Das Land Der Zwei Flüsse ist der erste Ergänzungsband in der 1.Edition gewesen. Der nun folgender Bericht von Peter Flannery stammt aus dem Chronicles #11 1998 und soll einen kleinen Einblick vermitteln wie damals im schottischen Designstudio von Target Games ein Produkt entwickelt wurde.
Nachdem wir ihn aus der Höhle zerren konnten, in der sein Computer steht, und in der er während des Schreibens an der ersten Chronopia-Erweiterung über Kopfhörer Musik hört, die er cool findet - der arme Kerl kommt aus Manchester, der Heimat von Bands wie Oasis, den Stone Roses und den Happy Mondays, also ist sein schlechter Musikgeschmack wohl kein Wunder -, hat uns Peter von den Ideen und Vorstellungen erzählt, die in Das Land der zwei Flüsse eingeflossen sind.Es ist immer schwierig, mit einem neuen Projekt zu beginnen, besonders wenn es der Nachfolger eines so guten Titels wie Chronopia ist. Chronopia ist eines dieser Produkte, bei denen man sich völlig sicher ist, daß es zum Erfolg wird. Jeder Teil des Spiels ist gut - die Regeln, die Zeichnungen, die Miniaturen, und das Layout. Selbst die Texte für den Hintergund sind besser als alles, was wir jemals vorher gemacht haben. Deshalb ist der erste Gedanke, der dir durch den Kopf schießt, wenn es darum geht, sich etwas Neues einfallen zu lassen: "Wie und wo zur Hölle sollen wir da weitermachen?"
Was wir wollten, ist ein Nachfolger, der auf den Stärken von Chronopia aufbaut und nicht versucht, das Rad neu zu erfinden. Wir haben eine spannende und gut ausgearbeitete Welt mit fünf klar gezeichneten Rassen. Jetzt brauchten wir ein neues Element, das uns neue Möglichkeiten eröffnen würde, und durch das wir auch neue Truppenarten für die ursprünglichen Rassen vorstellen konnten. Wir hatten eine Idee, und zwar eine ziemlich gute: von den Stygianer. Die Stygianer sind eine Rasse von Echsenwesen, die sich über die Wüsten des Südens von Chronopia ausgebreitet haben - ein Bereich, den wir auf der Karte im Basisspiel absichtlich leer gelassen hatten. Wir reden hier übrigens nicht von den Echsenmenschen aus diesen billigen Schwarzweißfilmen der 50er und 60er Jahre, die heute so gerne von anderen Firmen verwendet werden, sondern von einer wirklich finsteren Rasse, die eine ganz eigene Kultur und ein völlig anderes Wesen besitzt. Diese Rasse ist uralt und schlummerte über Jahrhunderte ungestört in ihren riesigen Tempelstädten, während sich die anderen Rassen ungehindert über die Welt verbreiten konnten. In der jetzigen Welt von Chronopia sind die Lakaien die bei weitem stärkste Einzelmacht. Sie sind eine Bedrohung für alle Rassen, und das aus allen Himmelsrichtungen. Der einzige Weg, die Welt vor dem Sturz in der Abgrund der Finsternis zu bewahren, ist, eine neue Bedrohung ins Spiel zu bringen - eine Bedrohung, die für die Lakaien eine ebenso große Gefahr darstellt wie für die anderen Rassen. Deshalb schickt der Wahrhaftige König, der in die Zukunft und in die Vergangenheit sehen kann, eine Expedition in die Wüste, um die verlorene Stadt Ipkur-Kish zu finden und die Stygianer aus ihrem Schlaf.
Als nächstes folgt der Abschnitt aus dem Buch, in dem eine kleine Gruppe Ritter das erste Mal auf die Stygianer trifft:
Auf einmal ertönte ein Geräusch wie von einem brechenden Siegel, und die bronzene Tür glitt zurück und rollte beiseite. Die Dunkelheit hinter der Tür schien noch tiefer und durchdringlicher zu sein als bisher, und das Gefühl der Bedrohung wurde fast greifbar. Die Ritter zogen ihre Schwerter. Einer näherte sich dem Eingang und spähte ins Dunkel. Das Licht des Mondes strahlte an ihm vorbei und wurde von einem Punkt in der Schwärze reflektiert. Er starrte angestrengt in die Dunkelheit und versuchte zu erkennen, worum es sich bei der dunklen Gestalt handeln konnte. Das schwache Licht fiel auf schwarze Schuppen. Einen Moment lang erkannte er Nüstern, einen stark gezackten Kamm, und ein dunkles Auge. Ein Tier, dachte er, eine Schlange oder eine Eidechse, aber groß. Das Ding bewegte sich, kam näher, und der Klang seiner Schuppen auf dem steinernen Boden hörte sich an wie ein Strom von fließendem Wasser.
Der Ritter trat einen Schritt zurück, als die riesige Echse aus dem Schutze der Dunkelheit glitt und er das Funkeln von bronzenem Schmuck an ihrer Gestalt erkannte. Kein Tier, dachte er, ein Wesen. Zivilisiert, intelligent. Das Wesen näherte sich langsam. Das schwache Licht des Mondes enthüllte seine kräftige Statur und eine kunstvoll gearbeitete Rüstung. Es muß stark sein, schoß es dem Ritter durch den Kopf, und gefährlich. Die Echse erhob ihre muskulösen Arme zu einer betenden, fast flehenden Geste, doch jede ihrer großen Fäuste umklammerte eine sichelförmige Klinge - scharf und gnadenlos.
Der Ritter fuhr herum und setzte an, eine Warnung zu brüllen, doch da schnellte die Echse schon vor. Ihre erste Klinge fuhr wie ein eiskalter Dorn in die Leiste des Ritters und wurde sofort mit Gewalt nach oben gerissen. Als der Ritter irgend etwas in seinem Bauch reißen spürte, schrie er und schlug mit seinem eigenen Schwert zu, doch die Kreatur duckte sich unter seinem Schlag durch. Sie ist schnell, durchzuckte ihn der Gedanke, viel zu schnell. Die zweite Klinge der Echse fand am Hals des Ritters eine Lücke im Brustpanzer und fuhr tief in seinen Oberkörper. Sein Schwert fiel klirrend zu Boden, als ihn die Echse - der Stygianer - von den Füßen riß, fauchte und über sich stemmte. Seine Gefährten stolperten voller Entsetzen zurück, als sie den blutenden Körper des Ritters in die Höhe schnellen sahen. Zwei von ihnen trugen das Opfer der Falle, in die sie alle getappt waren, während der Dritte ihren Rückzug deckte. Der Stygianer starrte die weglaufenden Ritter regungslos mit seinen kalten Augen an glitt dann langsam in den Raum zurück, wo er den sich windenden, bluttriefenden Körper vorsichtig, fast zärtlich auf einen Altar legte. Noch bevor er ihn losgelassen hatte, wurde das immer noch hervorströmende Blut des Ritters pechschwarz und schien von dem Altar aufgesogen zu werden. Der Stygianer schloß seine Augen, als ob er sehr müde oder gesättigt ist und die Ritter flüchteten.
Es hat unheimlichen Spaß gemacht, das Land der zwei Flüsse zu beschreiben. Am Anfang war es etwas schwierig das ganze Projekt in den Griff zu kriegen, aber dann habe ich angefangen, mir die beiden Flüsse als den Fluß der Zeit und den Strom des Blutes vorzustellen (hmm, haben wir hier einen kleinen Poeten unter uns, Peter? - Anm. d. Red.) Und von da an lief es reibungslos. Es war von Anfang an überhaupt keine Schwierigkeit, sich die Stygianer vorzustellen, da Adrian hier ganz fantastische Entwürfe und Skizzen angefertigt hat. Der Wächter, die Priesterin, sogar die normalen Truppen sehen einfach toll aus. Dave hat die Regeln für die neue Armee ausgearbeitet, und mit Stygianer, die über feindliche Figuren hinwegspringen, sich wie Chamäleon tarnen und erlittene Wunden heilen können, indem sie ihre toten Feinde fressen, haben wir eine Vielzahl von völlig neuen und spannenden Möglichkeiten für die Schlachten.
Nachdem wir mit dem Projekt angefangen hatten, hat es ziemlich schnell eine Eigendynamik entwickelt. Wo wir am Anfang nur die grundlegende Idee hatten, spürten wir immer mehr, wie das ganze zu einem professionellen Produkt wurde, in das alle Beteiligten ihr Bestes gesteckt haben. Damit haben natürlich schon unser nächstes Problem, nämlich einen Nachfolger für das Land der zwei Flüsse zu entwerfen, aber das sind die Herausforderungen, die unseren Job interessant machen. Erstmal, bevor ich euch verlasse, gebe ich euch aber noch einen Teil aus der Einleitung mit auf den Weg, die euch den Stand der Dinge zu dem Zeitpunkt schildert, als die Stygianer die Arena betreten. Ich hoffe, ihr habt Lust auf mehr!