturz des Nördlichen Königreiches vorausgesehen und versucht zu fliehen, bevor es zu spät ist? Falls dem so ist und er den Rest von uns mit den Lakaien allein läßt, will ich ihn tot sehen. Ich würde die Rassen in einem neuen Bund vereinen und ihn ein zweites Mal erschlagen. Wir werden sehen, wie viele Leben der Wahrhaftige König hat."

Ratskammer der Zwergenfürsten

"Die Fürsten der Zwerge. Solch große Herzen und doch solch eine Engstirnigkeit. Bei Euren Tierclans und Euren Tiergöttern verwundert es nicht, daß Ihr die drohende Präsenz in der Wüste gespürt habt. Ich würde es bevorzugen, Euch nicht zu vernichten zu müssen, doch Eure Sturheit läßt mir vielleicht keine andere Wahl. Gebt acht, daß Euer schnelles Handeln keine lange Trauer zur Folge haben wird. Ihr werdet als erste die schreckliche Wahrheit erfahren. Laßt uns hoffen, daß der Pfad, den Ihr einschlagen werdet, der sein wird, der weniger Leben kostet."

Graugon Kag'n, der Herrscher der Dunklen Hauer, rief den Rat zur Ordnung.
"Wir fühlen uns geehrt, unsere Brüder vom Geierclan willkommen zu heißen. Es ist viel Zeit vergangen, seit wir Eure Stimme zuletzt im Rat vernahmen." Seine Stimme ertönte in der Ratskammer von Karath Dul, eines großen Amphitheaters, das in den Hauptpfeiler der zwergischen Ringfeste gehauen war. Seine Stimme hallte laut von den Wänden wider, jedoch nicht so laut wie die wütenden Proteste der anderen Clanherrscher. Sie gaben sich keine Mühe, ihre Feindseligkeit gegenüber dem Söldnerclan der Geier zu verbergen. Wie dereinst der Clan der Schakale verkauften auch sie ihre Schwerter, und wie die Schakale schienen auch sie sich mit dem Finsteren verschworen zu haben.
"Gebt Frieden, Brüder", sagte Kag'n mit müder Stimme, "trotz unserer Streitigkeiten ist der Geierclan gekommen, uns sein Wissen mit seinen Brüdern zu teilen, bevor er es mit irgend jemand anderem teilt." Er meinte natürlich die Lakaien und insbesondere die Prophetin Aleha. Sie versuchte unaufhörlich, den Geierclan in die Dienste des Finsteren zu locken, mit mehr als nur ein wenig Erfolg. Wenn die Geier ihre Schwerter für Gold verkauften, brachte das ihre Seelen der Finsternis einen großen Schritt näher. Doch mit einer Sache hatten Kag'n recht: Hier waren alle Zwerge versammelt, und es gab wichtige Neuigkeiten zu berichten. Das Raunen verstummte, und Kag'n bat den Anführer der Geier, mit seinen Ausführungen zu beginnen.
"Ich trete nicht vor Euch, um mich zu entschuldigen. Auch nicht, um die Entscheidungen meines Clans zu rechtfertigen. Ich komme, um Euren Rat zu suchen und Euch vielleicht vor neuen Gefahren zu warnen, die uns alle bedrohen."
Sein unerschrockenes Auftreten heiterte die Stimmung der anderen Herrscher nicht gerade auf, doch sein Verhalten war typisch zwergisch und verschlechterte seine Position auch nicht.
"Der Wahrhaftige König ist in die Wüste gezogen. Zunächst dachten wir uns nichts dabei, denn er schickte nur ein einzelnes Schiff. Aber dann, vielleicht eine Woche nachdem die Schiffsbesatzung in die Wüste aufgebrochen war ... spürten die Hüter in unserer Ringfeste ein .. Erwachen. Eine starke tierische Präsenz, wo eigentlich keine sein dürfte."
"Eine weitere Streitmacht der Lakaien. Sollten wir tatsächlich eine übersehen haben?" fragte der Herrscher der Blutknochen grollend.
"Nein, nicht der Lakaien. Die Hüter sprechen von etwas Älterem, nicht so finster, sondern ... kälter." Dem Hohen Fürsten des Geierclans schienen die Worte zu fehlen. Die Hüter verständigen sich wortlos und teilten anderen ihre Gedanken niemals direkt mit.
Der Herrscher des Wolfsclan schien die Geduld zu verlieren.
"Vielleicht irren sie sich. Sie haben bereits zuvor Ahnungen geäu0ert, in all unseren Reichen, aber außer gewöhnlichen Tieren haben wir nichts gefunden."
"Das dachten wir auch. Aber als die Ritter des Wahrhaftigen Königs nicht zurückkehrten, begannen wir, uns zu wundern. Ihr Schiff wartete drei Wochen und legte ohne Vorwarnung ab. Unsere Hüter werden immer unruhiger. Die Wüste ist ein uralter Ort, es gibt viele Erzählungen und finstere Legenden. Die Wüste wird auch das Land Der Zwei Flüsse genannt. Wir kennen die beiden Flüsse unter den Namen Psamtik und Sippar, doch die einheimischen Staatsangehörigen nennen sie Fluß der Zeit und Fluß des Blutes, und sie sagen, beide haben wieder begonnen zu fließen."
Der Hohe Fürst der Gehörnten erhob sich.
"Das ist Unsinn. Die Lakaien fallen über unsere Welt wie eine Seuche, und wir reden über verängstigte Stämme und leere Wüsten."
"Bruder des Widders, falls dort nichts ist, wie du annimmst", übernahm Graugon Kag'n erneut das Wort, "warum sollte der Wahrhaftige König dann seine Ritter opfern? Und warum sollte er mit Tausenden von weiteren Soldaten in dieses "Land Der Zwei Flüsse" segeln, wenn er seine Männer, genau wie wir, dringender denn je benötigt, um sich gegen die Lakaien zur Wehr zu setzen?"
Der Anführer der Gehörnten hatte keine Antworten zu bieten und setzte sich wieder.
Kag'n wandte sich an den Anwesenden zu und sag die versammelten Fürsten an.
"Wie immer bleiben die wahren Absichten des Wahrhaftigen Königs im dunklen, und wir können nur versuchen, seine Motive zu erraten und die Gründe zu erfahren. Falls sich in der südlichen Wüste eine neue Streitmacht befindet, soll er mit meinem Segen gegen sie kämpfen. Sollte er aber dorthin ziehen, um einen uns unbekannten Verbündeten zu treffen, müssen wir nach Wegen suchen, wie wir ihn angreifen können, bevor es zu spät ist. Wenn sich eine solch große Armee darauf vorbereitet, in den Süden zu ziehen, wird seine Hauptstadt Chronopia weniger geschützt sein. Wir müssen uns mit den anderen Rassen beraten, um ihre Sicht der Dinge zu erfahren. Vielleicht müssen wir den Erstgeborenen ein zweites Mal die Zähne ziehen."

"Muß es immer so sein?" Wahrscheinlich. Sie sehen, was ich tue, und halten mich für wahnsinnig. Und doch, ohne mich gäbe es die Schwarzblüter nicht mehr; die Elfen wären als nächstes gefallen; gefolgt von meinen eigenen geliebten Erstgeborenen. Die Zwerge hätten vielleicht noch viele Jahre ausgehalten, aber tausend Jahre weiter wären auch sie tot und von der Geschichte vergessen. Alle Rassen der Welt wären von einer unaufhaltsamen Welle von Lakaien hinweg gefegt worden. Ich war es, der die Propheten der Finsternis dorthin schickte, wo sie heute sind, und auf diese Weise die Streitkräfte der Lakaien teilte, sowohl was ihre Größe als auch was ihre Absichten betrifft. Erst jetzt, wo die vier Propheten ihre Armeen von den vier Ecken der Welt aus gegen uns alle führen, können wir eine schlummernde Gefahr wecken, eine neue Gefahr, die den Vormarsch der Lakaien aufhalten und sie dazu bringen wird, sich selbst verteidigen zu müssen. Und doch, diese Zeit ist voller Dunkelheit. Vielleicht bin ich wahnsinnig, aber ich bin mir auch sicher: Die einzige Hoffnung auf einen Sieg, auf einen Frieden, liegt darin, die Stygianer zu erwecken und noch mehr Gewalt in unsere gewalttätige Welt zu bringen."

Die Zeiten der Ungewißheit

Sarragud der Chronomant war totenbleich, als er seinen Bericht beendet hatte. Die Nachstreiter standen regungslos an seiner Seite. Noch immer war ihre schwarze Rüstung von den Spuren der Wüste gesprenkelt. Eine Armee, bestehend aus zehntausend Kriegern der Erstgeborenen, sammelt sich im Hafen und wartete auf das Einsetzen der Flut und den Befehl ihres Kommandanten, um ablegen zu können. Im Königsaal herrschte Stille. Der Wahrhaftige König erhob sich langsam von seinem Thron. Sein Blick war auf einen Punkt in weiter Ferne gerichtet; er sah Dinge, die andere nicht einmal erraten konnten. Sein Gesicht wurde bleich, seine Hände verkrampften sich zu Fäusten. Eine einzelne Träne lief über seine Wange, doch dann wurde sein Gesichtsausdruck hart wie Stein.
"Es ist vollbracht!" sagte er.
Die Tage waren in eine Finsternis gehüllt, die keine noch so intensive Vision durchdringen konnte. Es war wieder eine Zeit, wo der Verlust von Menschenleben keine Rolle spielte, sondern nur die Frage von Bedeutung war, wo diese Leben am effektivsten eingesetzt werden konnten. Der Wahrhaftige König floh nicht vor der Dunkelheit, er machte sich auf, sie sich zunutze zu machen. Die Tafeln des Schicksals waren seine Leuchtfeuer in einem fremden Land, die Kerzen in der Finsternis. Sie würden schwarzen Punkte in seinen Visionen mit Licht erfüllen. Und sie lagen in Ipkur-Kesh. Zuerst hatte er seine Männer in den Tod geschickt, doch nun brach er mit seinen Männer auf, um selbst den Tod zu bringen. Überall im Land erwachten die Stygianer, erfüllt von einem kollektiven Bewußtsein. Sie würden nur langsam erwachen, und während sie damit beschäftigt waren, die Jahrhunderte des Schlafs abzuschütteln, würde er zuschlagen. Er würde klarstellen, daß sein Volk keine Beute war, für niemanden. Die Stygianer kannten keine Angst, waren jedoch nicht ohne Vernunft, und sie würden weder vergessen, daß sie die Zeit des Erwachens schmerzhaft war, noch, daß die Armeen der Erstgeborenen die Quelle ihrer Schmerzen waren.
Wenn sie vor der Wahl ständen, würden sie sich einen anderen Feind aussuchen - die Zwerge, die Schwarzblüter oder die Elfen. Aber nicht die Erstgeborenen, die ihnen so große Schmerzen zugefügt hatten. Sicher, wie sehr auch immer sie sein Volk meiden würden, sie würden es noch stärker hassen. Und, sollten sie sich erheben, um die Welt erneut zu erobern, würde sein Volk einen bitteren Preis für sein jetziges Handeln bezahlen müssen. Doch das war eine andere düstere Zeit, mit der er sich beschäftigen mußte, wenn es soweit war. Momentan galt es, das Opfer seiner einhundert Ritter zu rächen und die prophetischen Tafeln in seinen Besitz zu bringen.
Zwei große Flotten landeten an der nördlichen Küste der Wüste. Die erste transportierte eine Armee aus fähigen Handwerkern. Die zweite Flotte hatte eine Armee von Soldaten an Bord. Während die erste sich daranmachte, die Küste so zu gestalten, daß sie den Stürmen der bevorstehenden Schlacht standhalten würde, marschierte die andere in die Wüste, um den Verlauf der Geschichte umzugestalten.
Die schrecklichen Stürme, die der ersten Kompanie so sehr zu schaffen gemacht hatten, hatten aufgehört. Die Soldaten des Wahrhaftigen Königs schmorten zwar noch immer in der mittäglichen Sonne und mußten der nächtlichen Kälte trotzen, aber ihnen blieb die schlimmste Seite der Wüste erspart. Daher benötigten sie auch nur vier Tage, um die riesige Düne zu erreichen, hinter der sich die Pyramidenstadt Ipkur-Kesh befand. Obwohl der Tag noch jung war, ließ der wahrhaftige König seine Armee antreten. Zehntausend Krieger sammelten sich in der Totenstille der Wüste, um zu hören, wie er nach fünfhundert Freiwilligen fragte, die die Stygianer herauslocken sollten. Er wählte aus zehntausend Händen. Die Stygianer kämpften auf vielfältige und raffinierte Weise, weshalb er eine gemischte Streitkraft zusammenstellte. Die Streitkolbenkämpfer sollten ihnen zuerst zusetzen, die Schwertkämpfer später durch die gegnerischen Reihen schneiden und von Langbögen und Armbrüsten gedeckt werden. Sarragud bestand darauf, den Stoßtrupp zu begleiten. Er sagte, er könne seine Kameraden nicht ein zweites Mal sterben lassen. Der Wahrhaftige König nickte verständnisvoll und beauftragte abermals die beiden Nachstreiter, ihn zu schützen, da sie bereits zuvor bewiesen hatten, daß sie dieser Aufgabe gewachsen waren.
"Du weißt, was zu tun ist?" fragte er.
"Und auch, daß es getan werden muß" antwortete Sarragud mit grimmigen Lächeln.
Von seinen fünfzig Paladinen wählte der Wahrhaftige König nur einen. Die anderen protestierten, denn sie waren mutig und brannten auf die Gelegenheit zum Kampfe. Dich der Wahrhaftige König hielt sie zurück. Er würde sie noch brauchen, wenn ihr aller Schicksal auf Messers Schneide stand. Noch konnte er nicht sagen, wann, aber er wußte, daß er ihre gesamte Schlagkraft benötigen würde. Und trotz ihrer Kampfeslust waren sie in erster Linie ergebene Diener. Sie verbeugten sich vor ihrem Herrn und nahmen ihre Position ein. Alle anderen, Schwertkämpfer, Streitkolbenkämpfer, Bogenschützen und die Eiserne Garde, machten sich auf in die Wüste. Sie folgten der Führung der Chronomanten, die besser als irgend jemand sonst die Gedankengänge ihres rätselhaften Herrn kannten. Der Wahrhaftige König ging als letzter. Mit ihm ging seine Elitegarde, die Schwarze Schwesternschaft, die jedem seiner Schritte folgte und selbst das kleinste Loch nach versteckten Gefahren durchsuchte.
Es schien ein kleiner Haufen zu sein, als sich der Großteil der Armee entfernte und hinter den Dünen verschwand. Doch die Freiwilligen hatten Vertrauen. Vertrauen in die Vernunft und Klugheit der Pläne ihres Herrschers. Und doch waren alle überrascht, wie einsam sich fünfhundert Männer fühlen konnten. "Kein Mut ohne Angst" lautet das alte Sprichwort Und wie ein Mann bestiegen sie die riesige Düne, von der alle bereits gehört hatten und von der sie wußten, daß sie den Tod barg. Den Tod der Vergangenheit und auch der Tod, der noch kommen würde.
Am folgenden Tag hatten sich die fünfhundert in der Nähe des Eingangs zu der großen Pyramide gesammelt. Wie zuvor ihre Brüder hatten auch sie voller Staunen die gigantische Stufenpyramide Ipkur-Kesh bewundert. Die Oberfläche dieses uralten Relikts leuchtete in der Sonne wir frisch gehauener Stein. Viele hatten erwartet, den Sand auf dem Boden des Tals getränkt vom Blut ihrer gefallenen Kameraden vorzufinden, doch er sah sauber und unberührt aus. Sie hatten unruhig vor dem riesigen Schlund des Tores geschlafen. Am Morgen betraten Sarragud und seine beiden Leibwächter - die einmal mehr ihre Wüstentarnung trugen, als sei sie ihnen zu einer zweiten Haut geworden - die Stadt Ipkur-Kesh. Viele mutige Männer sahen zu, wie sie in der Pyramide verschwanden, und waren erleichtert, die Dunkelheit noch nicht selbst betreten zu müssen.
Die fünfhundert Soldaten wurden immer besorgter, als der Morgen zum Tag wurde und es noch immer kein Lebenszeichen von dem Chronomanten gab. Die Pyramide konnte doch unmöglich so groß sein. Der Paladin bereitete sich gerade darauf vor, das Grabmal zu betreten, als sie endlich wieder auftauchten. Einer der Nachstreiter trug Sarragud über die Schulter, während der andere mit gezogenem Schwert und einer großen Scheibe in der Hand rückwärts aus der Pyramide trat. Der Paladin übernahm das Kommando. Er war über das Schicksal der Ritter in Kenntnis gesetzt worden, die hier ihr Leben gelassen hatten, und wußten auch, wie die Stygianierin angegriffen hatte. Er brachte Sarragud vom Eingang fort und postierte zwei Langbogenschützen, die den Eingang im Auge behalten sollten. Sarragud war bei Bewußtsein, aber sehr blaß. Seine beiden Unterarme waren säuberlich verbunden, dennoch war Blut zu erkennen. Er zitterte und beschwerte sich über die Kälte, wie ein Mann, der viel Blut verloren hat.
Der Paladin riß seinen Kopf herum, als er das Geräusch von Pfeilsalven vernahm und hörte, wie Pfeile von Steinwänden abprallten. Die Langbogenschützen, die den Eingang bewachten, hatten auf etwas geschossen, das aus dem Dunkel aufgetaucht war. Was auch immer es gewesen war, es hatte sich in die Dunkelheit zurückgezogen, aber aus dem scheinbar leeren Gang hallte ein wildes Zischen. Der Paladin schluckte seine Anspannung herunter und trat vor.
"Macht euch bereit!", schrie er mit donnernder Stimme, die sogar jetzt noch Vorfreude zum Ausdruck brachte.
Es folgte ein scheinbar endloser Moment der Stille, und das einzige Geräusch war das nervöse Atmen der Männer, das Pochen ihrer Herzen, das Rauschen des Blutes in den Ohren, das in ihren Helmen widerhallte. Und inmitten der drückenden Hitze und der Trockenheit der Wüste war Wasser zu hören. Wie eine Welle, die über den groben Sand hinwegspült, die, so schien es, sich in ihre Richtung bewegte und dabei lauter wurde und immer näher kam.
"Stellung halten!" schrie der Paladin, und manch bebender Schwertarm wurde wieder ruhig.
Das Geräusch wurde immer lauter, bis es schließlich das ganze Tal zu erfüllen schien ... und dann griffen die Stygianer an, schwärmten über den Rand der Düne. Hätte nicht ihr spürbarer Haß in der Luft gelegen, hätten sie beinahe schön ausgesehen. Ihre schwarzen Schuppen schimmerten in der Mittagssonne und bildeten einen reizvollen Kontrast zu ihren verzierten, bronzefarbenen und goldenen Rüstungen. Ihre juwelenartigen Augen waren regungslos, ihre weißen Zähne schienen darauf zu warten, Fleisch zerreißen zu dürfen. Rennend und gleitend näherten sie sich, begierig zu töten. Ihre schiere Anzahl brachte viele Kämpfer an den Rand der Panik, doch dann sangen die Langbögen. Eine Wolke aus Pfeilen tauchte die Wüste einen Moment lang in Dunkelheit und ging wie ein tödlicher Regen auf die Stygianer nieder.
Die Wirkung dieses plötzlichen und unerwarteten Angriffs auf die stygianische Horde war erstaunlich. Es war, als würde eine Welle des Schmerzes durch jeden Schlangenmenschen ziehen und ihn lähmen. Doch der Moment verstrich so schnell, wie er gekommen war, und sie stießen weiter vor. Eine weitere Todeswolke ging nieder, und noch eine. Und jedes Mal war die Wirkung auf die heranstürmende Horde geringer ... und ihre bösartig gekrümmten Klingen kamen immer näher.
Sarragud hatte sein Bewußtsein wiedererlangt und begann mit Hilfe seiner Leibwächter, die innere Verteidigung der Ritter zu organisieren. Obwohl er stark geschwächt war, nutzte er seine Kräfte, um in die Zukunft zu schauen und den Kampf zu analysieren. Nicht zu sehr und nicht zu weit. Nach seinen Erfahrungen während der letzten Erkundung war er vorsichtig geworden. Er sah gerade weit genug, um herauszufinden, woher die stärksten und überraschendsten Angriffe der Stygianer kommen würden.
Wie schon einmal bildeten die Ritter des Wahrhaftigen Königs einen Kreis, vielleicht einhundert Schritte vom Eingang entfernt. Dort stellten sie sich der geballten Wucht des Angriffs der Stygianer. Der Pyramide am nächsten hatte der Paladin die Erstgeborenen Schwertkämpfer positioniert. Sie brachen fast zusammen, als die Stygianer in ihre Reihen preschten. Ihre Körper warfen sich gegen die Schilde und die Schwerter, sprangen aber wieder zurück, bevor die Schwertkämpfer Gelegenheit hatten, sich zu erholen und zuzuschlagen. Die Reihen der Schwertkämpfer formiert der Schwertkämpfer formierten sich erneut, nur um festzustellen, daß manch gekrümmte Klinge ihr Ziel gefunden hatte.
Die Stygianer nahmen sie in die Mangel. Sie wirbelten vor und zurück und zogen die Reihen der Schwertkämpfer auseinander. Eine kleine Gruppe der Ritter preschte darauf hin frustriert vor. Die Stygianer füllten die Lücke. Sie stürzten mit erschreckender Geschwindigkeit auf die Ritter zu, befanden sich plötzlich mitten unter ihnen und richtet verheerenden Schaden an, indem sie gezielt die schmalen Lücken in den Rüstungen der Ritter ausnutzen. Diese waren überrascht, mindestens ebenso sehr von der ungewöhnlichen Angriffsmethode wie von Geschwindigkeit und Geschick ihrer Angreifer. Aber nun wurden sie wütend, und die Wut verdrängte Schrecken und Angst. Die Lektionen ihrer Ausbildung drangen in ihr Bewußtsein, und ihre ungestüme Wildheit kam zum Vorschein. Einer der Schwertkämpfer - er hatte seine linke Hand verloren, als er seinen Schild eingebüßt hatte - nutzte die leichte Überraschung eines Stygianers. Die Kreatur schien das menschliche Blut zu genießen, das ihr ins Gesicht gespritzt war, und der Schwertkämpfer bohrte sein Schwert in den Bau der Kreatur. Die Schuppen widersetzten sich dem Stoß, also faßte er mit seinem blutenden Stumpf hinter den Kopf des Stygianers und zog die Kreatur in sein Schwert. Der Stygianer zischte, als er in den Sand fiel und der Ritter seine Umklammerung löste.
Die Streitkolbenkämpfer hatten eine eigene Antwort auf die Taktik ihrer Widersacher gefunden. Sie bildeten eine Verteidigungslinie und positionierten vor dieser Linie kleinere Einheiten. Die Streitkolbenkämpfer mußten lediglich ihre Position halten. Erfahrene Streitkolbenkämpfer wirbelten ihre großen, zweihändigen Streitkolben, um die Stygianer in Schach zu halten, während die kleineren, vorgeschobenen Einheiten ihre Aufmerksamkeit auf einzelne Stygianer richtete. Indem sie sich nur auf eine der rasenden Kreaturen konzentrieren, konnten die Streitkolbenkämpfer ihre Stärke ausspielen. Sie ignorierten ihre zahlreichen Wunden und zerschmetterten Stygianer um Stygianer. Ihre Streitkolben zerbrachen die goldenen Klingen, zerbeulten die bronzenen Rüstungen und zertrümmerten schuppige Schädel. Der Sand wurde dunkel von fremden Blut.
Die Bogenschützen wählten ihre Ziele mit Bedacht, um die bedrängtesten Gebiete zu unterstützen. Doch ihre Reihen lichteten sich schnell. Trotz Sarragus Anstrengungen brachen viele Stygianer ungehindert durch den Kreis der Ritter. Einige stießen durch die größer werdenden Lücken, andere sprangen einfach über die Köpfe der Ritter hinweg und schlugen noch im Flug mit ihren Klauen zu. Die Bogenschützen hielten ihre Position und verließen ihre Stellung nur, wenn sie nicht anders konnten. Weiter südlich, in der Nähe der Pyramide, erschienen auf einmal zwei neue Kreaturen. Gewaltige, vielköpfige Schlangen, einer mythischen Hydra ähnelnd. Ihre Köpfe bewegten sich wie Schlangen und sie pflügten durch die eigenen Reihen, um die Reihen der Erstgeborenen zu erreichen und zu vernichten. Die Bogenschützen gaben alles, um sie aufzuhalten. Selbst als sie hinterrücks von Stygianern angegriffen wurden und einer um den anderen fielen, schossen sie bis zuletzt weiter auf die riesigen Bestien, Salve um Salve. Ihre Pfeile prallten von den Schuppen ab oder blieben in der dicken Haut stecken, und als die Pfeilwolken langsam dünner wurden, hörten sie, wie ihnen der Paladin zu Hilfe eilte und den Stygianern Respekt beibrachte. Sie feuerten noch, als sie ihn fallen hörten, selbst im Moment seines Todes noch fluchend und kämpfend. Und schließlich trugen ihre Bemühungen Früchte. Viele Köpfe der Monster hingen schlaff und tot herab, was ihren Kameraden die Chance gab, das Ihre zu tun. Die wenigen Schützen, die noch standen, griffen zu ihren Äxten und machten sich auf, ihr Leben teuer zu verkaufen.
Überall kämpften die Erstgeborenen mit Heldenmut, doch überall waren ihre Todesschreie zu hören. Der Kreis der Ritter schmolz dahin wie eine Pfütze in der Sonne. Aus dem Schlund der Pyramide tauchten zwei weibliche Stygianer auf. Es schien sich um Priesterinnen zu handeln, denn sie umgab eine Aura der Würde und Macht. Die Horde aus Stygianern teilte sich, um sie passieren zu lassen. Auf ihrem Rücken trugen sie runde Steintafeln - Talismane, die mit den Tafeln des Schicksals verbunden und von ihrer Macht durchdrungen waren.

Doch nun nahte auch ER. Er weinte, als er sah, was seinen Männern angetan worden war, als er sah, was er auf die Welt losgelassen hatte. Doch noch mehr beweinte er die Tapferkeit, mit der seine Untergebenen kämpften. Als er am Rand der mächtigen Düne stand, glich er einem Diamanten, den die Sonne aus dem Sand herausgeschmolzen hatte. Sein wütender Schlachtruf donnerte über das Tal und rief annähernd zehntausend gepanzerte Ritter zur Schlacht herbei. Die wenigen Überlebenden unter den fünfhundert Freiwilligen hörten seinen Schlachtruf und mobilisierten ihre letzten Kräfte, um die Verstärkung zu erreichen. Armbrustschützen mit schweren Bolzen bereiteten ihnen den Boden, und die Schwertkämpfer pflügten durch die Masse der Stygianer. Die Schlangenmenschen fielen tatsächlich, überrascht von der plötzlichen Stärke der Gegner, die sie besiegt glaubten. Sie wichen vor dem Wahrhaftigen König zurück, als könnten sie instinktiv seine Wut spüren. Und der Wahrhaftige König führte den Sturm an. Überall um ihn herum kämpften die verdientesten der Schwarzen Schwesternschaft, todbringend und Tod erntend.
Von der gegenüberliegenden Seite des Tales stürzten sich die Paladine in das Schlachtgetümmel und schlugen eine blutigen Pfad zu der Pyramide. In ihrem Kielwasser marschierte die Eiserne Garde wie ein Schatten aus Stahl. Die Paladine kämpften selten gemeinsam, denn normalerweise kämpften sie gleichmäßig in der Armee verteilt, damit alle von ihrer großen Stärke und ihrem Mut profitieren konnten. Doch jetzt, wo sie gemeinsam kämpften, waren sie ein unglaublicher Anblick. Sie waren von der Freude am Kampf erfüllt und schlugen tiefe Breschen in die Reihen der Stygianer. Es kam Bewegung in die Schlangenhorde, als die Stygianer versuchten, ihre mächtigsten Krieger aufzubringen, um dem Vormarsch der Paladine Einhalt zu gebieten. Als sich mehr und mehr Große Krieger und vierarmige Wächter der Stygianer den Paladinen in den Weg stellten, wurde ihr Vormarsch langsamer, doch sie rückten noch immer vor. Die Kameraden deckten sich gegenseitig; wenn einer angriff, sorgte ein anderer für seine Verteidigung, wenn einer den Schlag eines Stygianers abwehrte, schwang ein anderer seinen Todesspieß und schnitt die Kreatur in zwei Teile. Sie waren nur noch fünfzig Meter von der Pyramide entfernt, als sie von der schieren Masse der Stygianer aufgehalten wurden, aber das spielte kein Rolle, denn sie hatten die Position erreicht, die ihnen ihr Herr befohlen hatte einzunehmen. Nun kämpften sie, um ihre Position zu halten. Ein kleiner Menschenhaufen, der mit dem Tod tanzt und dabei vor Freude strahlte.
Die Eiserne Garde befand sich nun hinter den Paladinen innerhalb des Tals. Wie ein Mann vollführte der Trupp eine Vierteldrehung und mit eiserner Disziplin, inmitten der Gewalt und dem Durcheinander, bildeten die Gardisten ihren gefürchteten Schildwall. Dann, wie der Schatten einer Sonnenuhr, begannen sie, sich um eine Achse zu drehen. Hinter ihnen deckten kleine Gruppen von Rittern ihre Rückseite gegen jeden Stygianer, der durchbrach oder die Mauer überwand, indem er über sie hinwegsprang. Sie bewegten sich langsam, sehr langsam, doch unaufhaltsam.
Überall in dem runden Tal tobte die Schlacht. Der Zustand der Schlangenhorde schien sich von Kampflüsternheit zu wütender Raserei gewandelt zu haben; sie waren es nicht gewohnt, daß sich ihnen jemand so stark widersetzte. Sie kämpften noch schneller und härter, doch der Bann ihres schrecklichen Rufes war gebrochen und die Erstgeborenen standen ihnen an Wildheit nicht nach. Und hinzu kam der Wahrhaftige König selbst. Er war kein General, der die Schlacht aus der Ferne dirigierte - die Rüstung des Wahrhaftigen Königs triefte vor Blut: seinem eigenen, dem seiner Untertanen und dem seiner Gegner. Seine Muskeln schmerzten, sein Herz stach und doch drängte er weiter vor. Er hatte die beiden Priesterinnen beobachtet, als sie aus der Pyramide traten und die Tochtersteine der Tafeln des Schicksals trugen. Der Schatten war über sie gekommen, das Spiel hatte begonnen. Er konzentrierte seine Angriffe in Richtung der Priesterin, die ihm am nächsten war. Hinter ihm wiesen die Chronomanten die Bogen- und Armbrustschützen an, ihm den Weg zu bahnen. Er sah, wie sich das Sonnenlicht in den Rüstungen der Ritter der Eisernen Garde spiegelte, als sie ihren Schildwall bildeten, und wußte, daß seine Paladine ihre Position erreicht hatten. Nun stürmte er selbst nach vorne und streckte mit seinen eisenbewehrten Fäusten alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte.
In ihrer unsäglichen Arroganz näherte sich die Priesterin, die ihm am nächsten war, dem Wahrhaftigen König, und ihre Großen Krieger und Wächter stießen die geringeren Stygianer beiseite. Als sie aufeinandertrafen, verloren viele Schwarzen Schwestern ihr Leben, doch fielen mindestens ebenso viele Stygianer. Der Wahrhaftige König sag, wie der Bauch einer Schwarzen Schwester vom Viperzahn eines Wächters aufgeschlitzt wurde und sie versuchte, dennoch wieder auf die Beine zu kommen. Sie rückten weiter vor, und wieder fiel eine Schwarze Schwester, gebissen von den giftigen Schlangen, die sich um den Hals der Priesterin wanden, die einer Medusa glich. Der Wahrhaftige König stürmte vorwärts und fühlte die Macht des Willens der Priesterin, die versuchte , ihn erstarren zu lassen. Der Will der Priesterin war stark, doch er war stärker. Sein Schwert glitt in ihre Schulter und schlitzte die Brust der Priesterin auf. In ihren seltsamen und fremden Augen leuchtete Ratlosigkeit und Unglaube, als sie in den Sand fiel.
Rasch kniete er sich vor ihre Leiche, zog seinen Stahlhandschuh aus und legte seine Hand auf den Tochterstein. Mit dieser Berührung war die erste der Tafeln des Schicksals sein, und die Stygianer gerieten ins Stocken.
Sie begannen, sich in Richtung der Pyramide zurückzuziehen, doch die Erstgeborenen Ritter preschten von allen Seiten vor, und der Schildwall rotierte schneller. Die anderen Priesterin rief ihre mächtigsten Krieger zu sich und schritt in Richtung des Eingangs der Pyramide. Es waren noch immer viele Stygianer, selbst wenn sich das Schlachtenglück gewendet hatte, und sie kämpften mit neuer kraft, um die Flucht der Priesterin zu decken. Wenn es ihr gelingen sollte, die verschachtelten Gänge der Pyramide zu erreichen, wäre der zweite Tochterstein der Tafeln des Schicksals für die Erstgeborenen verloren, denn sie konnten kaum davon ausgehen, die Stygianer im inneren ihrer eigenen Tempelfestung besiegen zu können. Die Ritter versuchten verzweifelt, den Rückzug der Stygianer aufzuhalten, aber sie wurden zur Seite gedrängt. Nur eine Einheit war nahe genug, um eine Chance zu haben; eine Einheit, von denen ursprünglichen neunundvierzig Kriegern nur noch zwanzig übrig waren: die Paladine. Sie kämpften selbst jetzt noch wie Dämonen, stark und unermüdlich. Sie sahen, daß die Stygianer zurückwichen. Sie sahen, daß ihre Brüder vergeblich versuchten sie aufzuhalten. Einer der Paladine hielt einen Moment lang inne, um seinen Blick über das Schlachtfeld zu richten. Er blickte in die Augen des Wahrhaftigen Königs. Der Wahrhaftige König hatte seinen Helm verloren und stand nun regungslos da, sein majestätisches Gesicht trug die Spuren der Schlacht und seine stechenden Augen übermittelten eine Botschaft: "Die Zeit ist gekommen, schlagt jetzt zu!"
Der Paladin neigte seinen Kopf zur Seite; es war eine große Ehre, solch einem Herrn dienen zu dürfen. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Stygianer und sah, wie sie die Priesterin mit dem mystischen Stein auf dem Rücken beschützten, wie sie die Priesterin in die Sicherheit des Tempels geleiten. Viele Stygianer standen zwischen den Paladinen und der Priesterin. Zu viele, dachte er. Eine würdige Herausforderung für einen Paladin.
"Zu mir" rief er, "Brüder, zu mir!"
Er stürmte vorwärts, und seine Kameraden folgten ihm. Sie rasten wie Wahnsinnige in die Stygianer, benutzten ihre gepanzerten Körper als Waffe. Sie kämpften wie Männer, die eben erst frisch ausgeruht das Schlachtfeld betreten hatten, und schlugen eine Schneise in die Reihen der Stygianer, um die Flucht der Priesterin zu verhindern. Die anderen Erstgeborenen sprangen für sie in die Bresche, um nicht von den Paladinen abgeschnitten zu werden, und die Paladine rückten weiter vor. Die Priesterin erkannte die neuerliche Gefahr und versuchte, die stürmenden Paladine abzudrängen. Auf den unausgesprochenen Befehl der Priesterin hin veränderte die Streitmacht der Stygianer erneut ihre Stellung, aber ihre Formation erschien konfus. Irgend etwas - nicht Angst, sondern ein anderes Gefühl - verbreitete sich in der Horde, verwirrte sie und ließ sie zögern. Ein Gefühl des nahenden Todes und das instinktive Verlangen, ihm zu entrinnen. Die Priesterin näherte sich der schutzbietenden Pyramide, und in ihrem Wettlauf mit der Zeit hackten sich die Paladine weiter ihren weg frei, um sie aufzuhalten.
Die Priesterin war noch zwanzig Meter von dem Eingang entfernt, als neun Paladine zum Eingang durchbrachen und ihr den Weg versperrten. Die Wächter und Großen Krieger der Stygianer stürmten auf die Paladine zu, die sich brutal zur Wehr setzten. Nur noch vier Paladine standen, und anstatt sich einem weiteren Angriff zu stellen, warfen sie sich auf die Priesterin und ihre Leibwache. Der erste Paladin duckte sich unter dem Hieb eines Goldenes Schwertes hinweg und rammte seinen Todesspieß in den Bau des Stygianers. Ohne die Waffe aus dem gefallenen Stygianer zu ziehen, stürzte er sich auf den nächsten Feind, drückte ihn mit dem Gewicht seines Körpers zu Boden und versuchte, seinen Zähnen und Klauen auszuweichen.
Der nächste Paladin parierte einen gewaltigen Hieb, betäubte den Stygianer durch einen Schlag mit seinem Todesspieß und zerschmetterte den Schädel eines weiteren, bevor er seine Hand, sein Bein und schließlich sein Leben verlor. Die übrigen beiden Paladine töteten die letzte Leibwache und standen vor der Priesterin. Einer wollte losschlagen, doch er merkte, daß er sich nicht bewegen konnte. Der andere jedoch schwang seinen Todesspieß in weitem Bogen und versenkte ihn im Leib der Priesterin. Der große Tochterstein fiel schwer zu Boden, als der Paladin ihren Körper schüttelte, um seinen Todesspieß zu befreien. Sein Kamerad stolperte vorwärts, als sei er aus einer unsichtbaren Faust befreit worden, und stellte sich sofort vor den großen Tochterstein, um ihn mit seinem Leben zu verteidigen.
Die Stygianer kannten vielleicht keine Angst, aber sie kannten Haß. Nach dem Tod ihrer Priesterin verfielen sie in einen rasenden Blutrausch, doch sie starben nichtsdestoweniger. Und keiner näherte sich den beiden überlebenden Paladinen. Es schien, als hätte man sie schließlich Respekt gelehrt. Der Kampf tobte noch lange, nachdem die Sonne untergegangen war. Als die Nacht schließlich heraufgezogen war, lebte kaum mehr als eine Handvoll Stygianer. Auf telephatischem Wege erhielten ihre noch schlafenden Brüder in dieser Nacht die Nachricht, daß die Erstgeborenen mehr als alle anderen auf ewig zu hassen seien, doch daß sie keine leichte Beute wären.
Auf dem Schlachtfeld lächelte der Wahrhaftige König grimmig. Die Schatten lösten sich auf, die beiden Tafeln des Schicksals gehörten ihm, und mit ihnen würde er auch die restlichen in seinen Besitz bringen. Jetzt mußte er nur noch eins erledigen: eine dämonische Saat im Geist der erwachenden stygianischen Rasse hinterlassen. Seine Botschaft war einfach und grausam: "Eure Zeit ist vorbei. Ihr seid keine Herrscher mehr, denn die Welt hat sich gewandelt. Es fließt wieder Blut im Land Der Zwei Flüsse - Euer Blut!"

Sie warteten, bis der Mond voll war und hoch am klaren Wüstenhimmel stand. Dann, eine reihe von hellen Öllampen folgend, stiegen sie ins Herz von Ipkur-Kesh hinab. Sarragud wies ihnen den weg, nicht als Führer, sondern als Lohn für seine Dienste. Hinter ihm gingen die beiden Nachstreiter, die ihn zu schützen geschworen hatten. Es folgte der Wahrhaftige König, sein Gesicht war hart, seine Augen leuchteten mit wildem Feuer, und an seiner Seite gingen die beiden Paladine, die Helden des Tages. Ihnen folgte, wie ein Schatten des Todes, ein Richter. Er trug seine Axt Wahrheitsfinder, und die dunkle Kapuze verbarg weitaus mehr als nur sein Gesicht.
Sie konnten das wütende Zischen der Kreatur hören, noch bevor sie die Hauptkammer betraten, in der sich der Opferaltar der Stygianer befand und aus der die Tafeln des Schicksals entfernt worden waren. Der Raum war in ein gespenstisches Licht getaucht, das aus dem Loch in der decke der Kammer hineinfiel. Als die Gruppe den Raum betrat, drehte der Stygianer seinen Kopf und starrte sie an. Seine Wut war greifbar, die Wut, an seinen eigenen Opferaltar gefesselt zu sein. Seine vier Arme stemmten sich gegen die Ketten, mit der er gefesselt war, doch es gab keinen Ausweg.
Die Gruppe verteilte sich im Raum. Der Wahrhaftige König schritt zu dem Kopf des Altars, der Richter zu seinem Fuß. Als schließlich alle bereit waren, trat der Wahrhaftige König vor. Er streckte seine Hände aus und griff nach dem Kopf des Stygianers. Er beugte sich näher an den Stygianern heran und starrte direkt in die kalten, unmenschlichen Augen der Kreatur. So nah, daß er den zischenden Atem des Wesens in seinem Gesicht spüren konnte.
"Siehst du mich? Erkennst du mich?" flüsterte er grimmig und leise. So leise, daß ihn nur der Stygianer hören konnte. "Versuchst ruhig, uns zu töten, wenn ihr könnt. Die Zeit, in der ihr die Herrscher wart, ist vorbei und kommt nicht wieder."
Einen Augenblick lang hielten ihre Blicke einander stand, dann richtete sich der wahrhaftiger König auf und ließ den Kopf des Stygianers los. Er hielt einen Moment lang inne, sah zu dem Richter hinauf und neigte dann seinen Kopf. Der Richter hatte den Befehl, einen tödlichen Schlag zu landen, doch einen, der nur langsam den Tod brachte. Er zog seine Axt zurück, als der Stygianer schmerzerfüllt in sich zusammensank. Sein schwarzes Blut floß reichlich und wurde in den Stein gesogen. Als es in ihm eindrang, zischte und dampfte es jedoch wie Säure, und plötzlich, mit einem lauten Krachen, bekam der Altar Risse.
Als hätte eine Kettenreaktion eingesetzt, breiteten sich die risse von dem Altar aus, über den Boden in die Wände der Kammer. Der Raum war plötzlich zu einem sehr gefährlichen Aufenthaltsort geworden. Das Verlangen, aus dem einstürzenden Raum zu fliehen, war groß, aber der Wahrhaftige König bewegte sich nicht. Steinbrocken fielen von der Decke herab und er blieb immer noch. Erst als eine Seite des Türrahmens einstürzte, erlaubte er Sarragud, ihn aus der Kammer hinaus zu führen. Sie rannten nicht, sie gingen, und um sie herum brach Ipkur-Kesh zusammen. Zur großen Erleichterung der Ritter, die besorgt vor dem Eingang gewartet hatten, traten sie in die Nacht hinaus. Die gesamte Pyramide bebte wie bei unter einem Erdbeben, und die Ritter wünschten sich nichts sehnlicher als so weit wie nur möglich von den herabstürzenden Gesteinsbrocken wegzugelangen.
Sobald der Wahrhaftige König die Pyramide verlassen hatte, befahl er seinen Männern, sich von der Pyramide zurückzuziehen und auf die Düne zu steigen. Sie benötigten keine weitere Ermunterung, und die Armee zog geschlossen ab. Als sie die Düne bestiegen hatten, erfüllte ein donnerndes Geräusch das Tal, und Ipkur-Kesh verschwand in einer großen Wolke aus Staub und Sand. Der Wahrhaftige König warf nicht einmal einen kurzen Blick zurück. Es galt, viel Arbeit zu erledigen, und einmal mehr war es an der Zeit, in die Zukunft zu schauen.
Während seine Soldaten in den Krieg gezogen waren, hatten seine Handwerker und Arbeiter mit der Arbeit an der ersten der Seefestungen begonnen, gewaltigen Festungen, die seine Stellung hier in der Wüste sichern würden. Es gab noch weitere stygianische Pyramiden, die darauf warteten, entdeckt zu werden, und es gab noch weitere Tafeln des Schicksals, die er in seinen Besitz bringen mußte. Sie blockierten seine Visionen, warfen Schatten auf das Licht seines Wissens. Gefährliche Schatten, die Gefahren verbargen. Aber nun besaß er zwei dieser Steine, und er würde, er mußte noch weitere finden. Er würde alle andere Aufgaben hinausschieben, den scheußlichen Lakaien Boden schenken und riskieren, den geballten Haß aller anderen Rassen auf sich zu ziehen. Alles, was nötig war, um die Zeit der Ungewißheit zu beenden.

Feinde - Überall Feinde

"Wäre der Preis meines Versagens nicht so hoch, ich würde allen entsagen, nur um einmal ruhig schlafen zu können, ohne meinen Geist schützen zu müssen. Doch hier, im Turm der Ewigkeit, schließe ich meine Augen und was sehe ich? Feinde; überall Feinde. Ein jeder zu mächtig, als daß er unterschätzt werden dürfe; zu gefährlich, um ihn zu ignorieren.

Ein mysteriöser Angriff

Negral, ich hätte dich niemals für so willensstark gehalten. Wann wirst du dich abwenden, um den Feind in deinem Rücken zu bekämpfen? Ich weiß daß du es tun wirst, denn ich habe es vorausgesehen, aber wann? Wann endlich?"

Der Schreiber fiel nach hinten. Mit der einen Hand, die ihm geblieben war, umklammerte wer seine verletzte Kehle. Die andere Hand, die den Zorn seines Herrn erregt hatte, lag auf einem Samtkissen, auf daß die anderen Schreiber sahen, welchen Preis sie für Lügen in den Schriftrollen des Totenreiches zu zahlen hatten.
Negral nahm das Pergament in die Hand. Sein Ärger wurde durch die qualvollen Geräusche des an seinem eigenen Blut erstickenden Schreibers nur leicht besänftigt. Er rieb die Schriftrolle zwischen Daumen und Zeigefinger, um ihre Qualität zu prüfen. Elfisch, dachte er: weiblich, der Weichheit des Materials nach.
Es würde ihm große Freude bereiten, er brennen zu sehen. Er hob das Pergament gegen das Licht und las die Schriftrolle, die das Schicksal des Schreibers besiegelt hatte.
"Der sogenannte Wahrhaftige König ist zurückgekehrt und hat sich schließlich doch noch herabgelassen, ein wenig Widerstand zu leisten, so erbärmlich er auch sein mag. Von unserer Finsteren Schwester Aleha haben wir von der beachtlichen Armee der Erstgeborenen erfahren, die sich nun in der südlichen Wüste aufhält und mit der Errichtung einer Art von Festung an der Küste beschäftigt ist. Der Grund für diese Anstrengungen ist uns unklar, aber nicht von Bedeutung.
Aleha beabsichtigt, seinen Pöbel in Kürze auszulöschen, sobald sie den Gerüchten auf den Grund gegangen ist, die besagen, daß eine ihrer Festungen von einer unbekannten Macht angegriffen wird. Außerdem erwähnt sie die verstärkte militärischen Präsenz aller Rassen in der Südlichen Wüste. Wie dumme Schafe folgten sie blind dem Irrläufern des Wahrhaftigen Königs. Nicht einer unter ihnen hat den Mut, zu seinen Überzeugungen zu stehen. Sie stolpern in seinen Fußspuren, als wären seine Visionen wahr und nicht die erbärmlichen Taschenspielertricks eines Betrügers. Doch wir werden ihnen zeigen, wie töricht ihre Handlungen sind, werden es mit ihrem eigenen Blut in ihre Geschichtsbücher schreiben.
Doch ich werde ungeduldig. Ich begehre das Blut des Wahrhaftigen Königs, seinen Körper, auf daß mein Finsterer Herr sich an seiner Seele laben kann. Meine Ehre verlangt von mir, daß ich weiter vorrücke, aber was ist mit meiner zugesagten Verstärkung? Die Hunde sollen die Qualen der Hölle zu spüren bekommen, dafür, daß sie meine befehle mißachten. Für diejenigen, die Gerüchte über einen Hinterhalt und ein Massaker verbreiten, werde ich mir eine noch unerträglichere Strafe ausdenken. Wir sind die Lakaien! Uns legt man keinen Hinterhalt, und niemand vermag es, uns zu massakrieren! Es ist ein Sakrileg, das auch nur zu denken!
Dennoch, wo bleibt nur die Verstärkung? Wenn sie eintrifft, werde ich schließlich doch nicht weiter vorrücken können, sondern meine Position halten müssen. Doch bevor ich vor den anderen Prophetien an Gesicht verliere, werde ich sterben. So soll es aufgezeichnet werden:
Von den fünf Einheiten, die jeweils zweitausend Mann stark waren und vor einer Woche die Zitadelle verließen, mißlang es nur einer, ihren Bestimmungsort rechtzeitig zu erreichen. Unter dem Kommando des namenlosen Marschalls der Westlichen Mark verließ sie die Zitadelle frisch und ausgeruht. Sie umfaßte Getreue, Verlorene und Augen des Finsteren, die unterstützt wurden von Verdammten, Gepeinigten und dem Nekromanten Xarr'ed. Sie hatten den Befehl, den Sturm gegen die Erstgeborenen an der Westfront zu unterstützen. Sie trafen nicht ein und schickten auch keine Nachricht über den Grund ihrer Verspätung. Infolgedessen waren die Streitkräfte des Wahrhaftigen Königs in der Lage, ihre Stellung zu halten und zu stärken. Wir werden nun eine weit größere Armee brauchen, um uns dieses lästigen Geschmeißes zu entledigen. Wir haben eine Niederlage erlitten, so klein sie auch sein mag, und ein Spähtrupp wird herausfinden, was mit den vermißten Truppen geschehen ist.
Wer auch immer für dieses Versagen verantwortlich ist, wird seinen Preis über die Ewigkeit im Feuer der Hölle entrichten.

Ich empfinde es als beunruhigend, daß meine Träume hiervon bereits berichteten, bevor es schließlich geschah. Und in denselben Träumen mußten die Lakaien vor einer neuen Bedrohung zurückweichen, einem neuen Feind, schlangenähnlich und älter als alles, was wir kennen. Es gab keine Worte in meinen Träumen; keine Geräusche bis auf das von rauschendem Wasser. Ich würde den Rat der anderen Propheten suchen, aber ich fürchte mich davor, ihnen meine Zweifel mitzuteilen. Falls wir wirklich einen neuen Feind gegenüberstehen, werden wir ihn zerstören, genau, wie wir alle unsere Feinde zerstören werden."

Der namenslose Kapitän der Westlichen Mark stemmte sich gegen seine Fesseln, doch die Hacken in seiner Haut hielten ihn fest. Die Schande war größer, als er ertragen konnte. Die Schande und die Angst vor dem, was ihm Fürst Negral dafür antun würde, daß er eine ganze Legion Lakaien verloren hatte. Zweitausend Mann stark und doch waren sie von den seltsamen Schlangenwesen niedergemacht worden, die aus dem Nichts über sie gekommen waren. Die erste Warnung, die einzige Warnung, die sie hatten, war das Geräusch rauschenden Wassers. Hier! In dem versengten Ödland, daß er persönlich gesäubert hatte. Hier, wo keine Feinde mehr übrig waren; wo die Erde aus qualmender Asche und schwarzem Boden bestand.

Der namenlose Kapitän war Teil eines magischen Rituals, irgendeiner Zeremonie, für die die Schlangen ihre eigenen fremden Bräuche achteten. Es herrschte absolute Stille, und das beängstigte ihn noch mehr. Er wurde als letzter geholt. Er beobachtete, wie die mächtige Gestalt eines Gepeinigten gegen seine Häscher kämpfte, aber diese trieben große bronzene Haken in den Körper des Gepeinigten und warfen das jammernden Ding wie Müll in die Dunkelheit. Als sie kamen, um ihn zu holen, taten sie es langsam und bedächtig, als würden sie den Moment genießen. Er litt große Schmerzen und war verzweifelt bei dem Gedanken an sein Schicksal, aber größer noch als all diese Gefühle war das Gefühl der Schande, den Propheten Negral so sehr enttäuscht zu haben. Die Aussicht darauf, vor dem Fürst der Finsternis zu stehen, voller Schande und entwürdigt.

"Also, Nisar, zuerst schickst du deinem Vetter und Rivalen in die öde Wüste des Südens, und nun suchst du sein Wohlwollen zu erlangen, indem du Waffen und Unterstützung entlang deiner Karawanenrouten schickst. Es gibt viele, die großzügige Summen dafür zahlen würden deine geheime Routen durch das zerklüftete Feuerland kennenzulernen, nicht zuletzt der Prophet der Finsternis Lokoth, der vergeblich versucht, deine Routen abzuschneiden. Doch nun behindert du mein Fortkommen. Denn trotz all der Kraft meiner Visionen kann ich nicht ungestört die Wüste studieren, solange deine Untertanen den Weg versperren."


Nisar's Gespräch über Geschäfte im Süden

"Der Orden des Leuchtenden Sterns nennt sie Stygianer, mein Herr. Und er warnt uns, daß ihre Macht wieder größer wird."
"Aber warum ausgerechnet jetzt, Bokhir? Wir werden bereits aus allen Richtungen von den verfluchten Lakaien bedrängt. Ich verfluche das Schicksal, daß es uns noch mehr Kummer beschert. Müssen wir alle Kriege dieser Welt selbst führen?"
"Ich fürchte, das Erwachen des schlafenden Feindes hat etwas mit den Machenschaften des Wahrhaftigen Königs zu tun, mein Herr. Euer Vetter Tabukhar schickte uns eine Nachricht über eine große Schlacht in der Wüste zwischen den Erstgeborenen und den echsenartigen Kriegern. Es scheint so, als wäre der Wahrhaftige König siegreich gewesen, aber nur durch zahlenmäßige Überlegenheit. Tabukhur erbittet Eure Zusage weiterer Unterstützung. Dafür wäre er bereit, seinen Anspruch auf den Thron ruhenzulassen."
"Dafür ist es noch zu früh, aber nichtsdestoweniger ist es ein zufriedenstellendes Angebot. Sag mit, Bokhir, können wir ihm vertrauen?"
"Nein, mein Herr."
"Ganz recht, Bokhir, das können wir nicht", antwortete Nisar mit einem grimmigen Lächeln, "Aber wir können ihn für unsere Zwecke benutzen."
"Mit größter Gewißheit, mein Herr."
"So sei es. Benachrichtige unseren Vetter, daß wir ihm, trotz seiner Aufsässigkeit, die Unterstützung zusagen, die er erbittet. Sage ihm, er möge die Handelsrouten sichern und den Wahrhaftigen König angreifen, wann immer es ihm möglich ist, ohne einen ausgewachsenen Krieg zu beginnen. Darum können wir uns kümmern, wenn wir die notwendigen Mittel haben."
"Und falls er Stygianern begegnet?"
"Wenn man der Geschichte des Trolls Glauben schenken darf, sollten wir uns vor diesen Kreaturen besser in acht nehmen. Nein, zuerst müssen wir den wiederholten Einfällen des Wahrhaftigen Königs Einhalt gebieten. Dann, wenn wir den Schlangenfeind einschätzen können, werden wir wissen, wie wir ihn besiegen können. Jedoch ..." Nisar erhob seine Stimme und seine Hand und zeigte auf seinen Ratgeber. "Sollte er irgendwelche Artefakte oder Beweise für die Existenz von stygianischen Städten finden, soll er uns umgehend persönlich davon in Kenntnis setzen, oder wir werden ihn in Zukunft nicht mehr so großzügig behandeln."
"Wie ihr wünscht, mein Herr. Unsere Agenten sind an Ort und Stelle und werden darauf achten, ob er Eure Befehle befolgt."
"Hervorragend, Bokhir. Und nun schickt den Troll herein, und wir werden sehen, ob der Angriff auf seinen Spähtrupp in irgendeinem Zusammenhang mit dem langsameren Vormarsch der Lakaien steht. Es könnte sein, daß wir trotz der Dummheit des Wahrhaftigen Königs von einer neuen Armee auf dem Schlachtfeld profitieren könnten."

Als Nisar sich auf seinem Blutthron aufrichtete und Bokhir sich umdrehte, öffnete sich die Pforte zum Thronsaal und ein von den Strapazen der Reise gezeichneter Troll betrat den Saal. Er fiel auf die Knie herab und beide, der Ogerkaiser und sein Großwesir, bemerkten seine Verstümmelung: Der linke Unterarm war direkt unter dem Ellenbogen abgetrennt. Dies verspracht eine interessante Geschichte zu werden.

Nach den schmalen und beengten Pfaden wurde ihm bei dem weiten Ausblick schwindlig. Sie standen am Rand einer hohen Felswand, die sich um einen Grabenbruch wand und ihn völlig einschloß. Am Boden des Tals stand eine enorm große Pyramide aus rotem Sandstein. Die Erde an diesem Ort schien stark erschüttert worden zu sein, da sich die gewaltige Pyramide zur Seite geneigt hatte und nun in einem scharfen Winkel stand - eine Ecke in dem felsigen Boden begraben. In der Konstruktion befand sich ein großer Riß und mehrere kleinere Risse verliefen von der versunkenen Ecke nach oben, doch trotz dieser Verfallserscheinungen schien die Pyramide stabil genug zu sein, um weitere tausend Jahre zu stehen...
Die Pfadfinder wollten gerade widersprechen, als das Geräusch von klirrenden Waffen und ein qualvoller Schrei jeden Streit unterband.
Nachdem er den Kampflärm gehört hatte, begann sich Jarek von einem Moment zum nächsten von einem friedfertigen, beinahe sanften Gefährten in ein Wesen aus Stärke und tödlichen Stahl zu verwandeln. Einem primitiven Instinkt folgend kauerte er sich nieder und spürte den Windhauch einer Klinge, die über seinen Kopf strich. Er nahm sein zweihändiges Krummschwert, schwang es in einem großen Bogen herum, um den Gegner zu töten, den er nicht einmal gesehen hatte. Seine Klinge traf etwas festes und schlug tief in es hinein und als er nach oben blickte, sah er eine Kreatur mit großen Schlangenaugen, die ihn von oben anstarrte.

"Mögest du im Feuer der Hölle schmoren, Zazen! Du weißt nicht, was du getan hast! Die Tafeln des Schicksals sind wie Gold und Schmuck, mit denen man handeln kann. Sie sind keine Trophäen, mit denen du dich an deinen Erfolg ergötzen kannst. Sie sind wie Augenbinden in einem Raum voller giftiger Stachel. Wie du so schnell eine in deinen Besitz bringen konntest, werde ich vielleicht niemals erfahren, aber du hast unser aller Leben gefährdet, und weißt nicht einmal, was du getan hast."


Das Geheimnis Herzog Zazens

Der Wind heulte unablässig um den höchsten Turm der Elfenstadt Elymris, und Zazen zog den Samtmantel enger um seinen dünnen Körper. Er hätte lachen wollen, doch das hätte nur seinen stechenden Husten herausgefordert, weshalb er sich für ein Lächeln höchster Zufriedenheit entschied.
Gut geschützt vor der Kraft der tobenden Elementen, lag vor ihm ein großer kreisförmiger Stein. Er war so breit wie ein Elf hoch war, und tief wie ein Sarg. Selbst für das größte Luftschiff der Elfen hatte er sich als schwierige Fracht erwiesen, doch nun war er hier, in seinem Besitz. Als wolle er seinen Triumph auskosten, streckte der Elfenherzog seinen hageren Arm aus und strich sanft über den uralten Stein. Er konnte die Macht spüren, die der Stein barg, und beinahe konnte er das Fluchen des Wahrhaftigen Königs hören.
"Nun, soll er fluchen" flüsterte Zazen amüsiert. "Es wird ihm guttun, zu lernen, daß man selbst ihn überlisten kann." Der Körper des Herzogs vom Haus des Kristall-Lotus war zerbrechlich geworden, doch der Verstand des Elfen war schärfer als jemals zuvor, fast als würde er seine Schwäche auf diese Weise ausgleichen wollen.
"Hält er uns tatsächlich für Kinder, die darauf warten, daß er ihnen die Erlaubnis zum Spielen gibt? Welch maßlose Arroganz und Eitelkeit. Auch wenn ich nicht völlig verstehe, was hier vor mir liegt, weiß ich, daß es seine Pläne stört, und das gefällt mir. Ich härte, es hat ihn beinahe dreitausend Ritter gekostet, die Stygianer bei Ipkur-Kesh niederzumachen, bis er an den Stein gelangte, der sich im Inneren der Pyramide befand. Mich kostete es nicht einen Mann. Nicht ein einziger Elf mußte sein Leben lassen, um mich in den Besitz dieser Trophäe zu bringen. Und doch war es teuer. Falls die anderen Häuser je herausfinden, wieviel Lotusblumen es mich gekostet hat, diesen Stein zu erlangen, werden sie meine Haut an den Mauern des Kristallpalastes aufhängen, und ich könnte es ihnen nicht einmal verübeln. Die Vorräte unserer Lager sind erheblich geschrumpft und werden nie wieder groß genug sein, um solch ein Unternehmen durchzuführen, doch ich weiß, der Erfolg war es wert. Der Zorn des Wahrhaftigen Königs ist Beweis genug für den wahren Wert dieses Steins. Außerdem habe ich zusätzlich zu diesem mysteriösem Artefakt die Festung im Süden erhalten, von der aus wir die kleineren Häuser dort unterstützen werden. Ich werde sie zwar vermutlich niemals zu Gesicht bekommen, aber man berichtete mir von der Schönheit der Pyramide bei Hathor. Eine mächtige Steinpyramide, auf einem großen Plateau aus Sandstein, ausgestattet mit tiefen Trinkwasserquellen. Wir selbst hätten keine beeindruckendere Festung errichten können."
Herzog Zazen entfernt sich von dem Stein, von der Tafel des Schicksals, und stellte sich ans offene Fenster.
"So durchschauen wir schließlich doch noch diene Pläne. Zwar kein Irrsinn, aber doch ein riskantes Spiel. Und wieder einmal drehst du das Rad, von dem unser aller Leben abhängt. Hast du gewußt, daß dein Unternehmen den Ansturm der Lakaien verlangsamen wird, oder hast du dich nur deiner grenzenlosen Machtgier hingegeben? Die Lakaien sind immer noch da und werden auch nicht verschwinden, doch in der Tat können wir nun erstmals ihren Vormarsch Einhalt gebieten. Es fragt sich, für wie lange. Über die Lakaien sagt uns das, was wir über sie wissen, daß wir sie fürchten müssen, die Stygianer hingegen müssen wir fürchten, weil wir nichts über sie wissen. Doch auch die Erstgeborenen bedrohen unsere Souveränität, und müßte ich zwischen den drei wählen, wüßte ich nicht zu sagen, wen ich als erstes zerstören wollte. Trotz aller Zweifel, jetzt habe ich eine Karte in der Hand, mit der ich in deinem Spiel mitspielen kann, und ich glaube, es ist ein Trumpf."

Der junge Herzog Draken aus dem Haus des Saphirs beobachtete erleichtert, wie das große Luftschiff schließlich doch noch ablegte, an Bord die seltsame und wertvolle Fracht. Nur die Mannschaft des Schiffes und diejenigen, die den Stein getragen hatten, wußten von ihrer Existenz und niemand wußte mehr, als daß es sich um ein wertvolles Artefakt handelt, daß für den Palast von Herzog Zazen bestimmt war. Andere hatten ihre Bemühungen beobachtet, den Stein in ihren Besitz zu bringen, aber die meisten Elfen waren zu klug, nach solchen Dingen zu fragen und diejenigen, die Geheimhaltung geschworen hatten, kannten den Preis für gedankenlose und unvorsichtige Äußerungen. Zazens Geheimnis war sicher.

Warnrufe am Rand des Plateaus rissen Drakon aus seinen Grübeleien. Er rannte hinüber, um die Ursache für die Unruhe zu erfahren. Die Miliz, die er in regelmäßigen Abständen oben auf der Felswand positioniert hatte, hatten sich bereits um den Tumult gekümmert. Ein weiterer Versuch einer kleinen Anzahl von Stygianern, das Plateau in ihren Besitz zu bringen und die Elfen zu vertreiben. Sie würden schon mehr als eine Handvoll Schlangenwesen brauchen, um sie jetzt von hier zu vertreiben. Die Felswand selbst hat sich als hervorragende Barriere erwiesen und er hatte seinen Männern Wachsamkeit eingeimpft. Er war bereits bei mehreren Gelegenheiten Stygianern begegnet und hatte sie jedesmal besiegt. Beim ersten Mal mit schweren Verlusten, doch die Verluste waren jedesmal geringer geworden. Sie waren ein furchteinflößender Feind, aber nicht unbesiegbar. Er wußte, das diese kleinen angriffe dazu dienen, seine Entschlossenheit und seine Verteidigung auf die Probe zu stellen, und daß sie früher oder später einen richtigen Sturm durchführen würden. Er war bereit; zumindest hoffte er, daß er bereit war.

"Ein Bund zwischen den Zwergenclans? Nein, eher ein aufgezwungener Waffenstillstand. Aber dennoch Grund zur Sorge. Wie eure mächtigen Ringfesten, so liegt auch der Weg, den ihr gewählt habt, im Verborgenen. Ihr greift meine Streitkräfte an und verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wie schafft ihr es, euch unbemerkt und ungehindert durch die Wüste zu bewegen? Eure geheimen Wege stellen keine direkte Gefahr für mein Reich dar, denn wenn das so währe, währe es mir nicht entgangen. Doch meine Unwissenheit beunruhigt mich sehr, denn ich bin es nicht gewohnt, im dunklen zu tappen!"


Die Hohen Fürsten der Zwerge

"Nein!" sagte Graugon Kag'n, Anführer der Dunklen Hauer, mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. "Das Labyrinth bleibt geschlossen. Nur die Krallenportale des Geierclans im Süden werden geöffnet."
In der Ratskammer hallte das verärgerte Gemurmel der Clanführer wider. Wenn sie das Labyrinth öffneten, würden sie sich endlich aus der Defensive befreien und mit Überraschungsangriffen in die Offensive gehen können.
"Das Labyrinth ist seit dem Verrat der Schakale versiegelt und wird nicht geöffnet, bis der letzte Schakal tot ist. Das Risiko ist zu groß. Die Welt weiß nichts von unserem größten Werk. Sie wird erst davon erfahren, wenn es für sie zu spät ist. Nicht einmal die Verräter, die Schakale, versuchten, ihren neuen Herren den Weg zu öffnen. Ich hüte das Siegel und ich halte den Schlüssel in meinen Händen. Ich sagen es noch einmal: Das Labyrinth bleibt geschlossen."
"Und doch öffnest du die Krallenportale für deine eigenen Zwecke" knurrte der Hohe Fürst der Gehörnten.
Einen Moment lang sah es so aus, als würde Kag'n den unverblümt redenden Hohen Fürsten schlagen wollen.
"Für meine eigene Zwecke? Niemals!" Kag'n starrte den Anführer der Gehörnten an und wandte sich dann an die anderen Clanführer, die in der Ratskammer versammelt waren.
"Schließlich haben wir doch die Natur der Unternehmungen des Wahrhaftigen Königs im Süden in Erfahrung gebracht. Wir haben herausgefunden, was sich hinter der animalischen Präsenz verbirgt, die alle unsere Hüter gespürt haben." Er sah demonstrativ den Anführer der Gehörnten an. "Alle Rassen richten in dieser Minute ihren Blick auf die Wüste, und wir sollen die einzigen sein, die den Kopf in den Sand stecken?"
Man nennt unseren neuen Feind Stygianer. Es heißt sie seien unvorstellbar alt und würden nur in der Wüste leben, aber wir wissen, daß sie überall in Chronopia existieren. Unsere Hüter irren sich nicht. Wir dürfen sie nicht ignorieren. Die Wüstenportale werden geöffnet, damit auch wir eine Basis im Land Der Zwei Flüsse errichten können. Es ist die einzige Möglichkeit, wie wir uns ungehindert, unbemerkt durch das Land bewegen können. Der Waffenstillstand mit dem Geierclan ist notwendig, obwohl ich unseren Bruder vom Wolfsclan zustimme, wenn er sagt, es sei töricht, den Geiern zu sehr zu vertrauen.
Falls es in der südlichen Wüste etwas zu holen gibt, müssen sich die Clans ihren Anteil sichern. Die Elfen und die Schwarzblüter haben ihre Stellungen bereits verstärkt, nun sind wir an der Reihe, es ihnen gleichzutun. Wir wissen von unserer ersten Begegnung, daß die Stygianer ein gefährlicher Feind sind, aber der Wahrhaftige König ist gefährlicher. In der Tat ist jeder mächtig, der die Armeen der Lakaien aufhalten kann, aber er würde es für niemanden außer sich selbst tun. Für eine Gelegenheit, Chronopia unangefochten zu beherrschen, würde er unser aller Leben opfern. Nun, ich werde ihn herausfordern, wir werden ihn herausfordern. Es ist an der Zeit, daß der Wahrhaftige König für seine Taten bezahlt und er wird teuer bezahlen müssen."

Kanis Drey rannte, so schnell ihn seine Beine tragen, doch die Hitze des Sandes unter seinen Füßen machte sie alle langsamer; alle, bis auf die Stygianer. Sie waren aus dem Nichts aufgetaucht. Das erste, was die Sturmtruppe der Zwerge wußte, war, daß einer der Wüstenwölfe aufheulte, als vor seinen Beinen etwas aus dem Boden hochschoß und ihn schreiend in den Sand zog. Innerhalb von Sekunden war er verschwunden; nicht einmal eine Spur von ihm war geblieben.
Die Sturmtruppe war aus dem Krallenportal in der Nähe an die Oberfläche getreten, um die Streitkräfte der Erstgeborenen zu überfallen, die sich bei dem Fluß befanden. Ihr Befehl: zuschlagen, töten, zerschlagen und wieder mit der Wüste verschmelzen, um sich dann hinter dem verborgenen Krallenportal in Sicherheit zu begeben.


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